Interview mit Lokschuppen-Chef Matthias Bähr

Konzertveranstalter in Corona-Zeiten: „Es ist eine Lawine in Gang geraten“

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"Es liegt ein Schuttberg auf den Gleisen": Lokschuppen-Chef Matthias Bähr hat derzeit viel zu tun, gut 40 Veranstaltungen mussten am jungen Veranstaltungsort verschoben werden. Er sagt aber auch: "Der Lokschuppen wird Corona überstehen."

Was macht ein Konzertveranstalter in Corona-Zeiten? Er arbeitet viel. Seit September gibt es die Eventlocation Lokschuppen in Bebra. Wir haben mit dem Geschäftsführer gesprochen.  

Matthias Bähr ist seit Juli 2019 Geschäftsführer des sanierten Lokschuppens in Bebra. Ein Interview über die Abfahrt, die bisherige Reise und die plötzliche Vollbremsung durch Corona.

Herr Bähr, wie hart trifft die Corona-Krise den Lokschuppen?

Die Pandemie hat uns unvorbereitet erwischt, das geht allen so. Den Lokschuppen trifft es aber deutlich härter als die meisten anderen, weil er kein gestandenes, schon seit Jahren aktives Projekt ist, sondern sich mitten im Aufbau befindet. Durch Corona erfahren wir einen unglaublichen Rückschritt.

Ist es ein Bremsschuh, oder liegt schon ein großer Stein auf den Gleisen?

Ich würde sagen: Es liegt ein mächtiger Schuttberg auf den Gleisen.

Wie sieht derzeit ihr Alltag aus?

Im Moment habe ich mehr Arbeit als vorher, und vorher war es schon extrem viel. Es ist „business as usual“ und Corona kommt noch obendrauf. Der Lokschuppen besteht ja nicht nur aus Konzerten. Er ist vor allem als Veranstaltungsort für Firmen, Vereine und Privatfeiern wie Hochzeiten und Abibälle gedacht. Angepeilt sind damit 70 Prozent der Gesamtauslastung. Da reicht die Planung schon bis tief ins Jahr 2021 und muss weiter vorangetrieben werden. Im Künstlerbereich schaut man ein- bis eineinhalb Jahre voraus. Als Corona kam, sind aber sämtliche Termine ins Schwimmen geraten. Was bis Juni stattfinden sollte, wandert jetzt in den Herbst.

Und da muss es mit den bereits geplanten Veranstaltungen passen.

Es ist eine riesige Lawine in Gang gekommen, die Arbeit ohne Ende verursacht. Alle Künstler und Tourneeveranstalter in Deutschland planen derzeit alles neu. Ein Beispiel: Wir hatten für eine Dire-Straits-Tribute-Show am 11. September schon Karten im Vorverkauf. Weil die Agentur aber durch Corona die ganze Tour umwerfen muss, wurde ich gebeten, den bereits festen Termin wieder freizumachen. Der muss jetzt auch nachgeholt werden. Im Moment reden wir von 30 bis 40 Veranstaltungen im Lokschuppen, die verschoben werden. Das ist erheblich.

Ist der Corona-Patient Lokschuppen denn in Lebensgefahr?

Corona könnte – ich sage bewusst nicht kann – uns gefährlich werden. Ich gehe felsenfest davon aus, dass die Situation in Deutschland relativ schnell in den Griff zu bekommen ist. Der Lokschuppen hatte einen erfolgreichen Start, und nach der Zwangspause werden wir zusammen mit der Stadt Bebra erfolgreich weiterarbeiten. Wir denken natürlich darüber nach, etwas herunterzufahren, wenn erst einmal alles geregelt ist. Auch wir mussten Kurzarbeit anmelden und werden Beihilfen beantragen, das ist gar keine Frage. Die laufenden Kosten für Personal und Miete sind aber nicht der Bärenanteil. Die hohen Kosten entstehen, wenn Veranstaltungen umgesetzt werden. Wir haben das alles noch nicht zu Ende gerechnet, das sage ich ganz deutlich. Tatsache ist aber auch, dass wir bereits für 2021 eine hohe Nachfrage haben und zu 50 Prozent ausgebucht sind. Das ist mehr als erfolgreich für eine junge Location. Der Lokschuppen wird Corona in jedem Fall überstehen.

Wie lang können Sie die Flaute überbrücken?

Ich gehe davon aus, dass wir im Frühsommer wieder veranstalten können. Sollte sich die Corona-Krise bis in den Herbst reinziehen, haben wir ein ganz gewaltiges Problem. Wir bereiten uns derzeit auf alle Eventualitäten vor, um für alles eine Lösung parat zu haben. Wir betreten gerade alle Neuland. So einen Fall wie jetzt hatten wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Es gibt keine Versicherung für diesen Fall und die Juristen zucken mit den Achseln – was in Deutschland selten vorkommt. Heute bucht man kaum noch einfach einen Künstler, zahlt die Festgage und streicht die Einnahmen ein. Das sind meistens Share-Deals, bei denen Tourneeveranstalter, Künstler und der Veranstalter vor Ort an den Einnahmen beteiligt sind. Der größere Teil des Risikos liegt aber bei uns. Es gibt die sogenannten Garantiegagen, bei denen meist mit Vorkasse gearbeitet wird. Wenn schon bezahlt ist und der Termin um zwölf Monate verschoben wird, liegt das Geld für ein Jahr fest. Das ist bitter. In unserem Fall geht das sicherlich in den Bereich der sechsstelligen Beträge.

Der Ruf nach Solidarität wird immer lauter – Kunden sollen ihre weiterhin gültigen Karten behalten. Schließen Sie sich an?

Gerade für die Künstler ist Corona eine Katastrophe. Die haben jetzt über Wochen und Monate keine Einnahmen. Und wenn wir über den Lokschuppen sprechen, geht es ja nicht um die Rolling Stones, die sicher den Gürtel nicht enger schnallen müssen, wenn ein paar Konzerte ausfallen. Der Ruf nach Solidarität gilt aber auch für uns als Veranstalter: Verträge sollten möglichst nicht gekündigt werden, nur weil sich nicht schnell ein Ersatztermin finden lässt. Bei den Tickets haben wir aber bisher ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht: Die Zahl der Karten, die zurückgegeben worden sind, ist verschwindend gering. Auch die gerade ins Leben gerufene Initiative „Freunde des Lokschuppens“ ist äußerst erfolgreich gestartet und zeigt uns, wie sehr bereits jetzt vielen der Lokschuppen ans Herz gewachsen ist.

Auch vor Corona hätten oft doppelt so viele Konzertbesucher im Lokschuppen Platz gehabt.

Eine Eventlocation aufzubauen, ist eine langfristige Geschichte. Wir waren bisher erfolgreicher, als alle Beteiligten gedacht haben. Es war von Anfang an klar: Wir brauchen mindestens ein komplettes Jahr, um beurteilen zu können, ob Veranstaltungen wie Konzerte überhaupt Sinn machen. Und ein weiteres Jahr, um zu sehen, ob sich das auch mittelfristig lohnt. Bis März, also vor Corona, wäre ein vorgezogenes Fazit sehr positiv ausgefallen.

Bis Corona lagen Sie also im Fahrplan?

Auf jeden Fall. Wir haben in der Region das Phänomen, dass Veranstaltungsorte sehr stark von Mundpropaganda leben. Da kannst du plakatieren, wie du willst, die Leute sagen trotzdem: Ich habe gar nicht gewusst, dass da was ist. Das höre ich immer wieder, das lässt einen teilweise verzweifeln. Die Besucherzahlen passen zur Kalkulation, nur die Verteilung ist eine ganz andere, als erwartet. Ich bin davon ausgegangen, dass es länger dauert, Gäste von außerhalb anzulocken. Stattdessen haben wir gleich zu Beginn Besucher aus dem Eschweger Raum, Fritzlar, Homberg und sogar Schlitz. Das war für uns erst der dritte Schritt. Wir dachten, dass die Menschen in Bebra, Rotenburg und dann auch im erweiterten Kreis wie Bad Hersfeld viel schneller mitbekommen, dass der Lokschuppen eine Adresse ist.

Hintergrund: Das ist die Aktion Freunde des Lokschuppens

Lokschuppen-Chef Matthias Bähr bietet anlässlich der Corona-Krise Sonderpakete an: Solidaritätsgutscheine, eine Getränke-Chip-Aktion und Jahreskarten bis Ende der Saison 2021. Die Angebote sind bis Ende April erhältlich und gelten unbegrenzt nach Krisenende. Zwei Tage nach Aktionsstart waren bereits acht Jahreskarten, zwölf Gutscheine und 180 Getränke-Chips verkauft.

Zur Person

Matthias Bähr (58) ist in Bebra aufgewachsen, an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg machte er Abitur. 1982 zog es ihn nach Westberlin, wo er eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann machte, bevor er sich für Marketing entschied. Er arbeitete in den Wendejahren zunächst bei der von Steve Jobs gegründeten Firma Next Computer und machte sich dann selbstständig. Ab 2002 baute er die Bootsmesse Berlin wieder auf und begleitete sie, zuletzt als Berater, bis 2017. Seit Juli 2019 ist er Geschäftsführer des Lokschuppens. Bähr lebt mit seiner Jugendliebe in Rotenburg, er hat zwei Kinder.

Quelle: HNA

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