Bittere Gewissheit

Continental-Tochter Vitesco in Bebra droht massiver Stellenverlust

Hofft, dass der Protest in der Führungsetage von Vitesco in Bebra gehört wird: Betriebsrat Torsten Buske.
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Bebras geplatzte Träume: Bei ihrem 24-Stunden-Warnstreik ließen die Beschäftigen, hier Torsten Buske, Luftballons knallen – in der Hoffnung, dass es die Chefetage hört. Der 49-jährige Weiteröder arbeitet seit 25 Jahren bei Conti in Bebra und ist seit März Betriebsratschef. „Wenn mir nichts an dem Standort liegt, dann weiß ich nicht, wem etwas an dem Standort liegen soll“, sagt er zur Kritik an der Belastung der Produktion durch weitere Streiks.

Nach langer Hängepartie folgt jetzt die bittere Gewissheit: Der Continental-Tochter Vitesco in Bebra droht ein massiver Stellenverlust.

Bebra – Lange Zeit gab es keine klare Kommunikation zur Zukunft des Standorts Bebra der Continental-Tocher Vitesco. Jetzt bestätigt auch das Unternehmen auf erneute Anfrage: Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten im Standortverbund mit Mühlhausen soll bis 2025 von derzeit 845 auf 436 reduziert und damit nahezu halbiert werden. Am heutigen Freitag startet die nächste Verhandlungsrunde zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern.

Bereits im Frühjahr hatte die Gewerkschaft IG Metall den „Kahlschlag“ im Zuge der Umstrukturierung beim Automobilzulieferer bei mehreren Warnstreiks kritisiert. Von Vitesco hieß es daraufhin, „aktiven Anpassungsbedarf“ gebe es lediglich bei 150 Arbeitsplätzen. Dabei bleibt das Unternehmen: „Die von der IG Metall genannte Zahl an erwarteten Vollzeitstellen im Jahr 2025 erreichen wir darüber hinaus allein durch natürliche Fluktuation“, so Sprecherin Emerenz Magerl-Ziegler.

Laut Betriebsratschef Torsten Buske ist das Taktik: „Am Ende gibt es eine Gesamtbeschäftigtenzahl von 436, die am Standort verbleibt. Diese Zahl will man nicht so wirklich kommunizieren, aber das sind die nackten Fakten, deswegen werde ich sie auch immer wieder nennen.“ Die Arbeitnehmervertreter erwarten auch betriebsbedingte Kündigungen und kündigen an, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen. „Uns konnte bisher noch niemand sagen, wie 2025 mit der Hälfte der Beschäftigten ein nahezu gleicher Umsatz bewerkstelligt werden soll“, sagt Buske. Sollten die Gespräche keinen Fortschritt bringen, droht eine weitere Eskalation: Vor einer Woche legten die Beschäftigten bereits für 24 Stunden die Arbeit nieder, die Produktion in Bebra und Mühlhausen stand still.

Umstrukturierung und Abspaltung

Continental befindet sich in einer konzernweiten Umstrukturierung, um auf die schwächelnde Automobilbranche zu reagieren. Auch die um Abspaltung bemühte Tochterfirma Vitesco ist betroffen. Das Unternehmen ist Anfang 2019 aus der Antriebssparte Powertrain hervorgegangen und setzt den Schwerpunkt nun auf Elektromobilität. Vitesco wird sich voraussichtlich im Herbst von Continental lösen – auch eine Börsennotierung ist geplant.

Der Standortverbund ist ein Opfer der Neuausrichtung: Der Produktionsanteil von Verbrennertechnik in Bebra liegt bei bis zu 75 Prozent, in Mühlhausen sind es 100 Prozent – Vitesco setzt verstärkt auf Elektroantriebe. Betriebsrat Buske fordert daher neue Produkte, die dem Standort eine Perspektive geben. Im September war bereits bekannt geworden, dass das Werk in Mühlhausen bis 2022 geschlossen wird.

Betriebsratschef Buske warnt: „Es kann jeden treffen“

Torsten Buske kommt frisch aus dem Mittagstreff: Die Online-Konferenz soll das Plaudern in der Kantine in Pandemiezeiten ersetzen und derzeit gibt es durch den drohenden Stellenverlust jede Menge Gesprächsbedarf.

Der Standortverbund Bebra-Mühlhausen ist derartige Unruhe nicht gewohnt: „In den vergangenen Jahrzehnten hatten wir vielleicht mal schwierige Phasen, aber es ging niemals darum, hier um die Arbeitsplätze zu kämpfen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Es habe lange gedauert, bis die Betroffenheit bei den Beschäftigten gegriffen hat. „Einen richtig harten Einschlag gab es Anfang des Jahres, als die ersten zehn betriebsbedingten Kündigungen in Bebra ausgesprochen worden sind.“

Die Verunsicherung sei mittlerweile enorm: „Es gibt immer wieder die Nachfrage: Muss ich mit einer Kündigung rechnen?“ Für Buske ist das schwer zu beantworten: „Es kann jeden treffen“, sagt der Betriebsratchef – es ist ein deutlicher Warnruf. „Es gibt immer noch Gruppierungen, die nach der Vogel-Strauß-Technik den Kopf in den Sand stecken. Das wird nichts helfen“, betont Buske.

Vor allem junge Mitarbeiter beschäftigt der Gedanke eines Firmenwechsels

Und es gibt die ersten Wanderfalken: „Es gehen nicht jeden Tag zehn Leute, aber es ist in einer Größenordnung, die mich nachdenklich macht“, so der Betriebsrat. Verdenken kann er es keinem. Ein Firmenwechsel mit Abfindung beschäftige vor allem junge Mitarbeiter, die ein Stellenabbau voraussichtlich besonders trifft, aber auch Kollegen ab Mitte 50, für die viele Lösungen nicht greifen. Für das Werk ein doppelter Verlust: „Die Kompetenzen der jungen Leute, die wir für die Zukunftsgestaltung brauchen, und die Kollegen, die das Werk in- und auswendig kennen, gehen verloren“, so Buske.

Ich habe keine Lust mehr, mich im Kreis zu drehen. Mir ist von dem ganzen Gedrehe schon speiübel.

Betriebsratsvorsitzender Torsten Buske

Die Arbeitnehmervertreter kämpfen derzeit gleich an zwei Fronten: Es geht um den Erhalt der Arbeitsplätze und einen neuen Sozialtarifvertrag, der vom Stellenabbau Betroffene auffangen soll. Die derzeitige Vereinbarung stammt aus dem Jahr 2008. Doch vor allem die Gespräche über die Reduzierung der Vollzeitstellen stocken derart, dass eine Einigung nicht in Sicht ist. Beim Warnstreik vor einer Woche rief Buske ins Mikrofon, er habe keine Lust mehr, sich im Kreis zu drehen: „Mir ist von dem ganzen Gedrehe schon speiübel.“

Aufruf mit Autokorso: Wiederholt haben Vitesco-Beschäftigte in Bebra eine Abkehr vom „Kahlschlag“ gefordert – unser Foto zeigt eine Autoschlange in der Nürnberger Straße in Bebra.

Wie viele Arbeitsplätze gerettet werden können, müssen die Gespräche zeigen, sagt der Betriebsrat. Es geht vor allem um Schadensbegrenzung: Um betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern, werden Altersteilzeitmodelle, freiwillige Aufhebungsverträge und Vorruhestandsregelungen verhandelt. Zudem seien dem Arbeitgeber bereits finanzielle Zugeständnisse gemacht worden. „Dabei geht es nicht um Einschnitte im Gehalt“, betont Buske. Ein Beispiel sei eine verkürzte Zeit, die den Mitarbeiter von der Stempeluhr zu ihrem Arbeitsplatz zugestanden wird. In der Summe seien das nicht unerhebliche finanzielle Vorteile für den Arbeitgeber.

Kaum noch Kurzarbeit: Auftragslage ist derzeit besser als erwartet

„Im Moment ist die Auftragslage besser als prognostiziert“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. War der Standortverbund 2020 noch auf Kurzarbeit angewiesen, sei das derzeit nur in der Entwicklungsabteilung der Fall, die sich nach wie vor mit Kraftstoffpumpen, aber auch mit Kühlwassersystemen für die E-Mobilität beschäftige. „Die haben natürlich massive Einbrüche bei den Anfragen, weil die Kunden sehr verhalten sind und sich fragen, wie es weitergeht.“ Selbst bereits angestoßene Projekte würden zurückgenommen. Betroffen sind rund 50 Beschäftigte.

Buske fordert daher neue Produkte für Bebra, „die eine gewisse Marge abwerfen“. Im Moment sehe es allerdings danach aus, als solle der für 2025 anvisierte Status Quo lediglich verwaltet werden. Vitesco verweist auf Anfrage unserer Zeitung erneut darauf, dass der Standort als Kompetenzzentrum für bürstenlose Gleichstrommotoren bereits Produkte anbiete, die auch bei Fahrzeugen mit Elektroantrieb – von der Kupplung bis zum Bremssystem – unverzichtbar seien. Aus dem „breiten Spektrum“ des Werkverbunds würden jährlich 30 Millionen Komponenten an Automobilhersteller in aller Welt geliefert. Und: „Unser Ziel ist, Bebra als wichtigen Standort für Aktuatoren-Technologien im globalen Fertigungsverbund von Vitesco Technologies zukunftsfähig aufzustellen.“ Auch das ist eine bekannte Aussage.

Haben ihre Bereitschaft für schärfere Streiks deutlich gemacht: Vitesco-Mitarbeiter beim 24-Stunden-Warnstreik am Besuchereingang des Werks in Bebra.

Betriebsrat Buske reicht das nicht: „Wir haben sehr hohe Kompetenzen am Standort – im Werkzeug- und Sondermaschinenbau, in der Prüfstandstechnik.“ Diese könne nicht nur innerhalb des Konzerns, sondern auch als externer Dienstleister anboten werden. Zudem sei eine Produktionssteigerung bestehender Linien möglich, wenn Bebra statt sogenannter Bestkosten-Standorte bei der konzerninternen Vergabe den Zuschlag erhalte. „Ich kann die Produktivität steigern, indem ich mit weniger Leuten das gleiche produziere. Ich kann aber auch mehr produzieren mit den Leuten, die jetzt am Start sind.“

Buske: Betriebsrat und Werkleitung sind sich nicht „spinnefeind“

Beim 24-Stunden-Warnstreik hatte es auch harsche Kritik an der – nicht anwesenden – Werksleitung gegeben. IG-Metall-Vertreter warfen der Chefetage vor, die Gelegenheit zum Austausch und Erklären ihrer Position verstreichen zu lassen. „Es gibt einen regen Austausch“, sagt Betriebsrat Torsten Buske. „Natürlich rappelt es auch, das bringt die Sache mit sich. Es ist aber nicht so, dass sich Werkleitung, Personalleitung und Betriebsrat spinnefeind sind.“ Buske geht davon aus, dass die Rahmenbedingungen sehr viel weiter oben im Konzern ausgegeben werden. An den heutigen Gesprächen zur Standortzukunft seien dementsprechend auch Vertreter „bis kurz unter die höchste Ebene“ von Vitesco beteiligt.

Das sagt Bebras Bürgermeister Stefan Knoche

Dass sich auch am Standort Bebra von Vitesco Technologies ein erheblicher Stellenabbau abzeichnet, sorgt für Sorge im Bebraer Rathaus: „Viele Menschen arbeiten im und leben von dem Werk in unserem Industriegebiet. Jeder Wegfall von Arbeitsplätzen bedeutet nicht nur einen Verlust für sie, sondern auch für Bebra“, sagt Bürgermeister Stefan Knoche. Bei einem Unternehmen dieser Größe mache sich ein derartiger Einbruch von Wertschöpfung in der Biberstadt bis ins kleinste Glied bemerkbar und erreiche selbst Kitas, Schulen und Vereine.

Die Lage für das Unternehmen sei schwierig, so Knoche. Neben den Auswirkungen der Corona-Pandemie komme das Umdenken hin zur Elektromobilität zum Tragen, von dem der Standort Bebra besonders betroffen sei. „Die Produktion von heute auf morgen umzustellen ist nicht möglich, auch wenn in Teilbereichen schon jetzt für die E-Mobilität produziert wird.“ Als Bürgermeister will Knoche moderieren: „Dazu haben wir Kontakt mit dem Wirtschaftsministerium, der Werkleitung und dem Betriebsrat aufgenommen.“ Es gehe insbesondere um Fördermöglichkeiten zur Arbeitsplatzsicherung sowie zum Ausgleich von Wettbewerbsnachteilen. Aber: „Es müssen auch alle an einen Tisch“, fordert Bebras Rathauschef – von der Politik über die Werkleitung und den Betriebsrat bis zur Belegschaft.

Dass viele mit dem neuen Namen der Continental-Tochter noch nichts anfangen können, ist für den Betriebsratschef nur eine weitere Herausforderung. Zumal Buske anders als Vorgänger Karl-Heinz Wicke („Wir sind in Nordhessen mehr oder weniger auf uns allein gestellt“) auch auf Unterstützung aus der Politik hofft. „Es gibt nicht allzu viele große Arbeitgeber in der Region. Und Continental, jetzt Vitesco, ist und war immer ein Aushängeschild für Bebra.“ (Clemens Herwig)

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