Auftritt des „Highlanders“ im Lokschuppen

GDL-Chef Claus Weselsky macht Kampfansage in Bebra

Fährt der Lokführer nicht, fährt der Zug nicht: GDL-Chef Weselsky in der Künstlergarderobe des Bebraer Lokschuppens. 2022 will der 62-Jährige erneut kandidieren.
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Fährt der Lokführer nicht, fährt der Zug nicht: GDL-Chef Weselsky in der Künstlergarderobe des Bebraer Lokschuppens. 2022 will der 62-Jährige erneut kandidieren.

Einen Tag nach der Ankündigung, dass wohl ausgerechnet in der Sommerreisezeit Streiks den Bahnverkehr lahmlegen werden, hat der Bundeschef der Lokführer-Gewerkschaft GDL die Bebraer Mitglieder im Lokschuppen bei ihrer Jahreshauptversammlung auf den Arbeitskampf eingeschworen.

Bebra – Der oberste Lokführer der Nation hat den Bahnhof verpasst: Claus Weselsky und seine GDL treiben derzeit die Deutsche Bahn vor sich her, die Gewerkschaft droht mit Streiks, ausgerechnet in der Sommerreisezeit. Am Mittwoch soll der Bundesvorsitzende bei der Jahreshauptversammlung der Bebraer Ortsgruppe sprechen. Der Lokschuppen füllt sich, rund 80 Eisenbahner wollen den Chef ihrer Interessensvertretung hören, nur: Der ist nicht da, hat den Bahnhof in Bad Hersfeld verschlafen – im wahrsten Sinne des Wortes – und ist auf dem Rückweg vom nächsten Halt in Eisenach.

Die Szene, wenn der gebürtige Dresdener dann doch mit knapp zehn Minuten Verspätung, im Anzug und mit Rolli im Schlepptau in den Saal kommt, sagt viel über das Verhältnis der Mitglieder der zwar kleineren, aber schlagkräftigen der beiden deutschen Eisenbahngewerkschaften zu ihren Bundesvorsitzenden aus. „Ich will euch nichts vormachen“, sagt Weselsky und erzählt kurzerhand, wie er zehn Minuten vor dem Halt in der Kreisstadt bei der Nachrichtenlektüre die Augen zu- und sie erst wieder aufgemacht hat, als es zu spät war. Lachen im Saal, verständnisvolles Nicken für den 62-Jährigen, der im Streit mit dem Schienen-Giganten DB viel um die Ohren hat. Dann nimmt er Platz und es geht los.

Vier Verhandlungsrunden haben die Bahn und die Berufsgewerkschaft für Zugpersonal, die sich im November für die gesamte Bahnbranche geöffnet hat, hinter sich. Nun also Streik. „Ja, es hat Corona gegeben und ja, es trifft Reisende. Aber einen perfekten Zeitpunkt gibt es nicht“, wirbt Weselsky um Verständnis bei den durch Lockdowns ausgehungerten Deutschen. Es werde rechtzeitig verkündet, wann genau gestreikt wird. Fest steht: Es trifft den Zugverkehr bundesweit.

In der Auseinandersetzung geht es um mehr als eine bessere Bezahlung. Es geht um Macht und Mitglieder. Die Bahn will das Tarifeinheitsgesetz umsetzen, nachdem in jedem einzelnen Unternehmen festgestellt wird, welche Gewerkschaft mehr Mitarbeiter vertritt. Nur ihr Tarifvertrag kommt zur Anwendung. In den meisten Fällen ist das bisher die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG – die sich mit der Bahn einig ist – und nicht die GDL. Die will die ermittelten Mitgliederzahlen gerichtlich prüfen lassen. Das Gesetz von 2015 solle Spartengewerkschaften wie Lokführer und Piloten bremsen, die der Politik zu mächtig geworden seien, sagt Claus Weselsky. „Ich halte es für verwerflich, sich anschließend auf den Marktplatz zu stellen und zu schreien: Der ist machtgeil. Ich will die Tarifverträge, die wir in den vergangenen Jahren für den gesamten Markt angeglichen haben, erhalten.“

Die Konkurrenzsituation der Gewerkschaften sei so alt wie die Eisenbahn, sagt der 62-Jährige und rückt beim Gespräch in der Künstlergarderobe des Lokschuppens bis an die Sesselkante. Hinter ihm hängt ein einsames Bild aus der alten Eisenbahnzeit, Weselsky selbst hat das Lokfahren noch in der DDR gelernt. Durch das Tarifeinheitsgesetz gelte frei nach dem Film-Klassiker „Highlander“ nun: Es kann nur einen geben. „Und wenn es nur einen geben darf, werden wir derjenige sein“, so die klare Kampfansage des GDL-Chefs.

Zuvor hat er gut eine Stunde lang die Bebraer Ortsgruppe auf diesen Kampf eingeschworen. Das System Bahn sei „krank“, der Schuldenstand seit der Privatisierung 1994 von null auf 30 Milliarden Euro angestiegen. Der Konzern leiste sich im Management einen „überbordenden Wasserkopf mit Einkommen oberhalb der Millionen“, der Geld im Ausland verschwende. Sobald es gegen die „Teppichetage“ geht, die sich in der Pandemie ins Homeoffice zurückgezogen habe, während „die kleinen Leute “ in den Zügen dem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, wird im Saal genickt.

Dass Claus Weselsky am Tag nach den geplatzten Verhandlungen in der alteingesessenen Eisenbahnerstadt spricht, ist für ihn ein glücklicher Zufall. Mit Ortsgruppen-Kassierer Günther Kinscher verbindet ihn eine 30-jährige Freundschaft, beiden haben in der Bundesspitze der Gewerkschaft gearbeitet. Es ist Kinscher, der ihn in Eisenach mit dem Auto abholt, nach Bahnmaßstäben fast noch pünktlich im Lokschuppen abliefert und der nun hofft, dass er keinen Strafzettel bekommt, „weil ich in Ronshausen vielleicht zu schnell war“.

Von Clemens Herwig

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