Corona-Management: Streit hinter den Kulissen

Helfer der Tafel in Bebra hauen auf den Tisch

Die ehrenamtlichen Helfer Wolfgang Hahner (von links), Jürgen Forth, Christa Aaron, Werner Schmuck-Soldan, Hilde Heder, Marlies Gerlach, Renate Schneider, Karin Döring und Tafel-Mitbegründer Carsten Hansen bei einem Pressetermin vor Kirche in Weiterode.
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Die ehrenamtlichen Helfer Wolfgang Hahner (von links), Jürgen Forth, Christa Aaron, Werner Schmuck-Soldan, Hilde Heder, Marlies Gerlach, Renate Schneider, Karin Döring und Tafel-Mitbegründer Carsten Hansen bei einem Pressetermin vor Kirche in Weiterode.

Die Tafeln im Landkreis Hersfeld-Rotenburg erholen sich derzeit von den Einschnitten durch die Corona-Pandemie – doch hinter den Kulissen der sozialen Einrichtung in Bebra gibt es Streit.

Zehn ehrenamtliche Mitarbeiter der Tafel erheben gegenüber unserer Zeitung den Vorwurf, das Coronavirus würde als Vorwand genutzt, um unliebsame Ehrenamtler loszuwerden. Die Tafel-Verantwortlichen bestreiten das. Und vermuten ein anderes Motiv für die Kritik.

Der Vorwurf

„Wir wurden einfach abserviert“, sagt Renate Schneider für die Gruppe Ehrenamtler. Die 76-Jährige ist seit 13 Jahren für die Bebraer Tafel im Einsatz. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie im März war für sie und viele andere langjährige Helfer plötzlich Schluss. Die Tafeln mussten vorübergehend schließen. Mitarbeiter, die zu einer Risikogruppe gehören, werden seitdem weder in Bad Hersfeld noch in Bebra/Rotenburg eingesetzt, heißt es von den Tafel-Verantwortlichen.

Dafür haben die Ehrenamtler Verständnis. Bis heute habe sich aber niemand bei ihnen gemeldet, so die Kritik der Gruppe, obwohl die Tafeln wieder im eingeschränkten Betrieb geöffnet haben. „Angerufen werden nur Fahrer und Helfer, die keine Widerworte geben“, sagt Wolfgang Hahner. Der 55-Jährige gehört zu den Ehrenamtlichen, die für die Tafel die Lebensmittelspenden einsammeln. Aus Misstrauen ging Hahner so weit, dass er einen „Testballon“ steigen ließ: Ein 63-jähriger Nachbar habe sich nach einem Zeitungsaufruf, mit dem die Tafel nach jungen Fahrern suchte, beworben. Der Nachbar sei mehrfach angerufen worden, „während acht andere Fahrer im Schlummerzustand zu Hause sitzen“.

Die Antwort

„Wenn wir eine Zusammenarbeit beenden wollten, würden wir das klar kommunizieren“, sagt Gundula Pohl, die beim Diakonischen Werk Hersfeld-Rotenburg für die Tafeln zuständig ist. Das sei allerdings noch nie vorgekommen. „Wir wollen nicht verantworten, dass sich Menschen bei uns anstecken“, so Pohl über die Vorsicht beim Einsatz von Ehrenamtlichen. Dahinter stehe auch die Angst, zu einem Corona-Hotspot zu werden. Es gehe um den Schutz der Kunden und der Mitarbeiter. Derzeit werde an einer Regelung gearbeitet, die es vielen Freiwilligen wieder ermöglichen soll, in der Tafel zu helfen.

Gundula Pohl, Leiterin Allgemeine Diakonie

Allein für die Tafeln im Nordkreis gebe es 110 ehrenamtliche Mitarbeiter, sagt Dagmar George, Leiterin des Diakonischen Zentrums in Bebra. „Mit allen Kontakt zu halten, ist schwierig.“ Die sozialen Einrichtungen leisten derzeit nur eine Notversorgung, in Bebra heißt das: ein Termin statt drei Terminen pro Woche. Dadurch würden weniger Mitarbeiter gebraucht. Zudem würden gezielt Helfer gesucht, die nicht zur Risikogruppe gehören – etwa Studenten. Vor allem die Fahrer sollen entlastet werden, weil sie in Corona-Zeiten allein unterwegs sind: Normalerweise werden die Lebensmittelspenden zu zweit eingesammelt. Beim Einsatz von Ehrenamtlern werde auch darauf geachtet, ob sie oder ihr nahes Umfeld zur Risikogruppe gehören.

Ein klärendes Gespräch sei schwierig, „wenn über die Zeitung kommuniziert wird“, bedauern die Tafel-Verantwortlichen. Denn offenbar stehe hinter dem Vorwurf mehr als nur der Unmut über die Corona-Auszeit.

Die Hintergründe

In der Tat brodelt es in den Ehrenamtlern schon länger. Für viele ist das Diakonische Zentrum in Bebra über die Jahre ein zweites Zuhause geworden, jetzt gibt eine ganze Reihe von Kritikpunkten. „Das Klima ist aber das große Problem“, sagt Helferin Marlies Gerlach (70).

Dagmar George, Leiterin der Tafel in Bebra

Dagmar George hatte das Diakonische Zentrum im März 2019 von ihrer langjährigen Vorgängerin Inge Ulber übernommen. Die neue Leitung sei angetreten, um die Tafel in eine Großküche zu verwandeln, so der Eindruck der Ehrenamtler. Dabei bleibe das Christliche auf der Strecke, bedauert etwa Karin Döring. Die 67-Jährige arbeitet seit 15 Jahren für die Tafel. Der Kontakt zu den Kunden sei nicht mehr so eng wie früher. Was den Leuten fehle, sei ein bisschen Freundlichkeit und Offenheit. „Ihnen fehlt das Gefühl, wichtig zu sein, mehr zu sein, als nur ein Kunde.“ Auch der gute Ruf bei vielen Unterstützern habe gelitten, sagt Tafel-Mitgründer Carsten Hansen (81). Man habe immer wieder das Gespräch gesucht, so die Ehrenamtler, sei aber nicht ernst genommen worden.

Das Angebot

„Nicht die Tafel ist anders, die Zeiten sind anders“, sagt Diakonie-Abteilungsleiterin Gundula Pohl. Vielen Kunden und Ehrenamtlern fehle das Miteinander. „Das ist unter Corona nicht mehr möglich.“ Hinzu komme, dass sich die Tafelarbeit in den vergangenen zehn Jahren stark verändert habe. „Der Regelkatalog und die Anforderungen steigen immer mehr“, sagt Pohl – bei Arbeitsschutz und Hygienestandards stehe man verstärkt im Fokus. Die Ansprüche gingen über die Küchenführung daheim hinaus. Es werde etwa darauf geachtet, welche Schuhe beim Transportieren von Waren getragen werden. Mit Dagmar George als gelernter Köchin stünde der Tafel eine echte Fachkraft zur Seite. „Die Umsetzung von neuen Regeln wird von Jemandem, der nicht so professionell involviert ist, schnell als Schikane wahrgenommen. So ist es nicht gemeint“, sagt Pohl.

Man nehme die Beschwerden der Helfer sehr ernst, betonen die Tafel-Verantwortlichen. Dass wiederholt der Kontakt gesucht wurde, weisen sie allerdings zurück, und bedauern, dass ein Gesprächsangebot abgelehnt wurde. Dennoch sei man jederzeit bereit zum Austausch, erneuert Gundula Pohl das Angebot.

Er habe die Beschwerden der Ehrenamtler über einen Pfarrer an die Diakonie herangetragen, sagt Wolfgang Hahner – und mehr als drei Wochen keine Rückmeldung bekommen. Als diese doch noch erfolgte, hatte er bereits mit unserer Zeitung gesprochen und lehnte das Angebot daraufhin ab, erklärt der 55-Jährige. Die Ehrenamtler seien jedoch bereit, sich mit der Tafel-Leitung an einen Tisch zu setzen. (Clemens Herwig)

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