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Standortschließung 2024: Keine Neuausrichtung bei Vitesco in Mühlhausen

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Von: Clemens Herwig

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Mit harten Bandagen hatten sich die Mitarbeiter in Bebra und Mühlhausen einen Sozialtarifvertrag erkämpft, um den Transformationsprozess abzumildern. Unser Foto zeigt einen 24-Stunden-Warnstreik im vergangenen Sommer in Bebra.
Mit harten Bandagen hatten sich die Mitarbeiter in Bebra und Mühlhausen einen Sozialtarifvertrag erkämpft, um den Transformationsprozess abzumildern. Unser Foto zeigt einen 24-Stunden-Warnstreik im vergangenen Sommer in Bebra. © Clemens Herwig

Die Hoffnung hat sich zerschlagen: Eine Zukunft für den Vitesco-Standort im thüringischen Mühlhausen wird es nicht geben.

Bebra/Mühlhausen – Das Bebraer Partnerwerk der ehemaligen Continental-Tochter wird somit Ende 2024 seine Produktion einstellen. Am Mittwoch haben sich knapp 77 Prozent der stimmberechtigten Mitarbeiter der „verlängerten Werkbank“ der Eisenbahnerstadt gegen Pläne entschieden, die den Betrieb mit einer Neuausrichtung unabhängig von Vitesco sichern sollten.

Der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall – die den Kontakt vermittelt hatte – reagieren enttäuscht. Auch von Vitesco heißt es auf Nachfrage, die Entscheidung werde bedauert – sie dürfte auch Auswirkungen auf die Beschäftigten im Bebraer haben (siehe Hintergrund).

Über Wochen hatten Betriebsrat, IG Metall, Vitesco-Vertreter und der Investor an der Lösung gefeilt. Die Gesellschaft The Future Factory aus Oberbayern wollte die vorhandene Infrastruktur und Expertise in Mühlhausen nutzen und auf eine Produktion jenseits der Automobilbranche ausrichten. Laut Geschäftsführer Prof. Dr. Peter Russo habe es vielversprechende Ansätze für die Herstellung von Komponenten für die Vernetzung von Industriemaschinen gegeben. Für die Transformation wäre parallel zu Vitesco eine Gesellschaft gegründet worden, die nach und nach die Mitarbeiter übernommen hätte.

Höhe der Abfindungen führte offenbar zu Misstrauen

Entzündet hat sich der Widerstand der Belegschaft gegen die Pläne wohl an der Höhe der Abfindungen. Laut Vitesco-Betriebsratschef Torsten Buske hätte die Gesellschaft die Mitarbeiter weitestgehend zu Vitesco-Konditionen eingestellt, die dem Unternehmen stellenweise in einem zähen Arbeitskampf abgerungen worden sind. Allerdings wären die Abfindungen bei einem Scheitern der Transformation bis zu 15 Prozent niedriger ausgefallen, als im Sozialtarifvertrag mit Blick auf das Aus für den Standort ausgehandelt.

Das habe offenbar zu Misstrauen in der Belegschaft geführt. Es gelte nun selbstkritisch zu hinterfragen, warum es nicht gelungen ist, die 88 stimmberechtigten Mitarbeiter am Standort in den vielen Gruppen- und Einzelgesprächen zu überzeugen. Die Arbeitnehmervertreter müssten sich „erst einmal neu sortiert“, dann gehe es geradeaus weiter in die Verhandlungen zum Interessensausgleich, weil eine „Abfahrt in Richtung Zukunft“ verpasst worden sei. Ausgehandelt werden die Details des Stellenabbaus an beiden Standorten, so der Betriebsratsvorsitzende des Werkverbunds.

Das bedeutet die Entscheidung für Bebra

Das Votum des Partnerstandortes könnten sich bei der angestrebten Transformation des Werks in Bebra mit gut 800 Beschäftigten auswirken, das konsequent auf Elektromobilität ausgerichtet wird. Bis 2025 soll die Zahl der Vollzeitstellen dort schrittweise sinken – bis zu einem Minimum von 550 Stellen. Vitesco setze dabei möglichst auf sozial verträgliche Lösungen wie Altersteilzeitverträge, freiwillige Aufhebungsverträge sowie Arbeitszeitabsenkungen, heißt es. Ohne die Option auf den Erhalt des Werks in Mühlhausen müssen nun beim Interessenausgleich auch wieder die 150 Mitarbeiter aus Thüringen berücksichtigt werden.

IG Metall: Zukunftschance verspielt

Laut Elke Volkmann, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Nordhessen, haben sich die Mitarbeiter in Mühlhausen von den hohen Abfindungen blenden lassen, die im Sozialtarifvertrag erreicht worden seien. Sie betont, dass die Differenz bei den Abfindungen nicht in die Taschen des Investors oder von Vitesco geflossen wären, sondern in einen „Anschubfonds“ für die Neuausrichtung des Werks. Bei einem Erfolg der Transformation wären zudem die Rücklagen für die Abfindungen – die sogenannten Rettungsboote – aufgelöst und zu gleichen Teilen an Vitesco, die neue Gesellschaft und die Beschäftigten verteilt worden.

Mit der Entscheidung am Mittwoch sei eine „Zukunftschance verspielt“ worden, so Volkmann, die eine Perspektive sowohl für die Beschäftigten als auch die Region Mühlhausen bedeutet hätte. Die Alternative hieße nun im Zweifel Arbeitgeberwechsel oder sogar Arbeitslosigkeit.

Das Werk in Thüringen habe viele ältere Mitarbeiter, von denen die Pläne abgelehnt worden seien, sagt Investor Russo. Eine Transformation funktioniere jedoch nur mit voller Unterstützung der Belegschaft. In Mühlhausen wurde offenbar nicht an einen Erfolg geglaubt. (Clemens Herwig)

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