Bizarre Spuren

Bergbaualtlasten: Der Brodberg bei Nentershausen ist „keine Gefahr“

+
Mondlandschaft: Die ehemalige Kupferhütte der Mansfeld AG auf dem Brodberg hat Spuren hinterlassen. Pflanzen haben hier keine Chance. Nur einige trotzige Birken, die mit wenig Nährstoffen auskommen, bleiben zwischen grauem Sand und Geröll standhaft im Boden.

Nentershausen. Richelsdorf kämpft mit Altlasten aus Bergbau und Farbenproduktion. Jetzt machen sich die Bürger in Weißenhasel Sorgen. Auch oberhalb ihres Dorfes war ein Bergbau-Standort.

Versteckt im Wald und nur schwer erreichbar für Fußgänger und Autofahrer liegt sie da, zwischen Sontra und Weißenhasel im Landkreis Hersfeld-Rotenburg: Die Brodberghalde. Von 1936 bis 1957 wurden an dieser Stelle Mineralien wie Kupfererze und Schwerspat abgebaut.

Die ehemalige Kupferhütte der Mansfeld AG hat Spuren hinterlassen. Das 17,5 Hektar große Gebiet gleicht auch heute einer Mondlandschaft: Grauer Staub, Geröll, Sand wohin man schaut. Bäume und Pflanzen haben hier keine Chance. Vereinzelt ragen Birken, die mit wenig Nährstoffen auskommen, fast trotzig in die Höhe.

Pflanzenbewuchs so gut wie ausgeschlossen

1,15 Millionen Tonnen feinkörniger Flotationssand liegen hier. Überbleibsel der Trennung des zermahlenen Kupferschiefers. wie Michael Conrad, Pressesprecher im Regierungspräsidium Kassel, dieses Phänomen erklärt. Der Sand, der noch Reste von Schwermetallen enthält, besitze keine organischen Bestandteile. Darum sei ein Pflanzenbewuchs so gut wie ausgeschlossen.

Die Untersuchungen der Halde, die zwischen 2010 und 2012 im Auftrag der Gemeinde Nentershausen und mit Fördermitteln des Landes Hessen stattfanden, gaben Entwarnung: Der Boden sei nicht durch Altlasten geschädigt worden, keine Gefahr für Mensch und Umwelt, hieß es seitens der Hessischen Landesregierung nach einer Kleinen Anfrage der Grünen.

Haldensee: Das Regierungspräsidium in Kassel gibt auch hier Entwarnung.

Am unteren Ende der Halde gibt es zwei Rückhaltebecken, die sogenannten Polder. Sie besitzen einen Abfluss, der das Niederschlagswasser nach Aufstau und Absetzen des Sandes bis auf die Poldersohle abführt. „Von dort wird das mechanisch gereinigte Niederschlagswasser dem nächsten Vorfluter, der Hasel, zugeleitet“, ergänzt der Sprecher des Regierungspräsidiums. Der Haldensee könne sich bis zum nächsten Abfluss ausdehnen, wenn ein Aufstau entstehe.

Regierungspräsidium gibt Entwarnung

Auch hier gibt das Regierungspräsidium nach Untersuchungen von Grund- und Oberflächengewässer Entwarnung: Keine Altlasten für die Nutzung der Halde als Brachfläche. Außerdem sei ein Zufluss von Gewässern wie die Hasel in die Rückhaltebecken nicht bekannt.

Nicht untersucht wurde jedoch das aufgestaute Wasser im Haldensee. „Hier kommt es nur gelegentlich zum Aufstau“, begründet dies Michael Conrad.

Der Motorsport

Mit Sorge blicken die Menschen in Weißenhasel auch auf die Motorsport-Freunde, die seit einigen Jahren die Halde für ihr Hobby entdeckt haben. Zu den sogenannten Offroad-Parcours kamen sogar Clubs aus Berlin auf den Brodberg. Ganz offiziell wurden diese Veranstaltungen von der Ladner Recycling GmbH angeboten. Im Jahr 2011 überprüfte das Regierungspräsidium die Luftbelastung. „Die Grenzwerte wurden sowohl in unmittelbarer Nähe der Strecke als auch in der weiteren Umgebung deutlich unterschritten“, sagt Michael Conrad. Der Antrag wurde inzwischen nicht erneuert, sodass Motorsport nur noch an maximal fünf Tagen im Jahr erlaubt ist.

Tausende Tonnen Kupfer produziert

Kupferzeit in Weißenhasel: Von 1936 bis 1957 stand auch Weißenhasel im Zeichen des Bergbaus. Auf dem Brodberg wurden verschiedene Mineralien wie Kupfererze und Schwerspat abgebaut.

Mit den Unabhängigkeitsbestrebungen des Dritten Reichs gewann der Kupferbergbau im Richelsdorfer Gebirge wieder an Bedeutung. 

Das Gebiet wurde mit über 100 Tiefbohrungen intensiv untersucht. Hohlräume zur Erschließung von Lagerstätten wurden im Reichenbergschacht (bis 365 Meter) und im Schnepfenbusch-Schacht (bis 116 Meter) hergestellt. Das Grubenfeld Wolfsberg erhielt einen neuen Zugang über einen Schrägstollen. Auf dem Brodberg wurde eine neue Kupferhütte errichtet, die „Hessenhütte“, die über eine neun Kilometer lange Seilbahn mit den drei fördernden Gruben verbunden war. Der Standort Sontra hatte wegen des Bahnanschlusses große Bedeutung. Von 1939 bis 1945 wurden 10 000 Tonnen Kupfer produziert. 

Wiederaufnahme nach Krieg 

Nach dem Krieg veranlasste Hessen die Wiederaufnahme des Kupferschieferbergbaus. Die als Reparationsleistung abgebauten Hochöfen auf dem Brodberg wurden durch neue ersetzt und die Schäden an den Gruben beseitigt. Das Vorhaben hatte wegen steigender Kupferpreise Aussicht auf Erfolg. Doch im November 1950 „ersoff“ der leistungsfähigste Reichenberg-Schacht. Die Förderung auf Schnepfenbusch und Wolfsberg war dafür kein Ersatz. Währenddessen wurden im Ausland reichere Lagerstätten gefunden. Die Subventionen in Höhe von neun Millionen DM überschritten 1955 die Lohnsumme. Das bedeutete das Aus für den Kupferschieferbergbau. Immerhin wurden in den knapp sechs Betriebsjahren noch mal 5000 Tonnen Kupfer produziert.

Hintergrund: Der Sand kam auf die Halde

Kupferschiefer und Sanderz aus dem Richelsdorfer Gebirge mussten in unterschiedlichen Verfahren getrennt gefördert und zur Hütte auf den Brodberg angeliefert werden. Für Schiefer war der erste Schritt das etwa achtwöchige Brennen. Nach dem Zünden lief der Vorgang wegen des Bitumengehalts des Kupferschiefers selbstständig weiter. Darauf folgte das Schmelzen im Hochofen, das Rohkupfer und Schlacke erzeugte. Das Rohkupfer wurde in Hamburg weiterverarbeitet. Mit der Schlacke produzierte man Pflastersteine, die so hart wie Basalt waren. Das Sanderz wurde flotiert. So bezeichnet man ein physikalisch-chemisches Trennverfahren, bei dem Stoffteilchen durch feine Gasbläschen aus einem Stoffgemisch zum Aufschwimmen gebracht werden. Das Konzentrat des Sanderzes kam in den Hochofen, der Sand auf die Halde. (zwk)

Von Susanne Kanngieser

Quelle: HNA

Kommentare