Letzte Ruhestätte von Mordopfern

Der Friedhof in Cornberg: Sie nannten ihn "Blutwiese"

Moos und Witterung als Gegner: An den Grabsteinen auf dem alten Friedhof in Cornberg nagt der Zahn der Zeit. Unser Bild zeigt Friedhofs-Nachbar Werner Simon (hinten) und Dr. Karl Kollmann, Historiker im Ruhestand, beim Untersuchen der Gräber.

Cornberg. Der alte Cornberger Friedhof ist ein Kulturdenkmal mit spannender Geschichte. Die Sandsteingräber und Obelisken sind beeindruckend. Aber der Friedhof braucht Pflege. 

Sie kommen in einer Sommernacht. Viele grausame Hände reißen ihn aus dem Schlaf, zerren ihn aus dem Gasthaus. Schleppen ihn im Schlafrock auf die Viehwiese vor dem Kloster Cornberg. Dort stirbt er, im Jahr 1704, durch eine Kugel: der Baron von Batzendorf. Adelsmann, Frauenheld. Hochstapler?

Den Abzug, so schreibt es der damalige Pfarrer Balthasar Knierim in seiner Entrüstung in die Kirchenbücher von Berneburg, drückte niemand Geringerer als „ihre Durchlaucht Wilhelm zu Rotenburg“, der Landgraf. 

Von Batzendorf wird verscharrt, ohne Zeremonie, zunächst in der Kirche des Cornberger Klosters. Wo sich die Überreste des Leichnams samt Grabstein heute befinden, ist nicht klar.

Hinweise führen auf den Friedhof in Cornberg

Hinweise haben den Historiker Dr. Karl Kollmann auf den alten Cornberger Friedhof geführt. Der windige Baron ist nicht das einzige Mordopfer, das in der Senke zwischen der Cornberger Ortsausfahrt und der Bundesstraße 27 seine letzte Ruhe gefunden hat. 

Der Friedhof, immerhin ein Kulturdenkmal, verfällt allerdings zusehens.

Der Friedhof im vergangenen Jahrhundert: Bild aus dem Jahr 1983. Klicken Sie auf die Pfeile im Bild, um den Ausschnitt zu vergrößern. 

Der 68-jährige Kollmann ist ein Spurensucher. Er hat Quellen über den jahrhundertealten Mordfall und das Leben von Batzendorfs aufgestöbert. Er hat über ihn geschrieben und referiert. 

Langweilig wird es ihm nicht – auch, weil noch viele Lücken zu füllen sind. „Wie der Baron zu seinem Titel gekommen ist, weiß man nicht“, sagt Kollmann.

Der Baron hatte ziemlich sicher eine Geschlechtskrankheit

Fest stehe dagegen, dass von Batzendorf freizügig Adelstitel vergeben hat – was er nicht durfte. Vielleicht war es das, was den Landgrafen von Hessen-Rotenburg gegen ihn aufbrachte. 

Oder Batzendorf hatte sich einmal zu oft die falsche Frau ausgesucht. Er galt als munterer Gast in so manch adligem Lustgarten – und hatte „ziemlich sicher eine Geschlechtskrankheit“, so der Historiker.

Fündig geworden ist Karl Kollmann bisher nicht. Der Name von Batzendorf taucht auf den rund 30 Gräbern und Obelisken, die von dem im Jahr 1526 angelegten Friedhof noch übrig sind, nicht auf. 

Doch die Jahrhunderte sind an den Grabsteinen nicht spurlos vorübergegangen: Viele Inschriften sind kaum noch zu lesen, der Cornberger Sandstein bröckelt. Die Totenstätten stehen schief, als würden sie sich in einen starken Wind lehnen.

Friedhofs-Nachbar: "Die Gemeinde muss sich kümmern"

Und in der Tat hat vor kurzem der Sturm gewütet: Friederike. Die alte Trauereiche hat im Fallen noch den Friedhofszaun unter sich begraben. Ein rot-weißes Absperrband schließt derzeit die Lücke.

„Die Gemeinde muss sich kümmern“, sagt Werner Simon und schabt vorsichtig mit einem feinen Schleifpapier die Inschrift eines Grabsteins frei. Seit 1965 wohnt der 78-Jährige auf dem Grundstück nebenan, der Friedhof ist sein Nachbar. 

Vor etwa acht Jahren packten er und sein Enkel es an: Drei Tage lang wurde richtig aufgeräumt. Sie befreiten die Grabsteine von Efeu und Moos und mähten den Rasen auf dem zugewachsenen Friedhof. Das Alte („Ich bin Jäger und Sammler“) liegt Simon am Herzen.

Friedhofs-Nachbar Werner Simon (links) und Dr. Karl Kollmann, Historiker im Ruhestand, beim Untersuchen der Gräber. Klicken Sie auf die Pfeile im Bild, um den Ausschnitt zu vergrößern. 

„Der Friedhof ist ein eingetragenes Kulturdenkmal“, sagt auch Dr. Karl Kollmann. Die Grabsteine müssten aufgestellt und gepflegt werden. Der Historiker hat die Hoffnung nicht aufgegeben, noch auf das Grab des Barons von Batzendorf zu stoßen.

Doch der Friedhof war früher größer. Durch die B 27 und den Ausbau der Hauptstraße bis zum Ortseingang hat er an Fläche verloren. Einige Steine wurden umgesetzt.

Ein Überfall auf dem Weg nach Bebra 

Damals etwa im Weg: der Grabstein des Gerbers Johann Gottfried Geng aus dem Jahr 1806 – vermutlich ebenfalls ein Mordopfer.

Der Grabstein wurde um drei Meter verlegt und ist heute noch auf dem Friedhof zu finden. Die Inschrift umreißt das Schicksal des Getöteten: Der 20-Jährige wurde auf dem Weg nach Bebra wohl von Grenzräubern überfallen. Gefunden wurde er am Waldrand, „durch viele Wunden entstellt“.

Das sagt die Gemeinde

"Es ist die Frage, ob es Sinn macht, die Fläche aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken“, sagt Cornbergs Bürgermeister Achim Großkurth. Um den alten Friedhof über das Mindestmaß hinaus zu pflegen oder sogar aufzuwerten, sei nicht nur großes ehrenamtliches Engagement nötig, sondern auch eine enge Abstimmung mit der Denkmalpflege. 

Denn Aufgabe der Gemeinde sei es, den Status Quo des alten und denkmalgeschützten Friedhofs zu erhalten: Der Rasen werde drei- bis viermal im Jahr gemäht, die Sturmschäden wurden beseitig. Für alles Weitere fehlt das Geld. „Der Friedhof ist nicht die dringlichste Aufgabe, die Cornberg derzeit zu erledigen hat“, so Großkurth. 

Die Gemeinde hat keinen genehmigten Haushalt und muss rund 42 000 Euro entweder einsparen oder einnehmen (wir berichteten). Investiert wird daher nur in das Nötigste. Es sei nicht einmal Geld für den neuen Friedhof da, was sich bereits bei der Pflege der Ruhestätte bemerkbar mache, sagt der Bürgermeister.

Eine Arbeitsgruppe für den Friedhof ist im Gespräch 

„Wir können über alles reden, was kein Geld kostet“, so Großkurth. Im Cornberger Ortsbeirat sei bereits eine Arbeitsgruppe für den Friedhof im Gespräch. Schon vor etwa zehn Jahren waren im Zuge der Dorferneuerung Pläne aufgekommen, den Friedhof aufzuwerten. Geklappt hat das nicht. 

Natürlich hänge am alten Friedhof ein Stück Cornberger Tradition – Wurzeln, die auf eine Zeit vor der Bergbausiedlung zurückgehen, die erst ab 1938 errichtet wurde. „Der Friedhof war bisher ein Ort des stillen Gedenkens. So soll es bleiben“, sagt Großkurth. 

Für mehr reicht das Geld nicht.

Leseraufruf

Liebe Leser, haben Sie auch einen alten Friedhof mit außergewöhnlichen Grabstätten und einer bewegten Vergangenheit in Ihrer Nachbarschaft? Eine Totenstätte, die beinahe in Vergessenheit geraten ist, aber etwas Aufmerksamkeit verdient hätte? Dann würden wir uns über Ihre Hinweise und alten Fotos freuen.

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