Aus "Kratzberg" wird "Am Emanuelsberg"

Beliebtes Rotenburger Ausflugsziel ist wieder Straßenname 

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Das Waldcafé: Bäckermeister Hans Metz betrieb das Ausflugsziel von 1927 bis 1934. Der Esel „Liese“ transportierte Wasser und Eis auf den Emanuelsberg, später durften auch Kinder auf ihm hinaufreiten.

Rotenburg. Jetzt ist es offizell: Die Adresse „Kratzberg“ gibt es in Rotenburg nicht mehr, künftig heißt die Straße „Am Emanuelsberg“. Damit wird dem historischen Gemarkungsnamen Rechnung getragen.

Allerdings gab es auch schon Mitte des 18. Jahrhunderts die Flurbezeichnung „An dem Kratzenberge“ für ein Gelände, das westlich unterhalb des Emanuelsberges lag. Auch im Stadtplan von 1949 taucht der Name auf.

Die Stadtverordneten hatten den Namenswechsel in ihrer jüngsten Sitzung einstimmig befürwortet. Auch seitens des Kreiskrankenhauses und des Kreisjugendhofes sowie der Anwohner habe es keinen Widerspruch gegeben, erklärte Bürgermeister Christian Grunwald auf Anfrage. „Am Emanuelsberg“ klinge auch in den Bebauungsplänen besser.

Lustpark

Der Emanuelsberg trägt den Namen des früheren Landgrafen von Hessen Rotenburg. Er war ab 1778 vorletzter Landgraf und hatte am Kratzberg einen Bergpark (Lustpark) mit Pavillon und Wirtschaftsgebäude einrichten lassen – den Emanuelsberg. Als Mitte der 1830er Jahre die Feste und Feiern im hochherrschaftlichen Rahmen auf dem Emanuelsberg nachließen, öffnete man Pavillon und Wirtschaftsgebäude auf dem Berg auch begrenzt bestimmten Verbänden, schreibt der Heimatforscher und frühere Leiter der HNA-Redaktion, Willi Ludwig, in einer Folge seiner Serie „Unsere Heimat einst und jetzt“.

Die Stadt Rotenburg hatte schon 1890 einen Staatsvertrag mit Preußen über die öffentliche Nutzung von Schloss, Park und den Emanuelsberg geschlossen.

„Luftschnäpper“

Als die Anlagen im Verlauf der Jahre zunehmend verfielen, wollten die Begründerinnen der Schule für Atemtechnik und Stimmbildung, Hedwig Andersen und Clara Schlaffhorst, 1914 ein großes Pensionshaus auf dem Emanuelsberg errichten. Das Projekt wurde jedoch wegen des beginnenden Ersten Weltkrieges aufgegeben. Die beiden Frauen realisierten ihre „Schule für Atmung und Stimme“ 1919 im Haus Untertor 4 (abgerissen für Brückenneubau). Die Rotenburger nannten die Schule „Luftschnäpper“.

Den baufällig gewordenen Pavillon hatte Landgraf Clothwig an den Rotenburger Bauunternehmer Dietrich Graß verkauft – der verkaufte das Gebäude weiter an den Schützenverein, der es 1923/24 abmontierte und im Heienbach als neues Schützenhaus wieder errichtete. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde es zum Wohnhaus umgebaut und steht immer noch.

1925 kaufte die Stadt den Emanuelsberg für 11 000 Reichsmark von der landgräflichen Verwaltung.

Café von Bäcker Metz

Da die Rotenburger Familien sonntags gern auf den Emanuelsberg spazierten, errichtete Bäckermeister Hans Metz 1927 dort oben eine Art Waldcafé. Er schaffte Tische und Bänke auf den Berg und kaufte den Esel Liese, der Wasser- und Eis auf den Berg transportierte. Später konnten auch Kinder auf ihm den Berg hinaufreiten, schreibt Willi Ludwig. Zu Spitzenzeiten hätten sich 400 bis 500 Menschen dort oben getroffen. Bis 1934 führte Hans Metz vom Frühjahr bis zum Herbst das Waldcafé.

Beliebtes Ausflugsziel: Der Emanuelsberg in Rotenburg. Wer sich da zum Erinnerungsfoto versammelt hatte, ist nicht überliefert.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Emanuelsberg noch einmal stark belebt, doch dann kam der Neubau des Kreiskrankenhauses, „der genau dort errichtet wurde, wo sich die besonders beliebten Serpentinenwege durch des Landgrafen Obstanlagen befanden“. Der Kreisjugendhof wurde 1953 ebenfalls auf dem Emanuelsberg errichtet. Bei der Recherche hat erneut der Rotenburger Heimatforscher Albert Deist geholfen. Er betreut ehrenamtlich mit anderen Mitgliedern des Geschichtsvereins das Stadtarchiv.

Quelle: HNA

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