Wochenendporträt

Christian Lübeck ist Leiter einer Selbsthilfegruppe und ein guter Zuhörer

Kein Telefonseelsorger, aber dennoch ein guter Zuhörer: Christian Lübeck.
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Kein Telefonseelsorger, aber dennoch ein guter Zuhörer: Christian Lübeck.

Christian Lübeck ist Leiter der Selbsthilfegruppe Seelenanker in Bebra und erzählt in unserem Wochenendporträt über Depression und Corona und viele, viele Telefongespräche.

Bebra – Wer mit Christian Lübeck telefoniert, muss damit rechnen, dass im Hintergrund hartnäckig ein weiterer Apparat klingelt. „Ich weiß, wer da dran ist. Den rufe ich gleich zurück“, sagt der Leiter der Selbsthilfegruppe Seelenanker in Bebra. In Corona-Zeiten hat er oft einen Hörer am Ohr, horcht, wie es seinen Gruppenmitgliedern geht. Das Virus und die damit verbundene Isolation einiger Betroffener hat die Arbeit des Cornbergers, der selbst seit mehr als 20 Jahren an Depressionen und zudem unter Panikattacken leidet, nicht leichter gemacht. Bei Gesprächsbedarf hat der Mann mit mehreren Telefonen aber immer eine Leitung frei – auch im übertragenen Sinne.

„Ich komme mir vor wie festgenagelt, während die Kalenderblätter nur so an mir vorbeirauschen“, beschreibt der 38-Jährige seinen Alltag seit Beginn der Pandemie. Er will das erklären, sucht nach Worten. Von der Langeweile, ja vielleicht sogar Entschleunigung, die er erwartet hatte, gebe es keine Spur, sagt er dann. Allerdings lastet auch die Einsamkeit nicht so schwer auf ihm wie befürchtet – auch wenn sich seine Depression verschlimmert hat. Vielleicht liegt es daran, dass er ständig telefoniert? „Jetzt halten Sie mir den Spiegel vor. Das finde ich gut“, sagt Lübeck mit einem Schmunzeln in der Stimme.

Treffen in kleinem Kreis trotz Corona möglich

Zwar dürfen sich Selbsthilfegruppen mit Zustimmung des Gesundheitsamtes auch während eines Lockdowns treffen. Allerdings nur mit Hygienekonzept und Maske. Die Gruppen sind mit maximal fünf Personen außerdem kleiner als sonst. Rund ein Drittel der 60 Teilnehmer, schätzt Lübeck, sind regelmäßig da. Einige verlassen wegen Corona aber überhaupt nicht mehr das Haus.

Die Pandemie mache die Lage bei Depressionen, Angst- und Panikattacken nicht automatisch schlimmer: „Es ist immer die Frage, wie man damit umgeht. Wie viele Gedanken und Sorgen man sich macht“, sagt der Leiter. Er selbst kennt das vom Einkaufen: An schlechten Tagen bekommt er dann plötzlich Sehstörungen, der Kopf fühlt sich an wie in Watte gepackt, und er sieht überall nur noch Masken statt Gesichter. „Eigentlich vermisst man den Kontakt – gleichzeitig erhöht er aber auch den Druck.“

Lübeck geht dennoch davon aus, dass der Leidensdruck durch Corona größer geworden ist. Kommen die Teilnehmer sonst eher spontan, melden sie sich jetzt teils bereits eine Woche vor den Terminen an. Fünf Neuzugänge, die regelmäßig dabei sind, hat der Cornberger im vergangenen halben Jahr begrüßt: „Das ist viel.“ Über die Festtage und den Jahreswechsel haben die Treffen pausiert. Im Juli wird der Seelenanker fünf Jahre alt. Eigentlich ein Grund zu feiern. „Das wird wohl dieses Jahr nichts“, befürchtet Lübeck. Im Februar sollen aber zumindest die Treffen weitergehen.

Manche Gespräche dauern sehr lang

Bis dahin wird er noch viel telefonieren. „Auch wenn die Leute wegen Corona nicht kommen, ist trotzdem Redebedarf da“. Manchmal dauern die Gespräche sehr lang, beim nächsten Treffen bleibt dann oft ein Platz mehr leer – weil der Leidensdruck weg ist, vermutet der 38.Jährige. „Ich ruf Dich mal hin und wieder an“ ist ein Satz, den er in letzter Zeit häufig hört.

Christian Lübeck glaubt an die Wirkung der Gruppengespräche. Ihm wäre es lieber, Betroffene kämen zu den Treffen. „Ich bin eben kein Telefonseelsorger“, sagt er. Einfach auflegen kommt für ihn aber nie in Frage. Es ist auch eine große Verantwortung. „Manchmal hat man daran ganz schön zu schleppen“, sagt der Cornberger. (Clemens Herwig)

Kontakt: Christian Lübeck unter 01 60/93 88 34 52 und per E-Mail: bebra.shg@gmail.com.

selbsthilfegruppe-seelenanker-bebra.jimdosite.com

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