Auf Flohmarkt in Borken gefunden

Bananen am Bahngleis in Bebra: Schmuckstück soll restauriert werden

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Rostflecken und mattes Holz: Der in Borken entdeckte Verkaufswagen muss aufgehübscht werden.

Mehrmals pro Tag für etwa fünfzehn Minuten wurde der Bahnsteig in den 1960er Jahren in Bebra zur Einkaufsmeile für die Passagiere - mit Holzwagen der Bahnhofsgaststätten. 

Von einem großen Holzwagen mit Aufschrift der Bahnhofsgaststätten wanderten in den 1960er Jahren Bananen, heiße Würstchen und Schokolade in die Zugabteile. Die Abnehmer: Reisende aus Ostdeutschland, meist Rentner, auf Verwandtenbesuch im Westen.

Drei dieser Verkaufswagen waren im Einsatz – einer ist verbrannt, von einem fehlt jede Spur. Der dritte ist auf einem Flohmarkt in Borken wieder aufgetaucht und steht seit einem guten Jahr in einer Scheune in Iba. Er soll jetzt restauriert werden und einen Platz im geplanten Museum im Inselgebäude des Bebraer Bahnhofs bekommen.

Bebra ist damals der bedeutendste Interzonenbahnhof, so Stadtarchivar Peter Kehm. Im Jahr 1960 reisen etwa eine Million Menschen mit dem Zug über die Grenze im geteilten Deutschland. Und die Bebraner sind findige Geschäftsleute: „Verkauft wurde alles, was die Ostdeutschen wollten.“ Genug Zeit für ein gutes Geschäft blieb, weil die Lok in Bebra umgespannt wurde: Die dampfbetriebenen Zugwagen aus der DDR wurden in Bebra durch Diesel- und später E-Lokomotiven ersetzt.

Der ZDF-Film „Hoffnung – Fünf mal am Tag“ aus dem Jahr 1966 zeigt Szenen am Gleis: Ostdeutsche, die sich um den Verkaufswagen drängen, die wild mit Westmark wedeln, mit denen sie in der DDR nichts anfangen können – und teure Bananen kaufen. Viele Passagiere werden direkt am Fenster des Zugabteils bedient. Ab Juni 1973 fand der Lokwechsel für alle Züge in Gerstungen statt. Am 30. September 1990 wird die Grenzstelle Bebra aufgelöst – der Interzonenverkehr ist ein Wort der Geschichte. Mit ihm auch die Verkaufswagen?

Geschäftsmodell mit Tradition: Bereits in den 1920er-Jahren waren Verkaufswagen auf dem Bebraer Bahnhof unterwegs. Zu sehen ist der Bahnsteig 1, rechts im Hintergrund liegt das Empfangsgebäude (Inselgebäude).

Als die Bahnhofsgaststätte aufgelöst wird, übernimmt das Bebraer Familienunternehmen Hieronymus einen Teil des Inventars – darunter einen der Wagen. Einige Zeit steht das Schmuckstück vor der Kulturkneipe New Sun. Bei einer Feier fängt es – wohl durch einen Zigarettenstummel – Feuer und brennt ab. Mitglieder der Interessensgemeinschaft Backhaus am Platzborn sind es, die vor gut einem Jahr auf einem Borkener Flohmarkt zufällig auf ein weiteres Exemplar stoßen. Der Händler hatte den Wagen in Bebra erstanden, um ihn nach gegebener Zeit gewinnbringend wieder zu verkaufen, vermutet Kurt Wenderoth-Wegener vom Backhausverein. „Als wir davon gehört haben, war klar: Den holen wir“, sagt er. Zu zweit fuhren er und Irene Hohmeister nach Borken und packten das historische Stück mithilfe von einigen Flohmarktbesuchern auf einen Anhänger. 150 Euro hat der Verein für den Verkaufswagen bezahlt – ein Schnäppchen für das Stück „gelebte Geschichte“, wie Wenderoth-Wegener es nennt. Der Verein will den restaurierten Wagen als Leihgabe für das Inselgebäude-Museum zur Verfügung stellen.

„Der Wagen könnte ein zentrales Ausstellungsobjekt werden“, sagt Stefan Knoche von der Stadtentwicklung Bebra (SEB). Er sei ein starkes Synonym für den Grenzverkehr. Erste Anfragen an Restauratoren seien bereits gestellt: Bis zu 7000 Euro wird die Wiederherstellung wohl kosten – je nachdem, wie aufwendig der Wagen wieder aufgehübscht wird. Gemeinsam mit dem Förderverein Industriedenkmal Bahnhof Bebra wolle man einen Förderantrag stellen, so Knoche. Im Idealfall könnten so rund 50 Prozent der Kosten abgedeckt werden.

Die SEB hofft auf weitere Entdeckungen aus den Kellern und Dachböden der Bebraner: „Wir sammeln erst mal alles“, sagt Stefan Knoche. Ab dem 20. November sollen Ausstellungskonzepte für das Grenzmuseum erarbeitet werden.

Von Clemens Herwig

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