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Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“: Weiterode empfängt Jury mit Charmeoffensive

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Von: Clemens Herwig

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Zufall? Entlang der Strecke begegnet die Kommission dem „Weiteröder Alltag“ – auf unserem Foto lässt Rolf August den Nachwuchs seinen selbstgebauten Miniatur-Traktor fahren.
Zufall? Entlang der Strecke begegnet die Bewertungskommission dem „Weiteröder Alltag“ – auf unserem Foto lässt Rolf August den Nachwuchs seinen selbstgebauten Miniatur-Traktor fahren. Die Vereinsgemeinschaft in Bebras größtem Stadtteil hatte den Rundgang seit Monaten geplant. © Clemens Herwig

Zwölf Kommunen aus Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner zeigen sich bei „Unser Dorf hat Zukunft“ vor einer Jury von ihrer Schokoladenseite. Wir waren in Weiterode dabei.

Weiterode – Die Regel „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ist an diesem Tag in Weiterode außer Kraft gesetzt. Die sechsköpfige Bewertungskommission für den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ soll Bebras größten Stadtteil in nur eineinhalb Stunden von seiner besten Seite kennenlernen – und hat nach dem Start in Ellis Saal noch keine 500 Schritte hinter sich gebracht, als ihr die erste Stärkung angeboten wird. Ruth Holzhauer kommt aus ihrer Fleischerei geeilt, verteilt Ahle Wurscht („Das geht in der Not auch ohne Brot“) und die Klemmbretter mit den Bewertungsbögen werden vorübergehend in der Armbeuge geparkt.

Es ist der Auftakt einer Charmeoffensive, an der gefühlt das halbe Dorf beteiligt ist. Weil die Zeit knapp ist, wird die Jury mit einem Kleinbus von Station zu Station kutschiert. Weitere Teilnehmer der Tour radeln mit dem Fahrrad hinterher oder warten entlang der Strecke. Allein für den Aufwand, den die Weiteröder betreiben, hätten sie angelehnt an ihren Spitznamen schon zehn von zehn Strippern auf der Wertungsskala verdient.

Aber immerhin geht es um Preisgeld, Prestige und den Titel als „Golddorf“, den auch Erdpenhausen, Willingshain, Raboldshausen und acht Kommunen aus dem Werra-Meißner-Kreis künftig tragen wollen.

Dörfer wetteifern bis auf Bundesebene um den Sieg

Den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ gibt es seit mehr als 60 Jahren – bis 1997 hieß er „Unser Dorf soll schöner werden“. Zunächst auf regionaler Ebene werden beim Besuch der Kommissionen Punkte gesammelt und entsprechend mit Bronze- , Silber und Goldmedaillen („Golddörfer“) prämiert. Das Preisgeld ist gestaffelt: Das beste Dorf erhält 5000 Euro, für den fünften Platz gibt es noch 1000 Euro. Zudem kann die Bewertungskommission, die sich neben Chefin Annette Schnellhammer aus Ehrenamtlern zusammensetzt, bis zu vier Sonderpreise über je 1000 Euro vergeben. Bewertet wird in den Bereichen Bau- und Grüngestaltung, Siedlungsentwicklung, bürgerliches Engagement, kulturelle Aktivitäten sowie Zukunftspläne. Großer Wert wird auf die Dorfgemeinschaft gelegt. Die Ergebnisse des Regionalentscheids werden am 25. Mai bekanntgegeben. Die Sieger ziehen in den Landesentscheid beziehungsweise Bundesentscheid ein.

Also wird wenig dem Zufall überlassen. Über den Sportplatz – vorbei an fünf winkenden Müttern mit Kinderwagen, der sonst mittwochs übenden Feuerwehr und Familien beim Picknick auf dem Spielplatz – geht es in Richtung Wassertretbecken des Heimatvereins. Weil die Station länger dauert als geplant – als Anspielung auf Weiterodes Lage im Schienendreieck liegt das Programm als minutiös durchgetakteter Fahrplan vor – nutzen einige Kommissionsmitglieder die Gelegenheit, um sich mit dem Ellbogen im Kneippbecken abzukühlen.

Für die Jury ist Weiterode innerhalb einer Woche die siebte Station. Chefin Annette Schnellhammer ist beim Kreis Werra-Meißner in der Dorf- und Regionalentwicklung tätig und bringt viel Erfahrung mit. Fällt es schwer, der Weiteröder Herzlichkeit zu widerstehen? „Man muss auf die Fakten blicken und darf sich nicht blenden lassen“, sagt sie. Die Kommission schaut daher auch in Gassen, die die Dörfer nicht so gern zeigen.

Lohnt sich der Aufwand für ein Preisgeld von 1000 Euro?

In Weiterode geht es aber zum nächsten Vorzeigeprojekt: Das Ehepaar Canny hat an der Heigernstraße ein altes Fachwerkhaus aufgehübscht – der Umgang mit historischen Bauwerken ist ein Bewertungskriterium. Während die Kommission nachhakt, wie es mit dem Denkmalschutz gelaufen ist, zuckelt der Weiteröder Nachwuchs lärmend auf einem Miniatur-Traktor vorbei. Zufall? Zufall, heißt es augenzwinkernd von der Vereinsgemeinschaft, die die Tour seit Monaten plant.

Lohnt sich der Aufwand? Das niedrigste Preisgeld beträgt 1000 Euro, den Betrag hätten die Weiteröder schneller verdient, wenn sie mit all den helfenden Händen in Ronshausen Autos gegen Geld gewaschen hätten – die beiden Dörfer pflegen eine liebevolle Nachbarschaftsfehde. Hans Holstein vom Kulturverein hat eine Antwort parat: „Preisgeld hin oder her, es reicht doch schon, wenn das Dorf so zusammenkommt.“ Der Hof vor Ellis Saal, in dem die Kommission verabschiedet wird, füllt sich derweil mit Weiterödern. Das Mandolinenorchester stimmt „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ an. Vielleicht sollte es eher heißen: Weiterode hat Zukunft – Wettbewerb hin oder her. (Clemens Herwig)

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