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Im Zweifel für den Angeklagten: Filmreife Schlägerei in Hünfeld bleibt ungesühnt

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Von: Christine Zacharias

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Symbolbild der Justizia mit verbundenen Augen
Im Zweifel für den Angeklagten: So urteilte das Jugendschöffengericht jetzt in Bad Hersfeld wegen der unklaren Beweislage. © Peter Steffen/dpa - Bildfunk

Wegen der unklaren Beweislage hat das Jugendschöffengericht Bad Hersfeld ein Verfahren gegen zwei Brüder aus Bebra wegen einer Schlägerei in Hünfeld eingestellt.

Bad Hersfeld – Die Szene war filmreif. Mit Lichthupe und aufheulenden Motoren verfolgen zwei hochmotorisierte Autos zu nächtlicher Stunde ein Fahrzeug in der Kaiserstraße in Hünfeld. Einer der Verfolger überholt und stellt sich quer, der andere blockiert den Rückweg. Mehrere Männer springen aus den Fahrzeugen, reißen die Türen des verfolgten Autos auf, zerren alle Insassen bis auf einen auf die Straße und verprügeln sie heftig mit Faustschlägen und Tritten – letztere auch gegen den Kopf und ins Gesicht. Dann springen die Schläger wieder ins Auto und rasen davon.

Wegen dieser Schlägerei und der daraus resultierenden schweren Körperverletzung waren jetzt drei junge Männer vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld angeklagt. Das Gericht unter Vorsitz von Michaela Kilian-Bock musste das Verfahren gegen zwei türkischstämmige Brüder aus Bebra – 24 und 22 Jahre alt – einstellen und einen jungen Deutschen aus Hünfeld freisprechen, weil es sich mit mehrheitlich unzuverlässigen Zeugen konfrontiert sah.

Es wurde offenbar viel gelogen in dieser Verhandlung, und es war nicht möglich herauszufinden, welche der widersprüchlichen Aussagen wahr und welche erfunden war. Zudem wurde das Verfahren nicht gerade erleichtert durch die Tatsache, dass sich die Tat bereits vor vier Jahren, am 20. Januar 2018, ereignet hat, und dass zahlreiche Protagonisten damals mehr oder weniger heftig alkoholisiert waren.

Ausgangspunkt war eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier, auf der einer der Angeklagten und die Zeugen zu Gast waren. Wer da Geburtstag hatte, wusste allerdings keiner der Beteiligten. Während dieser Feier kam es zu einer Auseinandersetzung, bei der schließlich „jeder auf jeden losging“, wie mehrere Zeugen berichteten. Dabei wurde auch der Hünfelder von einem 22-Jährigen aus Fulda geschlagen, irrtümlich, wie der dann feststellte. Der Fuldaer entschuldigte sich theatralisch bei dem Hünfelder und bot ihm an, seinerseits zuzuschlagen, doch das lehnte der ab. Er sei aber immer noch wütend gewesen.

Soweit waren die Zeugenaussagen relativ weit in Einklang zu bringen. Der Hünfelder soll dann seine türkischen Freunde aus Bebra angerufen und nach Hünfeld bestellt haben, um dem Schläger eine Abreibung zu verpassen. Angeblich waren die beiden Brüder aus Bebra dabei, von denen der jüngere tatsächlich mit dem Hünfelder befreundet ist und angab, den Abend mit ihm in Bebra verbracht zu haben. Das war ziemlich sicher eine Lüge, weil der Hünfelder von mehreren Zeugen auf der Party gesehen worden war.

Gelogen war aber wohl auch, dass die beiden Brüder an der zweiten Schlägerei beteiligt gewesen sein sollen. Der Zeuge, der das behauptete, verwechselte die Namen der Brüder und erkannte den Älteren nicht von der persönlichen Begegnung, sondern lediglich von einem Profilbild im Internet, das ihm jemand zugeschickt hatte mit der Behauptung, das sei einer der Täter. Der Zeuge will zudem die Form des Bartes des Bebraners wiedererkannt haben – „den trägt halb Bebra so“, merkte der Angeklagte an.

Alle anderen Zeugen, die brutal aus dem Auto gezerrt und verprügelt worden waren, erklärten, die beiden Brüder aus Bebra noch nie gesehen und auch ihre Namen nicht gehört zu haben.

Unter diesen Umständen blieb dem Gericht also nur, das Verfahren einzustellen.

Immer wieder fassungslos waren Richterin Kilian-Bock und ihre Schöffen über das völlige Desinteresse selbst der schwer verletzten Zeugen an einer Aufklärung des Falls und die Diskrepanz zwischen deren Aussagen bei der Polizei kurz nach der Tat und dem, was sie vor Gericht behaupteten. Alle bestritten jedoch, unter Druck gesetzt oder bedroht worden zu sein. Auf einen der Zeugen könnte nun allerdings eine Anzeige wegen falscher Verdächtigung zukommen.

Während Staatsanwältin Lambiel bei dem letzten verbliebenen Angeklagten, dem Hünfelder, immerhin den Tatbestand der Beihilfe zu einer Straftat gegeben sah und eine Geldstrafe von 1500 Euro forderte, entschied das Gericht aufgrund der unklaren Beweislage im Zweifel für den Angeklagten und sprach ihn frei. „In Bebra lachen sie sich jetzt kaputt“, ärgerte sich Michaela Kilian-Bock. (Christine Zacharias)

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