Sie hat sieben Nähmaschinen

Hauptsache stilecht: Schneiderin aus Rocksüß näht mittelalterliche Gewänder

+
Ganz authentisch: Sabine Zieseniss und Ehemann Axel in mittelalterlicher Gewandung.

Rockensüß. Die Gewänder, die Sabine Zieseniss fertigt, sehen aus als kämen sie  geradewegs aus dem Hochmittelalter. Jedes Detail stimmt.

„Ein modernes Detail in der Gewandung fällt auf eintausend Schritt auf“: So klingt ein Satz von Sabine Zieseniss. Sie sagt Schritt, nicht Meter. Und sie sagt es in einem Ton, der deutlich macht: Es fällt unangenehm auf. Die 60-Jährige aus Rockensüß fertigt aufwendige mittelalterliche Gewänder, bei denen jedes Detail passt. Ihre Leidenschaft gilt dem 13. Jahrhundert, seit mehr als zehn Jahren sind Mittelaltermärkte ihr zweites Zuhause.

Der Reiz für sie: Abtauchen, den Alltag hinter sich lassen – der sie aber unweigerlich einholt, wenn das Mittelalter-Gewand mit Plastikknöpfen übersät ist. Dabei sei das Schneidern einer stilechten Bekleidung kein Hexenwerk: „Das kann jeder, der genug Zeit und Recherche investiert“, sagt Zieseniss.

Woher kommen die Muster?

Dass für die Diplom-Ingenieurin für Bekleidungskunst das Handwerkliche keine große Hürde ist, liegt auf der Hand. Aber: „Die Quellensuche ist immer noch eine Herausforderung“, sagt sie. Geschrieben hätten im Hochmittelalter (siehe Hintergrund) die Mönche – „aber die konnten nicht nähen.“ Die Texte, in denen Kleidung eine Rolle spielt, müssten daher regelrecht interpretiert werden. Gängige Fragen für Sabine Zieseniss sind: Wo sitzt der Verschluss, wie ist der gemacht? Gab es schon Knöpfe?

Ihre wichtigste Quelle ist das Internet, zum Austausch mit anderen Mittelalter-Kennern und bei der Suche nach Bildmaterial. „Die Abbildungen, die man findet, sind häufig eine Rückschau“, erklärt die Schneiderin. Sie zeigen also nicht die aktuelle Mode der Zeit – und sind zudem mit künstlerischer Freiheit gezeichnet. Das hat sie anfangs einige Fehlschläge gekostet.

Sabine Zieseniss mit ihrem ersten mittelalterlichen Kleid.

Ihr erstes mittelalterliches Kleid hat sie aufgehoben

Ihr erstes Kleid – grün, weit geschnitten, lange Ärmel – hat sie trotzdem aufgehoben. Auch aus Sicht einer Frau aus dem Hochmittelalter macht das Sinn: „Früher gab es keine Hilfsmittel wie Webstühle, das war alles furchtbar umständlich“, sagt Zieseniss. „Selbst Burgfrauen trugen ihre guten Kleider, bis sie ihnen vom Leib fielen.“ Sie selbst benutzt beim Schneidern eine ihrer sieben Nähmaschinen: moderne Hilfsmittel sind in Ordnung, so lang das Ergebnis ins Mittelalter passt, findet sie.

Je nach Stoff benutzt die Schneiderin verschiedene Nähnadeln: Metall eignet sich für zähe Wolle, eine Knochennadel fürs Nadelbinden, dünne Sticknadeln kommen bei Seide und Leinen zum Einsatz. Die Mittelalter-Gewänder der Rockensüßerin entstehen im Feierabend und am Wochenende. Zwei Tage braucht sie für die Konstruktion und das Zuschneiden des Gewands. „Dann mache ich die Handarbeit“, sagt sie, also Knöpfe, Stickereien und Verzierungen. Bis zu 60 Stunden, schätzt die Rockensüßerin, investiert sie in ein Gewand.

„Ohne zeitgemäße Kleidung kommt man als Teilnehmer nicht auf die guten Märkte“, sagt Zieseniss, die mit ihrem Mann Axel in zwei Mittelalter-Gruppen ist. Seit Mai ist sie die Burgschneiderin der Burg Herzberg. „Für mein Handwerk ist das so was wie der Ritterschlag“, sagt sie.

Hintergrund: Europa im Hochmittelalter

Als Hochmittelalter wird die Epoche etwa zwischen den Jahren 1050 und 1250 bezeichnet. Europa erlebte in dieser Zeit kulturell und wirtschaftlich eine neue Entfaltung, mitausgelöst durch anhaltendes Bevölkerungswachstum.

Das Christentum hatte sich in weiten Teilen Europas durchgesetzt, Päpste und weltliche Herrscher rangen um die Vormacht. Die ersten Universitäten entstanden, auch Beamte und Adlige lernten Lesen und Schreiben. Das Hochmittelalter ist zudem die Zeit der Kreuzzüge – und damit des Rittertums. Das römisch-deutsche Reich verlor seine Vorherrschaft, Frankreich und England gewannen an Einfluss. 

Zur Person: „Hätte nicht gedacht, dass ich mal in Nordhessen lande“

Sabine Zieseniss (60) ist in Wuppertal geboren und aufgewachsen. Sie studierte an der Fachhochschule in Mönchengladbach, ist Diplom-Ingenieurin für Bekleidungstechnik (Schwerpunkt: Kollektionsgestaltung) und wollte eigentlich in Mailand Mode entwerfen.

1978 lernte sie während des Studiums ihren Mann Axel kennen – und entschied sich „für die Liebe und gegen die Karriere“, wie sie sagt. Seit dem Jahr 2000 lebt das Ehepaar im Cornberger Ortsteil Rockensüß. Dort betreibt Zieseniss ein Atelier. Zunächst auf Herrenwäsche spezialisiert, steht sie heute für auf den Leib geschneiderte Korsetts und beliefert Kunden bis nach Hongkong und die USA. Sabine Zieseniss hat eine erwachsene Tochter. 

Kommentare