Aufschub wegen Corona

Pandemie-Gesetz erlaubt Vereinen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg spätere Jahreshauptversammlungen

Jahreshauptversammlung der TG Rotenburg in der Großsporthalle. Nur wenige Mitglieder besuchten die Veranstaltung, bei der allerdings auch keine Wahlen anstanden.
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Nur am Platz ohne Maske und nur ein Hausstand dicht beieinander: Die TG Rotenburg hatte in der vergangenen Woche Jahreshauptversammlung in der Großsporthalle. Nur wenige Mitglieder besuchten die Veranstaltung, bei der allerdings auch keine Wahlen anstanden.

15 Monate Corona-Pandemie haben auch bei den Vereinen im Kreis Hersfeld--Rotenburg ihre Spuren hinterlassen. In manchen Gruppierungen ruht das Vereinsleben seit März 2020 komplett, andere setzen zum Teil auf digitale Angebote.

Hersfeld-Rotenburg – Zumindest eine formale Last ist den Verein genommen: Jahreshauptversammlungen dürfen bis Ende 2021 ausgesetzt werden. Die beim Amtsgericht Bad Hersfeld für das Vereinswesen zuständige Rechtspflegerin Andrea Wetterau weist auf das Gesetz über Maßnahmen im Gesellschafts-, Genossenschafts-, Vereins-, Stiftungs- und Wohnungseigentumsrecht zur Bekämpfung der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie hin, nach dem der Vorstand auch nach Ablauf seiner Wahlperiode im Amt bleiben kann bis zur nächsten möglichen Sitzung. Alternativ dürfen die Vereine auch digitale Versammlungen oder sogar schriftliche Abstimmungen abhalten, was ohne das Gesetz nur möglich wäre, wenn es die Satzung zulässt.

Voraussetzung ist nach Angaben der Rechtspflegerin, dass die Mitglieder auch tatsächlich die Möglichkeit haben, online teilzunehmen. Einige wenige solcher Versammlungen habe es jedoch gegeben. 1027 Vereine sind nach Wetteraus Angaben beim Amtsgericht registriert, Hinzu kommen ungezählte Vereine, die nicht im Vereinsregister eingetragen sind. Die eingetragenen Vereine sind verpflichtet, Änderungen des Vorstands und Satzungsänderungen, beim Amtsgericht zu melden.

Vereinsauflösungen aufgrund der Pandemie sind Andrea Wetterau nicht bekannt. Tendenziell gebe es im Kreis mehr Neuanmeldungen als Auflösungen.

Die zunehmende Digitalisierung hat dazu beigetragen, das Vereinsleben außerhalb der Regularien wenigstens ein bisschen aufrechtzuerhalten. So gab es zum Beispiel für die Sänger des MGV Breitenbach USB-Sticks mit Übungsstücken von Chorleiter Michael Maiwald, der jede Stimmlage einzeln eingesungen hatte und damit den Sängern eine Schulung ermöglichte, berichtet Vorsitzender Peter Spieß. Andere Sportvereine wie der TV Hersfeld haben Übungseinheiten ins Netz gestellt.

Nicht möglich oder nicht zumutbar

In Paragraf 5 des Gesetzes über die Auswirkungen der Pandemie heißt es, dass der Vorstand nicht verpflichet ist eine ordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen, solange die Mitglieder sich nicht an einem Ort versammeln dürfen und die Durchführung der Mitgliederversammlung im Wege der elektronischen Kommunikation für den Verein oder die Vereinsmitglieder nicht zumutbar ist. 

Vor allem digitaler Kontakt blieb

Die Inzidenzzahlen haben es möglich gemacht, so langsam beginnen die Vereine im Landkreis wieder mit dem Übungsbetrieb. Formalien wie Jahreshauptversammlungen werden nach und nach geplant.

Sportvereine

Der mit 1600 Mitgliedern größte Sportverein im Kreis Hersfeld-Rotenburg, der TV Hersfeld, hat bislang noch keine Jahreshauptversammlung organisiert, berichtet Sportwart Werner Schneider. Jetzt, da die Jahnhalle wieder geöffnet sei, könne man darüber nachdenken.

Der Verein, dessen Mitglieder zur Hälfte Kinder und Jugendliche sind, ist nach Einschätzung Schneiders gut durch die Pandemie gekommen. Die Mitglieder hätten sich als treu und loyal erwiesen, Austritte habe es nur „spärlich“ gegeben. Einzelne Abteilungen hätten Übungseinheiten per Video angeboten, in anderen gab es online schriftliche Übungseinheiten.

Die TG Rotenburg mit 722 Mitgliedern hat ebenfalls nur wenige Austritte verzeichnet, wie Vorstandsmitglied Toni Genovese berichtet. Der Verein hat in der vergangenen Woche seine Jahreshauptversammlung veranstaltet – in der Großsporthalle und mit einem abgestimmten Hygienekonzept.

„Wir haben eingeladen und gehofft, dass die Zahlen wie im vergangenen Sommer eine Versammlung hergeben“, sagt Genovese. Und es hat geklappt.

Auch die TGR hat den Kontakt zu den Mitgliedern überwiegend digital gehalten. Jetzt ist man froh, dass der Betrieb wieder anläuft, heißt es im Verein.

Musik- und Chorvereine

Während man sich beim MGV Breitenbach mit wachsender Begeisterung die digitalen Möglichkeiten für Gesangsübungen erschlossen hat, ruht in vielen anderen Chören der Betrieb seit 15 Monaten. „Ich habe unser Sängerheim im März 2020 abgeschlossen, und das war’s bis jetzt“, sagt der stellvertretende Vorsitzende von Chorgemeinschaft/Gemischter Chor Lispenhausen, Hans Wagner. Beim Spielmanns- und Fanfarenzug Rotenburg weiß man um Aerosole und deren Bedeutung in einer Pandemie. Die Auflagen für einen Übungsbetrieb mit Fanfaren und Querflöten seien einfach nicht einzuhalten gewesen, sagt Vorsitzender Ralf Bämpfer. Digitale Übungsstunden haben im Spielmannszug nicht geklappt.

Die letzte Übungsstunde war am 6. März 2020. Seither beschränkte sich das Vereinsleben auf Kontakte in sozialen Medien. Immerhin: Eine Jahreshauptversammlung konnte im vergangenen September in der Großsporthalle abgehalten werden. Und im März 2021 hat der Vorstand alle Mitglieder persönlich besucht und an der Haustür ein Geschenk abgegeben. Ralf Bämpfer ist erleichtert, am Wochenende sollte der Übungsbetrieb wieder starten.

Geflügelzüchter

Fred Hofmann, Vorsitzender des Geflügelzuchtvereins Ornis in Lispenhausen, weiß gar nicht, wohin mit dem Glück: Die Zahl der Mitglieder ist in der Pandemie um 26 gestiegen. „Das sind alles junge Leute um die 30, die umweltbewusst denken“, glaubt er. „Die machen sich Gedanken, woher ihr Essen kommt.“ Diese neue Art der Mitglieder ist dem Verein auch willkommen, wenngleich Zucht und Ausstellungen bei ihnen kaum noch eine Rolle spielen. „Die holen sich Tipps bei uns, welches Geflügel geeignet ist“, sagt Hofmann. „Wir helfen ihnen dabei.“

Segelclub

„Segeln lernen am PC ist nun wirklich nicht möglich“, weiß der Vorsitzende des Segelclubs Bebra, Meinhard Bergmann aus Bad Hersfeld. Der Segelcub residiert am Breitenbacher See. Bergmann, der erst im vergangenen Jahr ins Amt gekommen ist, sieht die Jugendlichen im Verein als Verlierer der Pandemie an, denn die Jugendarbeit musste komplett eingestellt werden: Trainer und Segelschüler seien einfach zu dicht beieinander auf dem Boot. Im Jahr vor der Pandemie wurden noch vier jugendliche Segler ausgebildet. Kontakt wurde per Mail gehalten, Vorstandssitzungen fanden in Videokonferenzen statt, berichtet Bergmann. Jetzt hofft der Verein auf einen Termin im Gasthaus, um die Jahreshauptversammlung festlegen zu können. Und am nächsten Wochenende soll es eine Juxregatta am Breitenbacher See geben.

Von Silke Schäfer-Marg

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