Zu Besuch beim tapferen Schneider

Wolfgang Schneider ist Bebras neuester Ehrenbürger

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In seinem Garten holt er sich die nötige Erholung: Wolfgang Schneider mit seinen Schildkröten Luca und Lukas. „Faszinierende Tiere“, sagt der 73-Jährige. Schildkröten gelten als langsam. Aber sie sind zielstrebig „und können überraschend schnell sein.“

Bebras Stadtparlament ernennt Wolfgang Schneider zum neuesten Ehrenbürger Bebras. Der 73-Jährige hat in seinem Leben schon viel erlebt und erhielt für sein ehrenamtliches Engagement zahlreiche Auszeichnungen. 

Ein Mähroboter kommt für ihn nicht in Frage. Er packt lieber selbst an. „Das ist genau der Ausgleich, den ich brauche. Ein bisschen arbeiten, ein bisschen Schwitzen.“ Wolfgang Schneider lässt den Blick über seinen Garten mit Teich wandern und sieht ziemlich zufrieden aus. 

Vor zehn Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihm einen Gallentumor. Achteinhalb Stunden lag er auf dem OP-Tisch, die Überlebenschance: 15 Prozent. Doch Schneider hatte noch etwas vor, also hielt er durch. Wurde gesund. Und machte dann einfach weiter. 

Im August wird der 73-Jährige Bebras neuester Ehrenbürger. Ein Besuch bei dem Mann, der auch „Mr. Ehrenamt“ genannt wird.

Eine Wand voller Auszeichnungen im Keller

Schneider hat sich diese Bezeichnung verdient, er hat sie sich erarbeitet. Mit Einsatz und Hartnäckigkeit. Mit vielen Veranstaltungen für Menschen, „denen es nicht so gut geht“ – wie viele, kann er nicht mehr sagen. Er fühlt sich als „kleiner Botschafter für die gute Sache“. Versteckt hat er das nie. 

Jeder Besuch im Hause Schneider führt daher auch früher oder später in den Keller, in das Büro des 73-Jährigen – und an seine „Beweihräucherungswand“, wie er mit einem Schmunzeln sagt. 

Die sogenannte „Bewe ihräucherungswand“ mit Auszeichnungen für den Bebraner im Büro im Keller.

Meterlang reihen sich Ehrungen, Urkunden und Zeitungsartikel aneinander. An einem Ehrenplatz hängt das Bundesverdienstkreuz am Bande. Tue Gutes und sprich darüber, wie es so schön heißt.

Aber: Tue Gutes und rechtfertige dich dafür? Schneider hat eine eigene Internetseite, sie ist nicht aktuell, dafür fehlt ihm die Zeit. Sie ist ein Schrein für das Ehrenamt. Und sie ist eine Ansage an alle, die glauben, dass er und seine Mitstreiter sich nur wichtig machen wollen.

 „Ein Ehrenamtlicher kann sich nicht durch eigene Öffentlichkeitsarbeit blamieren“, schreibt er dort, „schämen sollten sich jene, die darüber die Nase rümpfen und selbst keinen eigenen Beitrag für die Allgemeinheit leisten.“ 

Ohne Öffentlichkeit, sagt der 73-Jährige, erreiche man nichts. Also mache er sich gerne für eine gute Sache wichtig. Er sitzt auf seinem Balkon, es gibt frische Gebäckstückchen. 

Schneider guckt in den Garten – in dem er für die „Grobarbeiten“ zuständig ist, seine Frau Doris ist die Expertin. Dann sagt er: „Manchmal frage ich mich schon: Übertreibst Du es jetzt?“ Bisher hieß die Antwort wohl immer: Nein.

Angefangen hat alles im Jahr 1984

Seit zehn Jahren veranstaltet Schneider mit dem Heeresmusikkorps Kassel Benefizkonzerte, der Diplomoptiker hat Brillen nach Vietnam geschickt und viele Spendenkampagnen ins Leben gerufen. Wenn er sich entscheiden muss, nennt er seinen Arbeit für behinderte Menschen und seinen Einsatz für kranke Kinder mit Medikids, dem Förderverein der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Bad Hersfeld, als seine größten Projekte. Angefangen hat alles mit einem Winter-Basar im Dezember 1984.

Die Anfänge und das Jetzt: Wolfgang Schneider bei seinem ersten großen Ehrenamtseinsatz bei der Aktion Sorgenkind im Dezember 1984 

10 000 Deutsche Mark kamen damals im Rahmen der Aktion Sorgenkind auf und rund um den Rathausmarkt in Bebra zusammen, das ZDF machte mit. „Es war einfach nur geil und sowas von inspirierend“, sagt Schneider heute. 

Doch 1984 ist nur der Auftakt, nicht der Auslöser. Das ist die Geburt seines jüngsten Sohnes, der behindert zur Welt kommt. Wolfgang Schneider sieht es als Zeichen, sich für seine Mitmenschen einzusetzen, die Hilfe brauchen. „Gott gibt uns Aufgaben, die wir zu erfüllen haben“, sagt er. 

Dass er Ehrenbürger in Bebra wird, hat der 73-Jährige aus der Zeitung erfahren. „Was das genau bedeutet, weiß ich bis heute nicht“, sagt er und lacht. Vorgeschlagen hat ihn die SPD – Schneider ist aber seit mehr als 20 Jahren Christdemokrat. „Ich kann nur in einer Partei sein. Das ist die CDU. Aber ich gehöre niemanden“, sagt er. Es ist ein seltsamer Satz von einem Mann, der sich ganz und gar einer Sache verschrieben hat.

Das Gespräch wird unterbrochen, Schneider muss ans Telefon – der Bürgermeister ist dran. Welcher? Einer von denen, in deren Gemeinde Mr. Ehrenamt Pläne hat. 

Doris Schneider passt währenddessen auf die Schildkröten Luca und Lukas auf, die zielstrebig und ausdauernd durch das Gras kriechen. Sie sollen mit auf das Foto. Sie passen gut ins Bild. ehrenamtliche.eu

Zur Person

Wolfgang Schneider (73) ist 1946 in Fulda geboren und dort aufgewachsen. Nach dem Realschulabschluss und einer Augenoptikerlehre leistete er ab 1968 seinen Wehrdienst in der Rotenburger Alheimerkaserne. Dort lernte er ein Jahr später seine Frau Doris kennen – „im Parkcafé, wo die Soldaten immer ihren Absacker getrunken haben“. 

Die beiden heirateten 1970 und lebten zunächst in Erlangen und Fulda, bevor sie 1981 in den Kreis Hersfeld-Rotenburg zurückkehrten und Bebra ihr Zuhause wurde. Im gleichen Jahr gründete er die Firma Augenoptik Schneider am Rathausmarkt. Filialen in Wildeck und Rotenburg folgten. Wolfang Schneider hat „so ziemlich alle Orden die es gibt“ des Lions Club Bebra-Rotenburg und erhielt 2009 das Bundesverdienstkreuz. 

Seit 2016 ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes am Band. Schneider hat drei Kinder – zwei folgten in seine Fußstapfen als Augenoptiker.

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