Brief an die Bundeskanzlerin

Brief an Merkel: Mehr Berücksichtigung von Menschen mit Behinderung während Corona-Krise 

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Der 19-jährige Alexander aus Bebra erzählt, welche Probleme er während der Corona-Pandemie hat, und fordert die Politik auf, sich mehr für die Interessen behinderter Menschen einzusetzen.

Ein 19-Jähriger aus Bebra hat Angela Merkel geschrieben und ihr geschildert, welche Probleme Menschen mit Behinderungen während der Corona-Krise haben. 

Der 19-jährige Alexander aus Bebra ist ein großer Fan der BundeskanzlerinAngela Merkel. Deshalb hat er ihr am 25. Mai einen Brief geschrieben, in dem er die Probleme schildert, die er und viele andere Menschen mit Behinderungen während der Corona-Pandemie haben. Seine Mutter hat den Text ein wenig geglättet und korrigiert, bevor er abgeschickt wurde. Jetzt wartet der junge Mann aus Bebra gespannt, ob er eine Antwort erhalten wird.

Angela Merkel: 19-Jähriger aus Bebra schreibt Brief 

Alex, so wird er meistens genannt, interessiert sich sehr für Politik und verfolgt die Nachrichten und Pressekonferenzen, gerade zum Thema Corona, aufmerksam im Fernsehen. Es ist dem 19-Jährigen aus Bebra bewusst, dass die Einschränkungen nötig sind, doch es war ihm ein Anliegen, Kanzlerin Angela Merkel mitzuteilen, wie er als behinderter Mensch die Situation empfindet:

„Ich verstehe, dass viele Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus notwendig sind. Aber ich bin mittlerweile fast zwölf Wochen zuhause, weil meine Behindertenwerkstatt geschlossen ist. Auch hatte ich viele Wochen keine Physio, obwohl ich diese wegen meiner starken Spastik dringend benötige", schreibt Alex aus Bebra an Angela Merkel.

Brief an Angela Merkel: 19-Jähriger fordert mehr Einsatz für Menschen mit Behinderung

„Es tut so weh, dass ich durch die Einschränkungen keine persönlichen sozialen Kontakte zu meinen Freunden, Arbeitskollegen und keine persönlichen Kontakte zu meiner Oma und meinem Opa (die fehlen mir so) habe“, schreibt Alex.

Freunde außerhalb der Werkstatt, der Lebenshilfe und der Familie hat Alex nicht, weil er aufgrund seiner Behinderung nicht an den Aktivitäten anderer Kinder teilnehmen konnte. Umso mehr schmerzt das Kontaktverbot.

Er fühle sich alleingelassen, erzählt der 19-Jährige, der aber dankbar ist, dass es immerhin Arbeitsblätter von der Werkstatt gab und eine Videokonferenz. „Ich habe sehr viel geweint zuhause und hatte einen Nervenzusammenbruch.“ Damit konnte er seinen Arzt überzeugen, der ihm die Notfallbetreuung bei der Lebenshilfe verordnete. Das ist zwar nicht so wie früher, aber immerhin komme er mal aus dem Haus, erklärt Alex.

19-Jähriger aus Bebra schreibt Brief an Angela Merkel

Auch ein weiterer Wunsch hat sich in der Zwischenzeit erfüllt. So darf er wieder in der Werkstatt arbeiten, wenn auch nicht mit seiner Gruppe zusammen und mit anderen Aufgaben, die ihn einerseits unterfordern, andererseits aber mit Lärm verbunden sind, den er schlecht vertragen kann. 

„Ich kann mehr und ich will mehr“, sagt der 19-Jährige aus Bebra. Denn eigentlich möchte Alex gerne im Büro arbeiten, in der Zentrale der Werkstätten in Bebra. Dort würde er gerne vielseitige Aufgaben übernehmen: Telefonieren, kopieren oder am Computer. Er würde auch gerne eine Ausbildung im Büro machen und hofft, dass eine Firma ihm die Chance gibt, während eines Praktikums zu zeigen, was er kann.

Angela Merkel: 19-Jähriger fordert mehr Einsatz für Menschen mit Behinderung

Alex setzt sich nicht nur für seine eigenen Interessen ein, sondern auch für die anderer Menschen mit Behinderungen. „Ich möchte nicht, dass wir behinderte Menschen ausgeschlossen werden“, betont Alex. Er findet es schlimm, dass die Situation Behinderter während der aktuellen Corona-Krise kaum eine Rolle spielt.

Dass Alex politisch interessiert ist und seine Interessen vertritt, das finden sowohl seine Mutter als auch Sonja Ley von der Lebenshilfe gut. „Viele behinderte Menschen sind durchaus in der Lage, für sich selbst zu entscheiden. Aber sie werden oft gar nicht gefragt“, hat Sonja Ley festgestellt. Sie unterstützt Alex darin, seine Meinung zu sagen und hat auch den Pressetermin vermittelt.

Brief an Angela Merkel über Situation von Menschen mit Behinderung während Corona-Krise

Alex hat noch ein weiteres Anliegen. Er wünscht sich, dass die Fahrgeschäfte in Freizeitparks auch für Behinderte zugänglich gemacht werden. Liebend gerne würde er zum Beispiel mit spektakulären Achterbahnen fahren, doch das darf er in vielen Parks selbst mit Begleitung nicht, weil er nicht alleine laufen kann.

Aber jetzt hofft Alex erst einmal, dass die Corona-Beschränkungen weiter gelockert werden und dass Angela Merkel seinen Brief beantwortet.  

Im Wortlaut: Der Brief von Alex an Angela Merkel

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel,

mein Name ist Alex (Alexander) (...), ich bin 19 Jahre alt, habe eine Spastik in den Armen und Beinen (infantile Cerebralparese/Tetraspastik) und ich interessiere mich sehr für die Politik in Berlin, für das Kanzleramt und für den Deutschen Bundestag in Berlin. Ich bin so ein riesengroßer Fan von Ihnen und bin stolz auf Sie.

Ich verstehe, dass viele Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus notwendig sind. Aber ich bin mittlerweile fast zwölf Wochen zuhause, weil meine Behindertenwerkstatt geschlossen ist. Auch hatte ich viele Wochen keine Physio, obwohl ich diese wegen meiner starken Spastik dringend benötige. Es tut so weh, dass ich durch die Einschränkungen keine persönlichen sozialen Kontakte zu meinen Freunden, Arbeitskollegen und keine persönlichen Kontakte zu meiner Oma und meinem Opa (die fehlen mir so) habe; nur per Handy oder Läppi. Bin ganz traurig darüber. Ich hoffe, dass meine Behindertenwerkstatt bald wieder öffnen kann/darf. So wie es war, wird es wohl nie wieder werden.

Leider sind durch diese Maßnahmen viele Behinderte, so wie ich, aus ihrem „normalen“ Rhythmus draußen. Das ist schwer. Mich nerven die Masken, aber ich trage sie trotzdem, um andere zu schützen. Ich mag dieses Virus nicht, sollte ich es doch bekommen, wird mir hoffentlich auch, wie den anderen, geholfen.

Deshalb verfolge ich auch ganz oft Ihre Pressekonferenzen im Fernsehen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Aus diesem Grund ist auch dieser Brief entstanden. Ich würde Sie gerne mal kennenlernen und auch mal eine Konferenz im Kanzleramt verfolgen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute, bleiben Sie gesund.

Mit freundlichen Grüßen

Alex

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