Interview

Kinderbuchautor Paul Maar: Das Sams würde bei Klimademos mitmarschieren

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Kommt das Sams immer samstags, weil es am Freitag auf einer Klimademo unterwegs ist: Kinderbuchautor Paul Maar - hier beim diesjährigen Literarischen Frühling auf Schloss Waldeck - kann sich das gut vorstellen. 

Muss ein Kinderbuchautor selbst Kinder haben? Nein, sagt Sams-Erfinder Paul Maar im Interview. Und verrät, warum das Wesen mit den Wunschpunkten nicht sein Lieblingswerk ist. 

Er zählt zu Deutschlands bekanntesten Kinderbuchautoren und kommt von seiner beliebtesten Schöpfung nicht los: Sams-Erfinder Paul Maar. Am Dienstag, 3. Dezember, gibt der 81-Jährige in Bebra mit „Schiefe Märchen, schräge Geschichten“ eine musikalische Lesung, die sich eher an Erwachsene richtet und bei der es eben nicht nur um das freche Wesen mit den blauen Wunschpunkten geht.

Wir haben mit ihm über Prinzen, die ihre Holde per Kleinanzeige suchen, und darüber, was das Sams auf einer „Fridays for Future“-Demo machen würde, gesprochen.

Herr Maar, als Entschuldigung vorweg: Es wird wieder um das Sams gehen. Nervt das manchmal?

Das nicht. Aber manchmal bedauere ich es, dass ich 60 Bücher geschrieben habe und auf den Sams-Autor festgelegt bin. Es gibt Bücher, die persönlicher sind und mir fast mehr am Herzen liegen.

Welche wären das?

„Lippels Traum“ etwa. Das ist eine schöne Geschichte, die zwischen Realität und Traum hin- und herschwenkt. Ich finde, die ist mir gut gelungen. Außerdem war ich selber als Kind ein Tagträumer. Es ist nicht selten passiert, dass meine Eltern gefragt haben: „Und, bist du einverstanden?“ und ich gesagt habe: „Womit?“, weil ich grad in Gedanken über die Prärie geritten bin. Sie hatten dafür einen Spezialausdruck: „Jetzt kommt er wieder aus dem Mustopf“.

Das Sams kommt immer samstags. Ist es freitags auf „Fridays for Future“-Demos unterwegs?

Ich könnte mir das Sams da gut vorstellen, es würde fleißig mitmarschieren und auffallen mit seinen roten Haaren. Und es würde gleich eine Lügengeschichte erfinden, warum es einen Taucheranzug an hat. Es fabuliert gern, das Sams, und erzählt Geschichten, ohne sich groß darum zu kümmern, ob sie wahr sind. Einige hätten bestimmt auch schöne Wünsche, was die Erderwärmung und das Klima angeht.

Das Sams kann nicht alle Wünsche erfüllen, oder?

Das ist in der Tat ein bisschen schwierig, da bin ich auch als Autor überfordert. Alles, was das Sams selber machen kann, ist möglich, also materielle Dinge. Aber es kann wahrscheinlich doch nicht die Welt verändern.

Autor, Illustrator, Drehbuchautor: Paul Maar gehört zu den bekanntesten Namen der deutschen Kinderunterhaltung.

Was erwartet die Besucher bei Ihrer Lesung in Bebra?

Im Buch sind verschiedene schiefe Märchen versammelt. Einige sind eher kindgerecht und lehnen sich an alte Märchen an, es geht um eine Zauberin und eine Verwandlung. Andere sind sehr ironisch und mehr für Erwachsene gedacht. Wenn zum Beispiel ein moderner Königssohn à la Prinz Charles eine Frau per Kleinanzeige in der Zeitung sucht, aber nicht weiß, wohin er sie ausführen soll, weil er nie aus seinem Schloss rausgekommen ist. Die Empfehlung von der Frau des Pförtners ist dann ein Restaurant im vierten Stock eines Kaufhauses, weil es da ein gutes Jägerschnitzel gibt. Die Kinder akzeptieren das, weil sie gern Schnitzel mit brauner Soße essen. Die Erwachsenen finden es lustig, dass ein reicher Adeliger seine Angebetete ins Kaufhaus ausführt.

Sie reisen mit zwei Musikern als „schiefes Märchentrio“ an. Wie wichtig ist Musik für Sie als Autor?

Ich habe in dem Fall gleich zwei Vorteile. Ich bin ja schon ein bisschen älter, und so muss ich nicht eine Stunde auf der Bühne ununterbrochen reden. Ich erzähle ein Märchen, und dann gibt es ein Musikstück. Damit Konrad Haas und Wolfgang Stute aber nicht nur rumsitzen, Däumchen drehen und warten, bis ich fertig bin, habe ich sie bei den Dialogen mit einbezogen. Die beiden haben natürlich gesagt: Wenn wir deinen Part übernehmen, musst du auch singen. 

Da hab' ich erstmal geschluckt. Ich war damals im Schulchor, ich war nicht schlecht. Seitdem habe ich höchstens unter der Dusche gesungen, aber es macht mir immer größeren Spaß. Weil wir meistens zu dritt singen, fällt es nicht auf, wenn ich mal zu hoch oder zu tief bin.

Muss ein Kinderbuchautor eigene Kinder haben?

Bei mir war das tatsächlich so. Die Kinder haben jeden Abend gefragt, also wurde eine Geschichte erfunden, dann noch eine und noch eine. Ich habe die in einem Buch gesammelt, „Der tätowierte Hund“. Ich war aber auch mit Janosch („Oh, wie schön ist Panama“, die Redaktion) unterwegs, und der hat nicht nur keine Kinder, sondern er hat auch Angst vor ihnen. Er sagt, er schreibt für das Kind in sich und freut sich als Erwachsener daran. Man muss keine Kinder haben. Aber man braucht eine ganz tiefe Wurzel in die eigene Kindheit, sonst kann man nicht überzeugend für Kinder schreiben.

Zum Schluss eine Frage, die Sie sicher noch nie gehört haben: Wenn Sie einen Wunsch freihätten...

(lacht) Das war ironisch, oder? Die Frage habe ich schon hunderte Mal gehört. Ich versuche dann immer, mir nicht gleich den Weltfrieden zu wünschen. Ich bin gerade am Illustrieren, und es ärgert mich wahnsinnig, dass meine feine Feder für die Zeichnung immer so schnell verstopft. Ich würde mir vom Sams also eine Feder wünschen, die nie verstopft ist.

„Schiefe Märchen und schräge Geschichten“: Dienstag, 3. Dezember, ab 19.30 Uhr in der Hoehlschen Buchhandlung in Bebra. Tickets für 15 Euro bei der Stadtverwaltung (Telefon: 0 66 22/50 11 24) und beim Kulturzug Bebra.

Zur Person 

Paul Maar (81) gehört spätestens seit „Eine Woche voller Samstage“ (1973) zu Deutschlands bekanntesten Kinderbuchautoren. Geboren 1937 in Schweinfurt, wuchs er durch den frühen Tod der Mutter und die Kriegsgefangenschaft des Vaters bis zu dessen Rückkehr bei den Großeltern in Unterfranken auf, wo er die Liebe für Geschichten entdeckte. 

Nach dem Abitur in Schweinfurt studierte er Malerei und Kunstgeschichte in Stuttgart und arbeitete sechs Jahre als Kunsterzieher. 2015 übernahm er die einjährige Grimm-Professur an der Universität Kassel. Der 81-Jährige ist Illustrator, Übersetzer sowie Drehbuch- und Theaterautor. Paul Maar lebt mit seiner Frau Nele in Bamberg und hat drei Kinder.

Quelle: HNA

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