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Bebras Stadträtin Ilse Koch verabschiedet sich aus der Politik

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Von: Clemens Herwig

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Zieht sich aus der Kommunalpolitik zurück: Stadträtin Ilse Koch während ihrer Vertretung im Bürgermeister-Büro in Bebra. Im Hintergrund der leere Chefsessel.
Zieht sich aus der Kommunalpolitik zurück: Stadträtin Ilse Koch während ihrer Vertretung im Bürgermeister-Büro in Bebra. Im Hintergrund der leere Chefsessel. © Clemens Herwig

Ende August tritt Ilse Koch von sämtlichen politischen Ämtern zurück. Es ist der Abschied eines der bekanntesten Gesichter der Bebraer Kommunalpolitik.

Bebra – Ilse Koch sitzt an dem kleinen Gästetisch im Bürgermeister-Büro in Bebra und setzt ihren Namen unter das Protokoll der jüngsten Magistratssitzung. Der Stift war für eine Woche ihr Zepter, die Stadträtin hat im Bebraer Rathaus regiert, während Bürgermeister Stefan Knoche und seine Stellvertreter im Urlaub waren. Hinter ihr steht der leere Chefsessel, er ist frei geblieben – so ist es ihr lieber, die 79-Jährige braucht ihn nicht, um ihren Job zu erledigen.

Koch legt den Kugelschreiber zur Seite. „Ich habe fertig“, sagt sie und meint damit nicht ihre Signatur. Ende August tritt sie von sämtlichen politischen Ämtern zurück. Es ist der Abschied eines der bekanntesten Gesichter der Bebraer Kommunalpolitik.

Die Stadträtin hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht: „Es war mein Leben“, sagt Koch schlicht über ihre Zeit im Magistrat der Eisenbahnerstadt, die vor 18 Jahren begonnen hat. Doch die 79-Jährige hat das Gefühl, in ihrer Partei ein „unsichtbares Verfallsdatum“ erreicht zu haben. Die Wähler sehen das offenbar anders: Bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr musste sich Ilse Koch beim Stimmfang im parteiinternen Vergleich nur Fraktionsvize Friedhelm Claus, Dana Kerst (eine Stimme mehr) und Ehrenbürgermeister Horst Groß geschlagen geben, der nach der Wahl auf das Mandat verzichtete.

Nun macht auch Koch Platz auf dem Posten, der ihr im April durch die Isolation einer Corona-Erkrankung geholfen hat: „Ich wurde richtig schwermütig. Aber als Stadträtin kann man viel Arbeit zu Hause erledigen.“ Es klingt dankbar, das Ehrenamt war ihr Mittel gegen die nagende Einsamkeit. Vielleicht ist das ein Grund, warum man Ilse Koch in ihrer Zeit als Erste Stadträtin selten unvorbereitet erlebt hat. Von 2018 bis zur Neuordnung nach der Kommunalwahl 2021 war sie Stellvertreterin von zwei Bebraer Rathauschefs: zunächst Uwe Hassl, dann Stefan Knoche – beide parteilos. Ihre „familiäre Vertrautheit“ mit Hassl, wie die scheidende Stadträtin die Zusammenarbeit beschreibt, hat ihr in der CDU nicht nur Freunde eingebracht.

Das Verhältnis der Christdemokraten zum ehemaligen Bürgermeister Bebras lässt sich gut als „zwiegespalten“ beschreiben. Ilse Koch sagt dazu nur: „Ich muss doch meinem Boss gegenüber loyal sein.“ Diese Treue legt sie auch gegenüber ihrer Wahlheimatstadt an den Tag, zu der sie trotz eines für ihre Generation ungewöhnlichen Lebenslaufs immer wieder zurückgefunden hat. Die ehemalige Fluglotsin will sich weiter für Bebra einsetzen. Frei nach dem Motto „Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“ wird sie bei der Stadtentwicklung künftig in der Ausstellung im Inselgebäude am Bahnhof arbeiten und übernimmt zudem historische Führungen durch die Altstadt. Als Stadträtin war der Job bei der Tochtergesellschaft SEB noch tabu.

Es ist auch eine Möglichkeit, ihre „kleine Rente“ etwas aufzubessern: „Wie soll ich das sonst bei den steigenden Gaspreisen schaffen?“, fragt sie. Vielleicht wiegt ein weiterer Vorteil für die Christdemokratin, die bei fast allen Veranstaltungen in ihrer Heimatstadt anzutreffen ist, aber sogar schwerer: „Ich mache etwas, das meinem Naturell entspricht. Ich suche immer den Kontakt zu und den Austausch mit Menschen“, sagt Ilse Koch. Es gibt ihr das Gefühl, gebraucht zu werden. Es ist ihr viel wichtiger, als ein bequemer Chefsessel.

Zur Person:

Ilse Koch (79) ist 1943 in Frankfurt an der Oder geboren, kurz vor Kriegsende kehrt die Familie zu den Wurzeln der Eltern in Bebra zurück. „Meine Kindheitserinnerungen drehen sich alle um Weiterode“, sagt sie. Nach dem Abitur arbeitet Koch als Vermittlungsdame und im technischen Dienst bei der Post, bevor sie ihrer Vorliebe für Sprachen folgt und ein englisches Auslandskorrespondentenexamen ablegt. Zum Einsatz kommen die Sprachkenntnisse nach einem Besuch der Flugsicherungsschule in München („Jede Woche wurde ausgesiebt“) bei ihrer siebenjährigen Zeit als Fluglotsin am Flughafen Frankfurt. „Ich kannte alle Luftstraßen über Deutschland, ohne dass mir ein Rechner dabei geholfen hat.“

1968 kehrt Koch „um der Liebe Willen“ zurück nach Bebra, bevor es sie nach Kempten, Wiesbaden und Esslingen am Neckar zieht. Nach dem Tod des Vaters betreut sie ab 1992 ihre Mutter in der Heimat. Ab 1994 baut sie den Bebraer Dienstleister „Service für Haushalt und Familie“ auf und ist bis 2014 Chefin. Ilse Koch ist seit März 2000 Mitglied der CDU, seit November 2004 Stadträtin. Dem Seniorenbeirat gehört sie seit der Gründung 1992 an. Sie ist zweimal geschieden und hat eine erwachsene Tochter. cig

(Clemens Herwig)

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