Stolpersteine sollen an Opfer der NS-Zeit erinnern

Porträt: Eine Familie, zwei Leben - Die Süsskinds flüchteten 1936 aus Bebra

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Die Familie heute: Unser Foto zeigt die Familie Süsskind heute in Israel um Gidon (mit Sonnenbrille) und Nava (hinten mit Hut). 

Bebra. Die Familie Süsskind aus Bebra ist auf unterschiedliche Weise Opfer der NS-Zeit geworden. Stolpersteine sollen daran erinnern. Ein Info-Treffen findet am 26. Februar statt.

Als die Nachricht kommt, dass nach langem Anlauf auch in Bebra Stolpersteine verlegt werden, ist für Gidon Süsskind und seine Familie ein Wunder geschehen. „Wir dachten, das klappt nie“, sagt der Enkel von Betty und Samuel Levi und Urenkel von Sophie Frank – Juden aus Bebra, die das Terrorregime der Nationalsozialisten nicht überlebt haben. Sie werden zu den Ersten gehören, an deren Leben und Tod mit einem Stolperstein vor ihrem letzten Wohnort in Bebra erinnert wird.

Wer verstehen will, warum eine Entscheidung des Bebraer Stadtparlaments so wichtig für ihre Nachkommen ist, eine Großfamilie, die in der Stadt Herzlia etwa 15 Kilometer nördlich von Tel Aviv lebt, muss verstehen, was selbst die gelungene Flucht aus Nazi-Deutschland bei dieser Familie und ihrer Geschichte angerichtet hat.

Darüber spricht man nicht

„Mein Mann und ich sind seit 44 Jahren verheiratet. Als ich ihn kennenlernte, sagte er nur: Ich habe keine Großeltern.“ Nava Süsskind ist eine zierliche Frau mit grauem kurzen Haar und einer ruhigen Stimme, aber gerade beugt sie sich so weit vor, dass sie den gesamten Handybildschirm ausfüllt, der das Videotelefonat aus Israel überträgt. Was sie mit eindringlichen Worten zusammenfasst, ist vielen deutschen Familien bekannt: Man spricht nicht darüber, was passiert ist – vor allem nicht darüber, was in den Jahren 1933 bis 1945 passiert ist.

Traudel Levi und Karl Siegfried Süsskind fliehen 1936 über Italien gemeinsam nach Israel – damals noch ein Teil Palästinas. Beide sind jung, Mitte zwanzig, sie bauen sich ein zweites Leben auf, heiraten, bekommen Kinder: Gidon, seine Schwester, seinen Bruder. Und sie bauen eine Mauer auf. Zu ihrem alten Leben in einem Deutschland, in dem sie nicht länger erwünscht sind. Zu Bebra. Gidons Großeltern und Sophie Frank bleiben dort zurück – sie wollen ihre Heimat nicht verlassen, glauben daran, dass alles wieder besser wird. Als sie ihren Fehler erkennen, ist es zu spät. „So sehr es meine Eltern auch versuchten, sie bekamen keine Einreisegenehmigung für sie“, sagt ihr Enkel. Die Großeltern sterben in Deutschland: Samuel Levi an einer Lungenkrankheit, seine Frau Betty 1942 nach der Deportation im Konzentrationslager Lublin-Majdanek in Polen. Gidons Urgroßmutter Sophie Frank nimmt sich kurz nach den Novemberpogromen 1938 das Leben.

Dieses Bild zeigt die Familie Levi 1933 in Bebra mit Gidons Großeltern Samuel und Betty (hinten Mitte) sowie Urgroßmutter Sophie Frank und Gidons Mutter Traudel (vorn). 

„So lange meine Eltern lebten, war das ein schwieriges Thema“, sagt der 68-jährige Gidon Süsskind. „Wenn meine Großeltern zur Sprache kamen, hatte meine Mutter Tränen in den Augen.“ Er wächst mit der deutschen Sprache und Kultur auf, „sie sind Teil meines Lebens“, wie er sagt – doch die Familie in Deutschland wird zum Tabu. „Es war schwierig für sie, zu diesen Wunden zurückzukehren“, sagt Nava über die Eltern ihres Mannes, „zurück zu ihren blutenden Herzen.“

Die letzten Briefe verbrannt

Vor seinem Tod im Alter von 93 Jahren – fast 60 Jahre davon arbeitet er als Kinderarzt – verbrennt Gidons Vater die letzten Briefe aus der einstigen Heimat und nimmt das Gefühl, seinen Eltern nicht geholfen zu haben, mit ins Grab, wie seine Schwiegertochter vermutet. Der Wendepunkt kommt im Jahr 2015, Gidon Süsskind ist mittlerweile selbst fünffacher Großvater – er nennt es einen Sieg über den Holocaust: „Wir sind immer noch hier.“ Die Familie in Israel bekommt Post aus Heuchelheim, Germany. Die Gemeinde im Kreis Gießen will Stolpersteine verlegen, auch Gidons Großeltern väterlicherseits gehören zu den Opfern, an die erinnert werden soll.

„Die Vergangenheit hat uns eingeholt, auf sehr starke und emotionale Weise“, sagt der 68-Jährige. Die Mauer in der Familiengeschichte, die seit der Flucht aus Deutschland bestanden hat – sie bröckelt. „Dahinter gab es Menschen, ihre Leben, ein Haus, Fotos“, erinnert sich Nava Süsskind, „als diese Mauer einmal niedergerissen war, konnten wir das nicht mehr ignorieren. Es ist unsere Pflicht, ihnen zu Gedenken.“

Ein Jahr später reisen die Süsskinds mit ihren Kindern nach Deuschland, zur Verlegung in Heuchelheim. 300 Menschen nehmen an der Zeremonie teil. Für die Süsskinds ist es ein Abschluss – die Großeltern aus Heuchelheim starben im Vernichtungslager Sobibor, Gräber gibt es nicht – aber auch ein Anfang. In Heuchelheim entstehen Freundschaften, die bis heute halten. „Wir sind einer Generation begegnet, die sehr viel mit uns zusammen bedauert“, sagt Nava.

Die Stolpersteine für die Süsskinds in Heuchelheim

2016 ist auch das Jahr, in dem die Süsskinds nach Bebra kommen, um dem Familienzweig von Traudel Levi nachzuspüren. Sie besuchen das Haus der Großeltern in der Apothekenstraße (das mittlerweile einem Neubau des VR-Bankvereins gewichen ist). „Um zu sehen, „wo sie gelebt haben, von wo sie geholt wurden“, sagt Gidon.

Es gibt ein Bild, eine Delegation der Stadt mit der Familie auf den Treppenstufen vor dem Eingang. Das Thema Stolpersteine kommt auf. „Wir waren enttäuscht über das klare Nein“, sagt der Israeli. „Uns wurde erklärt, dass das in Bebra anders läuft, mit einer Gedenktafel.“ Dafür hat Gidon Verständnis, auch für Kritik an den Stolpersteinen. „Ich sehe es nur nicht so“, sagt er im gut 4000 Kilometer entfernten Israel und zuckt mit den Achseln.

Kuckucksuhr aus Bebra mitgebracht

Im Hintergrund schlägt eine Kuckucksuhr zur vollen Stunde. Seine Mutter hat sie damals aus Bebra mitgebracht, ein mehr als 100 Jahre altes Kunstwerk aus Holz. Handbemalt. „Niemand sollte von seiner eigenen Geschichte abgeschnitten sein“, sagt Gidon Süsskind. Das wünscht er sich, besonders für seine Kinder. Wenn die ersten Stolpersteine in Bebra verlegt werden – wenn die Namen von Betty und Traudel Levi und von Sophie Frank vor dem Haus in der Apothekenstraße einen Platz im Asphalt finden – werden die Süsskinds da sein.

Er reicht das Handy weiter, Nava möchte etwas sagen. Es ist ihr wichtig, es ist der Moment, in dem sie den Bildschirm ausfüllt. „Wir kommen nicht, um anzuklagen“, sagt sie. „Wir wollen die Chance nutzen, wieder ein wir zu werden.“ Sekundenlang blickt sie in die Kamera, ohne ein Wort zu sagen. Kämpft mit den Tränen. Bis sich ihr Mann verabschiedet und auflegt. 

Bebra und die Stolpersteine

Erst mit einer Abstimmung im Stadtparlament Ende des vergangenen Jahres wurden die Pläne konkret, auch in Bebra Stolpersteine verlegen zu lassen. Der Kontakt zu Künstler Gunter Demnig ist hergestellt, ab dem 10. Juli soll es 17 Stolpersteine an sieben Orten in der Eisenbahnerstadt geben. Ein Blick auf die Vorgeschichte, die Nachbarstädte und den aktuellen Stand des Stolperstein-Projekts: 

Die Abstimmung 

„Wir haben noch nie so viele unterstützende E-Mails zu einem Antrag erhalten wie in diesem Fall“, sagte SPD-Fraktionsvize Christina Kindler bei ihrer Rede im Bebraer Parlament. Der Antrag hatte Erfolg, die Mehrheit sprach sich im November für die Verlegung von Stolpersteinen aus. Gegenstimmen gab es vor allem von der CDU: Die Stadt Bebra habe mit der 2013 auf dem Rathausplatz angebrachten Gedenktafel bereits einen würdigen Ort des Erinnerns, der für jedermann zugänglich sei. Die Abstimmung im Parlament: Mit Ja (17) stimmten die Fraktionen von SPD und Gemeinsam. Gegenstimmen (12) kamen von CDU und FDP, Enthaltungen (3) von CDU, FWG und BFB. 

Die Gedenktafel auf dem Rathausplatz in Bebra erinnert an die Opfer der NS-Zeit.

Die Nachbarn

In den Nachbarstädten Rotenburg (55 Messingtafeln) und Bad Hersfeld (74) gibt es seit 2010 Stolpersteine – ohne Abstimmung in den Parlamenten, die Entscheidungen fielen jeweils im Magistrat. 

Der Blick ins Archiv 

Als in Rotenburg im Mai 2010 die ersten Gedenk-Messingplatten verlegt wurden, gab es im Kreis nur an wenigen Orten Stolpersteine. Ein jüdischer Gast der Feier kommentierte: „Ich befürchte, dass selbst heute Gemeinden wie Bebra noch nicht bereit dafür sind.“ Ein Leserbrief greift die Aussage eine Woche später auf: „Als Zugezogener habe ich schon häufiger solche Einschätzungen über die Vergangenheitsbewältigung in Bebra gehört“, schrieb Gerhard Schneider-Rose. Und weiter: „Ich gehe davon aus, dass die Einschätzung nicht stimmt.“ Dr. Heinrich Nuhn, Kurator des Jüdischen Museums in Rotenburg, erinnert sich: „Das hat damals für eine Diskussion in Bebra gesorgt.“ Die Eisenbahnerstadt sei einmal Vorreiter bei der Erinnerungsarbeit gewesen: So habe etwa Bürgermeister August-Wilhelm Mende in den 70er-Jahren Verbindung zu geflohenen jüdischen Bebranern in Israel aufgenommen.

Der aktuelle Stand 

Die Fäden für die Verlegung der Stolperstein hält die Bürgerinitiative Zukunft für Bebra in der Hand, unterstützt von der Stadtverwaltung. Die Brüder-Grimm-Gesamtschule und die Beruflichen Schulen hätten bereits Hilfe zugesagt, die Bereitschaft zur Übernahme einer Patenschaft für einen Stolperstein sei groß. Weitere Paten werden dennoch gesucht. Am 26. Februar soll es eine Informationsveranstaltung im evangelischen Gemeindehaus, Grüner Weg 2, in Bebra geben. Geplant ist zudem ein kurzer Vortrag von Dr. Heinrich Nuhn. 

Kontakt: Bürgerinitiative Bebra, Vorsitzender Gerhard Schneider-Rose, Telfon 0 66 22/32 11.

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