Im Porträt

Zirkus-Star, Alkoholiker, Kneipenchef: Das bewegte Leben des Christoph Busch

Busch trat auch als Travestiekünstler auf, seine Paraderolle: Marlene Dietrich. Der Mantel ist dem Kostüm nachempfunden, das die Stilikone auf ihrer letzten Tournee trug.

Bebra. Er zog mit dem Zirkus um die Welt und kehrte pleite und schwer alkoholkrank in seine Heimatstadt Bebra zurück. Heute leitet Christoph Busch die Kulturkneipe New Sun.

25 Jahre zog Christoph Busch mit dem Zirkus um die ganze Welt, war ein Star in Israel und Las Vegas. Als er vor zehn Jahren in seine Heimatstadt Bebra zurückkehrte – nach dem katastrophalen Ende einer Beziehung und schwer alkoholkrank – passte sein gesamter Besitz in zwei Rollkoffer. 

Heute leitet der 46-Jährige die Bebraer Kulturkneipe New Sun, ist zum fünften Mal mit einem Mann verheiratet und rührt seit sieben Jahren keinen Tropfen mehr an. 

„Ich bin immer gegen den Strom geschwommen“, sagt er, „aber ich hatte nie ein langweiliges Leben.“

Er lernte das Feuerspucken mit Benzin von der Tankstelle

Schon mit 17 Jahren zieht es Busch in die Manege, mit dem Zirkus Herkules geht es durch Deutschland und später Spanien. Gearbeitet wird in den Ferien und an den Wochenenden – „ich musste ja auch was für die Schule machen“, sagt er mit einem Grinsen.

Der Herr der Flammen: Christoph Busch stellte zweimal den Weltrekord im Feuerhochspucken auf.

Sein Spezialgebiet ist zunächst das Feuerspucken – nicht unbedingt die Paradedisziplin für Autodidakten, Busch bringt es sich trotzdem selbst bei. Mit einem Kanister Benzin von der Tankstelle und einem Stockbrötchen entstanden die ersten Flammen. 

Weiterempfehlen würde er das Experiment heute auch nicht mehr.

Viele Jahre in der Manege und jede Menge Zirkus

Es folgen viele Jahre bei vielen Zirkussen – Christoph Busch ist Tourmanager und geschäftlicher Direktor bei Carl Althoff, arbeitet für „den großen Paul Busch“, letzter Spross einer waschechten Zirkus-Dynastie. 

Dessen Namen er nicht aus Zufall trägt. 

„Am Ende der Saison hatte ich noch eine unbezahlte Gage über 12 000 Euro offen“, sagt Christoph Busch. Also stellte er seinen damaligen Chef vor die Wahl: das Geld oder das Recht, den Namen Busch zu tragen und damit auch Geld zu verdienen. 

Er machte ein gutes Geschäft, zur Paul-Busch-Dynastie gehören mehr als 70 Zirkusse, der Preis für die Namensrechte liegt heute bei bis zu 2500 Euro – pro Spieltag.

"Ich habe einen Sohn verloren"

Wer mit Christoph Busch spricht, kommt am Thema Liebe nicht vorbei. Mit 16 Jahren erzählte er seinen Eltern, dass er sich für Männer interessiert. Die Reaktionen: gemischt. 

„Meine Mutter hat mich nur angeguckt und gefragt: Für wie blöd hältst du mich?“, erinnert er sich. Sie wusste schon lange Bescheid.

Seine Paraderolle war "Die Dietrich": Christoph Busch. Um das ganze Foto zu sehen, klicken Sie auf die Pfeile oben rechts. 

 Der leibliche Vater nahm die Eröffnung nicht ganz so gelassen, Busch flog kurzerhand aus dem Zimmer. 

Am nächsten Morgen, beim Schminken für die Schule, stand der Vater dann wieder in der Tür. Drehte sich wortlos um, ging raus, weinte, kam wieder herein und sagte: „Ich habe einen Sohn verloren, aber eine Tochter gewonnen.“ 

Busch: „So reagieren Macho-Männer eben auf ihren schwulen Sohn.“

Der häufige Griff zur Flasche

Wegen einer Romanze war Busch mit 17 Jahren zum Zirkus gegangen. Und für die Liebe verließ er die Manege wieder. 

Er wurde sesshaft, in Bremen. Lange gut ging das nicht. Je schlechter es lief, desto häufiger griff er zur Flasche. Das Trinken kannte er vom Zirkus, nach einer gelungenen Show, nach einer verkorksten Show. Jetzt war jede Gelegenheit recht. 

Am Ende der gescheiterten Beziehung, die ihn so gut wie jeden Cent gekostet hatte, stand Busch mit seinen zwei Koffern wieder bei Mama vor der Tür.

In Bebra kam der Weckruf, Busch hatte seinen heutigen Mann Jörg Zscheile kennengelernt, „der mich nie gedrängt hat, mich zu ändern“, wie er betont. 

Aber acht leere Pullen Schnaps am Boden nach einer durchzechten Nacht waren dann doch zu viel. „Schatz, hatten wir Besuch?“, fragte Christoph Busch seinen Mann. Hatten die beiden nicht, die leeren Flaschen gingen auf sein Konto. 

Er wachte auf und machte einen Entzug in der Psychiatrie Bad Hersfeld, der erste von zwei.

Busch ist seit mittlerweile sieben Jahren trocken

Heute weiß er: „Sorgen ertränken funktioniert nicht – die können schwimmen.“ Seit sieben Jahren hat er keinen Schluck Alkohol mehr getrunken, seit er Geschäftsführer im New Sun ist. 

Eine Bedingung von Mutter Ursula Hieronymus, der die Kneipe gehört.

Busch hat das New Sun umgekrempelt und aus der kleinen Talentbühne, einer Plattform für junge Musiker aus der Region, schlicht die Talentbühne gemacht: Jeden Samstag gibt es Livemusik, der Eintritt ist frei. 

„Wir sind ein Gegenpol zu den ganzen kommerziellen Angeboten, die einen Haufen Geld kosten“, sagt Busch, „ein Glas Bier kann sich jeder leisten.“

Trocken hinter dem Tresen: Christoph Busch, wie ihn die Bebraner heute kennen - hinter der Bar im New Sun.

Die Künstler auf der Talentbühne bekommen keine Gage, nach dem Auftritt geht der Hut rum.  Das Konzept scheint zu funktionieren: „Wir sind jetzt schon bis Ende des Jahres ausgebucht.“

Vermisst er nicht manchmal die Zirkuszeit, den großen Auftritt in der Manege? „Zirkus habe ich hier doch auch“, sagt Busch trocken: „Auf den Barhockern sitzen die Tiger, in der Mitte tanzen die Clowns und drumherum sitzt das Publikum.“ 

Und hinterm Tresen steht der Direktor, der alles am Laufen hält.

Zur Person

Christoph Busch (46) ist in Sontra geboren, mit acht Jahren zog die Familie nach Bebra. Er hat vier Geschwister und drei Halbgeschwister. 

Busch ging in Sontra und Bebra zur Schule, 1987 machte er seinen Realschulabschluss. Er holte das Fachabitur nach und studierte in Paris an der Artistenschule. Er ist ausgebildeter Allround-Artist. Sein Spezialgebiet: Raubtier-Illusionen. 

Mit 17 Jahren begann er seine Zirkuskarriere, zunächst in Deutschland, dann in zahlreichen europäischen Städten sowie in Las Vegas und Israel. 

Christoph Busch ist seit 2012 in fünfter Ehe mit seinem Mann Jörg Zscheile verheiratet.

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