"Jeder Mensch kann zeichnen"

Karikaturist Thomas Quitsch aus Bebra: „Manchmal ist es der Mittelfinger“

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Zeichnungen im Klein- und Großformat: Thomas Quitsch war auch am Bebraer Projekt Stadtgalerie beteiligt und gestaltete einen der bunten Koffer. 

Thomas Quitsch hat tausende Karikaturen gezeichnet: Prominente und "Normalsterbliche". Erste Erfahrungen sammelte er beim Abpausen mit Butterbrotpapier in der Grundschule Bebra. 

Gesichter ohne Ecken und Kanten sind für Thomas Quitsch ein Problem. Gesichter ohne Angela Merkels hängende Mundwinkel, ohne auffällige Details wie eine markante Brille. Allerweltsgesichter. Sie machen die Arbeit des Karikaturisten zu einer Herausforderung. Der 50-Jährige zeichnet seit seiner Kindheit, erste Erfahrungen sammelte er beim Abpausen mit Butterbrotpapier in der Grundschule in Bebra.

Mittlerweile gibt es Quitsch-Bilder von vielen Bürgermeistern des Landkreises, von Prominenten wie Ingo Appelt und Markus Maria Profitlich bei ihren Besuchen im Weiteröder Ellis Saal. Die Liebe zum Detail ist sein Markenzeichen. Wenn Rotkäppchen und der Wolf im Wald aufeinandertreffen, summen Bienen durch die Luft und Pilze recken sich aus dem Boden. Und: „Ich bin frech“, sagt der 50-Jährige. Auf seiner Karikatur zu dem nordhessischen Lieblingsthema – die Rückkehr des Wolfs – streckt Rotkäppchen dem Canis lupus nicht nur die Zunge heraus. „Manchmal ist es eben der Mittelfinger“, sagt der Bebraner mit einem Grinsen.

Schritt für Schritt: So entsteht eine Quitsch-Karikatur

Quitsch ist Autodidakt, er hat sich das Zeichnen selbst beigebracht. Damals gab es noch keine Online-Tutorials, der Bebraner lernte aus Comics. „Am meisten geprägt hat mich Asterix“, also Zeichner-Legende Albert Uderzo – der Franzose hat ebenfalls einen Hang zur Detailverliebtheit. 

Das nötige Talent brachte der Bebraner wohl mit, ein Hinweis darauf sind zumindest die vielen Einsen aus dem Kunstunterricht. Außer in der Grundschule: „Da war ich meiner Lehrerin zu unordentlich.“

Seine Karikaturen sollen ein Grinsen auslösen und nicht verletzen

Heute zeichnet der 50-Jährige nicht nur Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sondern auch „Normalsterbliche“. Anlass sind häufig Auftragsarbeiten zu Hochzeiten und Geburtstagen. Dabei muss der Künstler immer aufpassen, dass er den Finger zwar leicht auf einen wunden Punkt legt – aber nicht fest zudrückt. Seine Karikaturen sollen ein Grinsen auslösen, nicht verletzen. 

Quitschs schärfste Kritikerin, wenn er doch einmal den Fuß über diese Grenze setzt, ist seine Frau: „Sie sagt dann schon mal: Nimm das ein bisschen zurück, so eine große Nase hat der nicht.“

Das Zeichnen ist für Thomas Quitsch ein Hobby: „Leben könnte ich davon nicht“, sagt der Fachkrankenpfleger, der im Klinikum in Bad Hersfeld arbeitet. So kann er sich allerdings ein Limit erlauben: Der Bebraner erledigt einen Auftrag pro Woche. Wenn es schnell geht, braucht er etwa sechs Stunden für eine Karikatur. 

Sein neuestes Projekt ist ein Kinderbuch: Die Geschichte um die „Zebramaus“, die anders aussieht als ihre Geschwister und damit außerhalb ihrer Familie als Außenseiter abgestempelt wird, ist bereits fertig. Derzeit sucht Quitsch einen interessierten Verleger.

Die Karikatur als Pause-Taste

Bei Thomas Quitsch geht es immer um die Details: „Allein wie jemand geht und sich gibt, verrät etwas über den Menschen“, sagt der Bebraner. Seine Karikaturen sollen Personen mitten in einer typischen Bewegung einfrieren – sie sind seine Pause-Taste aus Bleistiftstrichen und Aquarellfarbe. „Niemand will statische Figuren sehen. Wir bewegen uns ja einfach ständig“, sagt Quitsch. 

Daher studiert er, bevor er zu Stift und Papier greift, seine Figuren – wenn möglich live. Andernfalls gilt: „Am besten ist bewegtes Material“, Videos schlagen also Fotos. Sobald er eine Vorstellung von dem Menschen hat, den er zeichnen will, geht er „mit seinen Ideen schwanger“. Die meisten guten Gedanken kommen dem Bebraner beim Joggen – er läuft täglich etwa zehn Kilometer. 

Entscheidend für Karikaturen sind Körperhaltung und Kopfform: „Wenn der Rest des Gesichts perfekt ist und die Kopfform nicht stimmt, erkennt man den Menschen nicht“, sagt Quitsch. Ein gefundenes Fressen für Zeichner sind Auffälligkeiten wie eine Brille, aber der Künstler warnt: „Diese Details zeichne ich zum Schluss, weil sie mich sonst zu sehr vom Rest ablenken.“

Die Botschaft klar machen: Sag es mit sieben Worten 

Für Bilder mit Text hat sich Quitsch eine Grundregel verpasst: Sag es mit sieben Worten. So werde die Botschaft auf den ersten Blick verstanden. „Jeder Mensch kann zeichnen. Nicht das, was ich mache, aber in seinem eigenen Stil“, ist sich Quitsch sicher. Anfänger sollten nicht mit Gesichtern beginnen, rät er, sondern eher Stillleben zeichnen, etwa einer Kaffeetasse in all ihren Details. 

Und wer die Kaffeetasse langweilig findet? Der malt Menschen mit markanten Gesichtern – wie Bad Hersfelds Bürgermeister Thomas Fehling und Landrat Dr. Michael Koch.

Zur Person

Thomas Quitsch (50) ist in Kassel geboren und bis zu seinem fünften Lebensjahr im Stadtteil Waldau aufgewachsen. Dann zog die Familie nach Bebra, wo Quitsch die Mittlere Reife machte. Grafik- und Kommunikationsdesign reizten ihn – für beides hätte er damals aber nach Fulda gemusst. Quitsch entschied sich zunächst für Maschinenbau an der Fachoberschule, bevor er seine Meinung änderte und 1986 die Ausbildung zum Krankenpfleger am Klinikum in Bad Hersfeld begann. 

Nach Abschluss der Ausbildung leistete er seinen Wehrdienst. Anschließend kehrte er ans Klinikum zurück, wo er nach mehreren Weiterbildungen als Fachkrankenpfleger arbeitet. Quitsch bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Er ist Mitglied im Kindergottesdienstkreis in Weiterode, treibt gerne Sport und ist begeisterter Modellflieger. Er ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

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