Kein Nachwuchs 

Liedertafel in Bebra löst sich nach 151 Jahren auf

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Alles hat seine Zeit: Klaus Großkopf und Anita Keßler vom Liedertafel-Vorstand danken allen Sängern und Mitgliedern für ihre Treue. Beim Stöbern in den Aufnahmen aus der 151-jährigen Vereinsgeschichte stutzte Keßler: Auf einem Foto zum 60. Geburtstag des Vereins entdeckte die Vorsitzende ihren Vater und Großvater.

Bebra. Nur ein Jahr nach der Jubiläumsfeier kommt das Aus: Seit 1867 wird bei der Liedertafel in Bebra gesungen, im 151. Jahr nach der Gründung des Chorvereins ist nun Schluss.

Zum 31. Dezember geben die letzten acht aktiven Mitglieder des ersten musikalischen Vereins in der Eisenbahnerstadt auf: Es ist kein Nachwuchs mehr da. Für den Vorstand ist das traurig – aber auch eine Erleichterung.

„Den Chor nach und nach schrumpfen zu sehen, war eine Last“, sagt die zweite Vorsitzende Anita Keßler. Sie selbst kann seit Jahren nicht mehr singen, hat ihre „Stimme verloren“, wie sie sagt – und ist der Liedertafel trotzdem treu geblieben. 

Zuletzt zählte die Liedertafel 58 Mitglieder – nur acht von ihnen standen bei Weihnachtskonzerten, dem Rotenburger Kartoffelfest, Geburtstagen und Trauerfeiern noch auf der Bühne.

Der Aufwand wurde vielen Mitgliedern zu groß

Es ist eine kleine „Familie“, so schildert es der Vorstand, denn ohne gegenseitige Unterstützung ging es nicht mehr. Die Liedertafel probte zuletzt wöchentlich und hatte mindestens fünf Auftritte im Jahr. Die Organisation, die Anreise, das lange Stehen auf der Bühne – in manchen Fällen schon das „Erklimmen“ der Bühne – kosten Kraft. Kraft, die die Sänger zwischen 58 und 79 Jahren nur mit zunehmender Mühe aufbringen konnten.

„Alles hat seine Zeit“, sagt Klaus Großkopf, seit 30 Jahren Vorsitzender der Liedertafel Bebra. „50 Leute zahlen für acht Sänger, das hat nicht mehr gepasst“, sagt er. 

Junge Menschen würden ihre Freizeit mittlerweile anders nutzen, für Sport, fürs Surfen im Internet. Wer singen wolle, entscheide sich häufig für einen Gospelchor. „Früher war es eine Ehre, als Sohn im Chor des Vaters zu singen“, sagt Großkopf. Wer nicht kam, musste 10 Pfennig zahlen. „Viele wollen aber keine Verpflichtung mehr eingehen“, so der Vorsitzende. 

Die jahrelange Suche nach Nachwuchs war vergeblich

Die jahrelange vergebliche Suche nach Nachwuchs hat aber auch eine andere Seite: „Wer möchte als junger Mensch schon in einem überalterten Chor mitmachen?“, sagt Anita Keßler.

Ein Zug mit Vereinsmitgliedern aus dem Jahr 1933 auf einer Brücke über die Bebra - rechts außerhalb des Bildes steht heute der Hessische Hof.

Trotz der Auflösung werden die Chormitglieder nicht einfach mit dem Singen aufhören, wird die „Familie“ nicht einfach zerbrechen, sagt Klaus Großkopf. 

Seit 2007 bilden die Liedertafeln in Blankenheim und Bebra eine Chorgemeinschaft: „Wir füllen jetzt dort die Ränge auf“, sagt er. Und hofft darauf, dass zumindest die aufwendige Vereinsfahne aus Samt und Seide erhalten bleibt – und vielleicht einen Platz im neugestalteten Inselgebäude findet. „Deutsches Lied und Hessenland, blühe fort am Fuldastrand“ steht dort. 

Auch die zahlreichen Fotos aus der 151-jährigen Vereinsgeschichte will er der Stadt zur Verfügung stellen. „Es ist auch ein Stück Bebra, das jetzt verloren geht“, sagt Anita Keßler zum Abschluss. Alles hat eben seine Zeit.

1949 endete das "Junggesellendasein"

Der Gesangverein Liedertafel Bebra wurde 1867 als Männerchor gegründet – getrieben vom Geist der Gemeinschaft und der Freude am Lied, wie es in einer Festschrift heißt. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gehörten 160 junge Männer zur Liedertafel – fast alle waren aktive Sänger. 

1949 wurde der Chor von 28 Sängerinnen verstärkt, es ist das Gründungsjahr des gemischten Chores. Der Männerchor bestand weiter, musste aber 1968 aufgeben, weil der Nachwuchs fehlte. Unser Foto zeigt einen Zug mit Vereinsmitgliedern aus dem Jahr 1933 auf einer Brücke über die Bebra – rechts außerhalb des Bildes steht heute der Hessische Hof.

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