Vorstellung im Lokschuppen

Hans-Joachim Heist überzeugt als Heinz Erhardt in Bebra

Völlig verwandelt: Eine Brille reichte Hans-Joachim Heist, um nahtlos in die Rolle des Heinz Erhardt zu schlüpfen.
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Völlig verwandelt: Eine Brille reichte Hans-Joachim Heist, um nahtlos in die Rolle des Heinz Erhardt zu schlüpfen.

Bei vier Vorstellungen im Lokschuppen in Bebra rezitierte Hans-Joachim Heist nicht nur die berühmten Gedichte von Heinz Erhardt - er kam dem Original in allem auch unglaublich nah.

Bebra – Entspannte Gesichter bei den Organisatoren und beim Publikum im Bebraer Lokschuppen: Das befürchtete Durcheinander beim Einlass zu den vier Vorstellungen mit Hans-Joachim Heist alias Gernot Hassknecht alias Heinz Erhardt blieb aus. Nur wenige Besucher mussten spontan neu platziert werden, fast alles funktionierte wie geplant. Und so konnte sich das Publikum am Wochenende bei vier Veranstaltungen über einen Ausflug in die 1950er- und 1960er-Jahre freuen.

Eine Brille reichte Hans-Joachim Heist für eine komplette Verwandlung. Beim Aufsetzen kehrte er den Zuschauern einen Moment den Rücken, um sich beim Umdrehen komplett verändert zu präsentieren. Heist rezitierte nicht nur die berühmten Gedichte und Lebensweisheiten, er war Heinz Erhardt in Mimik und Gestik, in Sprache und Habitus. Auch im Aussehen kam er dem Original erstaunlich nahe.

Witziger Wortverdreher

Mit großer Lust an der Kunst der gepflegten Verwirrung und Wortverdrehung verlieh er den Texten Lebendigkeit. Dazu schlug Heist auch einen kurz gefassten, aber nicht minder liebevollen Bogen zu Heinz Erhardts Biografie und zu dessen Werk, indem er beispielsweise über die Verfilmung der ansonsten nie aufgeführten Zehn-Pfennig-Oper berichtete, in der Erhardt trotz einer halbseitigen Lähmung durch einen Schlaganfall eine tragende Rolle spielte.

Der Chor der Müllionäre

Unter anderem gab er Klassiker zum Besten wie die Balladen vom Ritter Fips und Ritter Kunibert und das Gedicht von Zeus und der schönen Europa (schon damals fiel Europa vor allem durch Uneinigkeit auf). Auch der König Erl, das Nasshorn und das Trockenhorn, der Chor der Müllionäre, die dem Müll eine energische Abfuhr erteilen, und die Made durften nicht fehlen. Hans-Joachim Heist beschränkte sich nicht auf gesprochene Texte, sondern sang auch einige Lieder des Altmeisters Erhardt, der nicht nur Dichter, sondern auch ein veritabler Musiker war. So konnte das Publikum Bekanntschaft mit dem Lord machen, der zu seinen diversen Damenbesuchen regelmäßig im Ford fortfuhr oder mit Tante Hedwig, die alle Probleme dieser Welt mithilfe der Wahrsage- und Kartenlesekunst zu lösen wusste.

Germany’s next Klappergestell

Und natürlich konnte sich Heist an einigen Stellen Bezüge zur Gegenwart nicht verkneifen: So lästerte er über die Inflation der amerikanischen Feste in Deutschland („Hallo Wien gehört doch eigentlich eher nach Österreich“), um dann eine spitze Bemerkung über „Germany’s next Klappergestell“ fallen zu lassen.

Den Schalk im Nacken

„Noch’n Gedicht“ – dieser Satz war Programm. Von Goethe-Glatzen, Schillerlocken und Sturmsäcken jonglierte Hans-Joachim Heist als Heinz Erhardt wie von der Tante Ella gestochen mit Sprache und hatte dabei ebenso wie sein Vorbild den Schalk im Nacken. (Ute Janßen)

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