Stadt reagiert auf Prozessurteil

Nach Urteil zu Teich-Drama mit toten Kindern: Kommunen machen aus Angst ihre Teiche dicht

Der Fontänenteich im Wilhelm-Mende-Park in Bebra hat ein Korsett aus einem zwei Meter hohen Bauzaun bekommen. Grund ist das Urteil im Teichprozess gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich.
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Der Fontänenteich im Wilhelm-Mende-Park in Bebra hat ein Korsett aus einem zwei Meter hohen Bauzaun bekommen. Grund ist das Urteil im Teichprozess gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich.

Mit einem zwei Meter hohen Bauzaun hat die Stadt Bebra den Teich im August-Wilhelm-Mende-Park in der Kernstadt unzugänglich gemacht.

  • Als Reaktion auf den sogenannten Teichprozess wurde nun der Fontänenteich von einen Zaun umgeben.
  • Die Stadt will sich damit künftig gegen Unfälle absichern.
  • Nach dem tödlichen Unfall dreier Kinder in Neukirchen wurde der Bürgermeister wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung schuldig gesprochen.

Hersfeld-Rotenburg – Was bei Spaziergängern und Parkbesuchern für Unmut sorgt, ist laut Bürgermeister Stefan Knoche eine Reaktion auf den sogenannten Teichprozess. Die Stadt will sich absichern, um bei Unfällen nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Auch weitere Kommunen im Kreis prüfen die Sicherheit ihrer Anlagen, eingezäunt werden sollen die Norschulteiche in Bad Hersfeld oder die Schlossparkteiche in Philippsthal nicht.

Nach einem tödlichen Unfall mit drei Kindern in Neukirchen hatte das Amtsgericht Treysa den Bürgermeister der Stadt wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen schuldig gesprochen. Seit Montag ist der Teich nur noch eine stinkende Pfütze – das Wasser wurde größtenteils abgelassen. Auch im Kreis hat das Urteil unter Bürgermeistern für Unverständnis und Unsicherheit gesorgt.

Kinder ertrinken in Teich: Verschiedene Lösungen für Sicherheit

Der Teich im Mendepark ist etwas über einen Meter tief und sehr schlammig, sagt Bebras Rathauschef. Bauhofmitarbeiter hätten festgestellt: Wer zu weit hineinwate, habe Schwierigkeiten, wieder herauszukommen. Laut Knoche gibt es für die Stadt drei Lösungen, um dort für Sicherheit zu sorgen: den Teich zuschütten, für eine Abstufung sorgen oder einen Zaun ziehen. Bebra habe sich für die pragmatische Lösung entschieden – vorerst. „Derzeit haben wir eine notdürftige Sicherung. Das wird keine Dauerlösung“, so Knoche.

Bleibt zur Sicherheit vorübergehend stehen: die Wintereinzäunung des Teiches in der Minigolfanlage im Rotenburger Schlosspark.

Auch die Stadt Rotenburg hat nach der Gerichtsentscheidung noch einmal den Teich in der Minigolfanlage im Schlosspark überprüfen lassen. Dort bleibt die Wintereinzäunung nun vorübergehend stehen. Es gebe in Rotenburg aber keine kleineren Gewässer mit besonderem Gefahrenpotenzial, so Bürgermeister Christian Grunwald, der auch sagt: „Wir können natürlich nicht die Fulda einzäunen.“ Grunwald wirbt für Verständnis: Die Kommunen müssten sich nach aktueller Rechtslage absichern, „auch wenn das Ergebnis ästhetisch nur mittelschön ist“.

Geschwister ertrinken in Dorfteich

Im Sommer 2016 sind drei Geschwister in einem Dorfteich in Neukirchen-Seigertshausen im Schwalm-Eder-Kreis ertrunken. Für die Sicherheit auf dem Gelände ist die Stadt als Eigentümerin und letztlich der Bürgermeister zuständig, entschied ein Gericht im Februar 2020. Die Risiken des Teiches – wie eine glitschige Böschung – seien nicht erkannt und beseitigt worden. Bürgermeister Klemens Olbrich wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, die für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wurde. Der Rathauschef ist in Berufung gegangen.

Kinder ertrinken in Teich: Stadt hat Gewässer nun eingezäunt

Der Fontänenteich im August-Wilhelm-Mende-Park in Bebra ist kein Badeparadies, jahrzehntelang hat es dort keinen Unfall gegeben. Laut Bauhof der Stadt ist er etwas tiefer als einen Meter – gut die Hälfte davon sei mehr Schlamm als Wasser. Jetzt hat die Stadt das Gewässer eingezäunt. „Es geht um die Sicherheit“, sagt Bürgermeister Stefan Knoche und fragt: „Muss denn erst etwas passieren?“

Soll nur eine Übergangslösung sein: Der Fontänenteich im Mende-Park in Bebra ist mit einem zwei Meter hohen Bauzaun unzugänglich gemacht.

Auch die Löschteiche der Stadt sollen nun auf absehbare Zeit mit Zäunen sicherer gemacht werden. Nach dem Urteil im Teichprozess sei im Magistrat der Eisenbahnerstadt die Frage aufgekommen, wie mit den eigenen Gewässern umgegangen wird. „Ausgangspunkt der Überlegung war: Wie kann sich die Stadt absichern und verhindern, dass Menschen zu Schaden kommen“, sagt Knoche. Die vorläufige Antwort: ein Bauzaun. „Eine bessere Lösung können wir sicherlich mit den Bürgern diskutieren“, bietet der Rathauschef an, der ebenfalls weiß, dass der eingezäunte Teich der Atmosphäre des Mende-Parks nicht gerade zuträglich ist.

Sollen Rettungsringstationen bekommen: die Nordschulteiche in Bad Hersfeld.

Kinder ertrinken in Teich: Kommunen suchen nach Gefahrenquellen

Auch andere Kommunen im Kreis sind nicht untätig. „Wir haben bereits im Januar, drei Wochen vor dem Urteil, potenzielle Gefahrenquellen wie den Kurparkteich, die Nordschulteiche, die Geis und unsere Rückhaltebecken auch mit Ortsbegehungen überprüft,“ sagt Bad Hersfelds Stadtsprecher Meik Ebert. Daraus seien Pläne entwickelt worden. Bereits bestehende Zäune von Rückhaltebecken wurden repariert, etwa am Johannesberg. Auch um das Becken am Neubaugebiet Schieferstein soll es einen Zaun geben.

„Aus unserer Sicht reicht es im Kurpark und an den Nordschulteichen, wenn wir insgesamt fünf Rettungsringstationen anlegen und die Warnhinweise verbessern“, sagt Ebert. Dort gebe es auch Publikumsverkehr – und somit notfalls Helfer. An der Geis in Höhe des Kunstrasenplatzes am Jahnpark werde allerdings über einen Zaun nachgedacht.

Werden von einem Fischereiverein gepflegt und sollen noch einmal auf ihre Sicherheit überprüft werden: Die Schlossparkteiche in Philippsthal.

Kinder ertrinken in Teich: „Es wurde auch ein Schuldiger gesucht“

Auch die Marktgemeinde Philippsthal hat bereits vor dem Urteil die Beschilderung der vier Teiche im Schlosspark überprüft. Sie sind an einen Fischereiverein verpachtet, der sie pflegt und zum Angeln nutzt. Einige Sicherheitsvorkehrungen gibt es dort schon länger: Ein Zaun trennt etwa den nahen Spielplatz von den Teichen und der Werra, die dortige Schwingtür ist für kleine Kinder nur schwer zu öffnen.

„Wir werden das jetzt aber noch einmal zur Sicherheit abklopfen lassen“, sagt Bürgermeister Timo Heusner. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, die Teiche im Schlosspark einzuzäunen.“ Der Unfall in Neukirchen sei furchtbar, betont der Bürgermeister nachdrücklich. „Aber es wurde auch ein Schuldiger gesucht – den es nicht immer geben muss.“ (Clemens Herwig)

Teich-Drama: In Seigertshausen ist nur noch eine Pfütze übrig

In Seigertshausen hat das Urteil zu einer Wende in der Debatte um die Sicherung des Teichs geführt : Von dem Gewässer ist nur noch eine stinkende Pfütze übrig geblieben. Das Ablassen des Wassers hat Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich veranlasst. In dem Teich waren vor vier Jahren drei Geschwister ertrunken. Vonseiten der Staatsanwaltschaft wird Olbrich für das tragische Unglück verantwortlich gemacht.

Auch innerhalb der städtischen Gremien sieht Olbrich den Rückhalt schwinden. Erst während der ersten von zwei Juli-Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung hatte insbesondere die UBL-Fraktion mit Karl-Heinz Ross an der Spitze gefordert, den Teich komplett einzäunen zu lassen. Auch ist auf Antrag der UBL ein Akteneinsichtsauschuss gebildet worden.

Dieses Gremium soll den Uferausbau des Teiches prüfen. Und der ist seit Montag komplett sichtbar: Weil von der Stadtverordnetensitzung weitere Sicherungsmaßnahmen gefordert worden waren, habe er durch die Mitarbeiter des Bauhofs den Wasserspiegel absenken lassen. Das Wasser sei nicht komplett abgelassen, damit die Tiere nicht leiden müssen, erklärt Olbrich.

Kinder ertrinken in Teich: Bürgermeister informierte niemanden über Vorhaben

Und in der Tat wirkt das übrig geblieben Wasser durch jede Menge springender Fische sehr unruhig. Sein Vorgehen habe er aus seiner Sicht mit niemandem absprechen müssen, erklärt Olbrich. Auch die Seigertshäuser seien nicht informiert worden. „Ich muss schließlich den Kopf hinhalten für die Malaise“, begründet der Bürgermeister den Fakt, nicht öffentlich kommuniziert zu haben.

„Es ist die einfachste und günstigste Form der Sicherung“, ist er überzeugt. Dass der Teich für den Brandschutz nicht benötigt wird, war bereits im Prozess vor dem Amtsgericht über Olbrichs Verteidigung deutlich gemacht worden. Nun betont er es noch einmal: Im Ernstfall gebe es ausreichend Wasser in Seigertshausen. „Der Brandschutz ist gesichert.“(Sylke Grede)

Kinder ertrinken in Teich: Das ist bislang passiert

Drei Kinder sind in einem Teich in Neukirchen bei Kassel ertrunken - der Bürgermeister wurde verurteilt. Der Bürgermeister ordnet eine interne Untersuchung an. Wer wusste vom Gefahrenpotential des Teichs?

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