Große Politik in der Trinkhalle

Landrat Koch zur Bürgersprechstunde in Cornberger Kneipe

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In der Trinkhalle in Cornberg nahm keiner ein Blatt vor den Mund: Unser Foto zeigt Dr. Michael Koch, rechts, am Tresen im Gespräch mit den Bürgern.

Cornberg. Landrat Dr. Michael Koch hat eine Bürgersprechstunde in der Trinkhalle von Cornberg veranstaltet. In der Gemeinde gibt es besonders viele unzufriedene Wähler. 

Wer die Tür der Trinkhalle in Cornberg öffnet, dem stockt erst mal kurz der Atem – jedenfalls den Nichtrauchern. Die Trinkhalle ist eine Raucherkneipe. 15 Cornberger sind am Mittwochnachmittag in die Kneipe gekommen – auch passionierte Nichtraucher halten die Stunde durch. Landrat Dr. Michael Koch hat zur Sprechstunde eingeladen.

Noch bürgernäher will er werden. Raus aus dem Rathaus und mittenrein ins Leben, wo gelacht und geschimpft und auch getrunken wird. Wo keiner ein Blatt vor den Mund nimmt. Und es ist kein Zufall, dass Koch seine Tour durch den Landkreis in Cornberg beginnt. Die Gemeinde leidet unter dem Ruf als AfD-Hochburg und „Tal der fliegenden Messer“.

Die Bürger nutzen die Chance, sich ihre Sorgen von der Seele zu reden. Das erste Drittel geht mit der Kritik an den Straßenbeiträgen drauf. „Wenn in Cornberg die Beiträge nicht abgeschafft werden, ziehen die Leute nach Bebra“, befürchtet ein Cornberger. „Mir ist wurscht, wie viele Schulden Cornberg hat. Die Straßenbeiträge müssen weg“, fügt ein anderer hinzu. Der Landrat hört aufmerksam und gleichzeitig entspannt zu, in lockerem Outfit, ein Bier und sein Handy vor sich auf dem Tresen.

Nach derzeitiger Rechtslage muss jede Gemeinde für sich selbst entscheiden, ob die Straßenbeiträge erhoben werden oder nicht. „Ich verstehe die Argumente, die vorgebracht werden, warum es als ungerecht empfunden wird, dass einige Bürger zur Zahlung herangezogen werden und andere nicht“, sagt Michael Koch. „Als Landrat kann ich hier nicht unmittelbar entscheiden. Ich bin mir aber sicher, dass die Debatte darüber in Wiesbaden noch nicht beendet ist.“

Zwischendrin klimpert das Kleingeld auf dem Tresen. Diskutieren macht durstig. Und auch der Landrat schmeißt eine Runde in der klitzekleinen Kneipe, in der die Besucher an Stehtischen stehen.

Auch Ortsvorsteherin Ursula Kuhnsch, Dritte von rechts, und Bürgermeister Achim Großkurth diskutierten engagiert mit.

Die Cornberger versuchen, auch in umstrittenen Projekten eine Chance zu sehen für die Gemeinde. Dazu rufen der Landrat, Bürgermeister Achim Großkurth und Ortsvorsteherin Ursula Kuhnsch auf. Auch den Bau der „schweineteuren“ Autobahn 44 von Kassel nach Eisenach sehen die Besucher der Sprechstunde als Chance, neue Firmen anzusiedeln.

Zu den für Cornberg wichtigen Projekten gehört der Erhalt des Klosters für viel Geld. Attraktive kulturelle Veranstaltungen finden im Kloster statt. „Ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt der Landrat.

Der Ärztemangel ist ein weiteres drängendes Problem, das die Bürger ansprechen, auch die fehlenden Kranken- und Altenpfleger. „Die Bezahlung in dem Bereich ist ein schlechter Witz“, sagt eine Cornbergerin.

„Manchmal bin ich auch frustriert“, plaudert der Landrat aus dem Nähkästchen. „Denn egal, was wir machen, wir bekommen nie nur Lob.“

„Ich nehme auch Leute ernst, die sagen, ich habe diesmal AfD gewählt“, sagt er später. „Aber wir müssen uns fragen, warum das so ist.“

„Früher hat die Politik in solchen Räumen wie hier stattgefunden. Und diskutieren bringt uns ja auch weiter. Es hat Spaß gemacht hier“, so das Fazit von Michael Koch. Und die Cornberger sind sich einig, als der Landrat schon zum nächsten Termin aufgebrochen ist: „Dieser Besuch hier bei uns war klasse, Herr Koch!“ Und ein Cornberger witzelt: „Nächstes Jahr kommt dann vielleicht Herr Bouffier oder sogar Frau Merkel in unsere kleine Kneipe“.

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