„Ich bin mit der Fotografie verheiratet“

Elfriede Lingelbach aus Bebra hat die halbe Welt durch ihre Kamera gesehen

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Blick auf den Bahnhof: Seit eineinhalb Jahren lebt Elfriede Lingelbach im Gama Altenhilfezentrum in Bebra.

Bebra. Die 91-jährige Elfriede Lingelbach aus Bebra-Weitrode hat unzählige Hochzeitspaare abgelichtet. Aber sie selbst war zeitlebens nur mit ihrer Kamera verheiratet. 

Der Krieg und damit die Zeit des Eingesperrtseins war vorbei, da zog es die junge Porträtfotografin Elfriede Lingelbach (25) im Jahr 1951 nach Brasilien. In Rio baute sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Walter, ebenfalls Fotograf, das erste Agfa-Color-Studio in Brasilien auf. „Ich wollte nicht wieder nach Hause gehen“, sagt die gebürtige Weiteröderin, heute 91 Jahre alt. Aber der Vater erkrankte 1956, eines der beiden Kinder musste den Eltern zur Seite stehen.

Nach Rio war Elfriede zwei Wochen in der dritten Klasse mit dem Schiff gereist, zurück ging es mit dem Flugzeug – damals noch etwas Besonderes. Fünf Tage Zwischenstopp in Paris gönnte sich die junge Frau noch, bevor sie heimkam und 1957 nach dem Tod des Vaters das Fotostudio übernahm, das sie bis zu ihrem 85. Lebensjahr weiterführte. Erst als sich die Digitalfotografie durchsetzte, schloss die Porträtfotografin das Studio.

Ihr Vater hatte 1925 das erste Fotoatelier der Gegend an der Feldstraße in Weiterode von der Firma Witzel bauen lassen. Ein Jahr später wurde Elfriede geboren. „Ich wollte schon immer raus“, erinnert sie sich heute. Sie war vier, als sie dem kleinen Bruder das Jäckchen anzog und mit ihm von Weiterode zur Oma nach Ronshausen lief.

Die Eltern hatten stets ein offenes Haus – auch für Künstler oder die Familie Belachini, Zauberkünstler, die auch in Weiterode gastierten (Foto). Schon mit zehn Jahren bekam Elfriede eine Kamera geschenkt, eine Vogtländer, mit der sie auf Ausflügen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit fotografierte. Später lernte sie den Beruf der Porträtfotografie.

Tausende Hochzeiten habe sie im Foto festgehalten, so erinnert sich Elfriede Lingelbach. Einmal hatte sie Aufträge für fünf Hochzeiten an einem Tag. Für Aufnahmen mit den Brautleuten diente ein Park mit Douglasien am Atelier. Ein anderes Mal fotografierte sie einen Geburtstag, bei der die Gesellschaft nach indischer Art feierte und eigens einen Elefanten hatte kommen lassen. Aber auch Gruppenaufnahmen, Konfirmationen und die Orte ringsum hielt sie im Foto fest.

Im Garten in Weiterode, 1936: Elfriede Lingelbach als Zehnjährige, rechts, mit den Eltern und Bruder Walter sowie den Belachinis, die als Zauberkünstler in den Dörfern ringsum auftraten.

Viele Länder bereist

Die Ehe, sagt sie, sei für sie selbst nichts gewesen: „Ich bin verheiratet mit der Fotografie.“ Sie bereiste viele Länder, Ägypten und Tunesien, Island, Norwegen, England, Italien, fuhr mit dem Auto bis an die französische Cote ’d Azur, besuchte eine Spielbank in Monaco. Mit 66 Jahren besuchte sie Bekannte in Florida. Sie hatte Hemingway gelesen und wollte deshalb unbedingt nach Key West.

Sie spricht aus der Zeit in Rio nicht nur portugiesisch, sondern auch Französisch und Englisch. Auf Bestreben ihres Vaters hatte sie schon während der Melsunger Lehrzeit im Winter Englisch gelernt. Ein Lehrer hatte die Franzosen als Erzfeinde bezeichnet, ihr Vater, der die Sprache beherrschte, schwärmte von der französischen Kultur, woraufhin Elfriede auch das Französische übte.

Immer hat sie versucht, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. „Bilder und Menschen sind meine Hobbys“, sagt die 91-Jährige, und das gilt bis heute. So hat sie sich auch in diesem Jahr den Bebraer Neujahrsempfang nicht entgehen lassen. Am 10. März wird sie 92 Jahre alt.

Zur Person:

Elfriede Lingelbach ist am 10. März 1926 als Tochter eines Fotografen in Weiterode geboren, ihre Mutter stammte aus Weiterode. Sie hatte noch einen jüngeren Bruder, Walter, der aber bereits gestorben ist. Schon mit sechs begann sie, selbst zu fotografieren. 

Weil sie wie der Vater fotografieren wollte, hielt er das Abitur für verzichtbar und sie lernte gleich Porträtfotografie in Melsungen, der Bruder in Eisenach. Nach dem Krieg wollten die Geschwister die Welt sehen. Für die USA bekamen sie kein Visum, in Brasilien hatten die beiden mehr Glück. 

Er hatte zu den ersten 100 Fotografen gehört, die bei Agfa Color die Farbfotografie erlernt hatte. Die Farbe wurde aufwendig mit 36 Filtern erzeugt. Nach fünf Jahren kam sie nach Weiterode zurück und übernahm 1957 das Studio in Weiterode, das sie bis ins Jahr 2011 führte. Fotografie, Menschen und Reisen sind ihre Hobbys und ihr Leben. (ank)

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