"Meister statt Master"

Baggern, mauern, sägen: 611 Schüler üben auf der Lehrbaustelle in Bebra 

Nach seinem Praktikum auf der Lehrbaustelle fängt er bei dem Straßenbauunternehmen Strabag eine Ausbildung an: Frank Engelken (25) zeigt den Schülern, wie auf der Baustelle gearbeitet wird.

Bebra. Für eine Woche hat die Lehrbaustelle der Bauwirtschaft Bad Hersfeld-Rotenburg ihren Betrieb so gut wie lahmgelegt. Stattdessen üben in diesen Tagen 611 Schüler, wie man mauert, sägt und Fliesen legt.

Seit Montag finden in dem Ausbildungszentrum in Bebra die jährlichen Informationstage statt – eine Art Tag der offenen Tür für Schulklassen aus dem gesamten Landkreis. Gestern waren die Achtklässler der Gesamtschule Schenklengsfeld dran.

Zu viele wollen studieren

„Wir haben ein ernsthaftes Nachwuchsproblem, das sich dieses Jahr nur noch verschärfen wird“, sagt Obermeister Klaus Stöcker. „Im letzten Jahr hatten wir doppelt so viele Ausbildungsstellen wie Bewerber.“ Ottokar Schwerd von der Arbeitsagentur Bad Hersfeld-Fulda blickt zehn Jahre zurück – als die Baubranche noch nicht mit den Folgen des demografischen Wandels zu kämpfen hatte. „Heute drängen automatisch viel weniger junge Leute auf den Arbeitsmarkt.“

Dabei macht der Baubranche vor allem die zunehmende Akademisierung zu schaffen. Denn statt nach dem Schulabschluss ins Berufsleben einzusteigen, entscheiden sich immer mehr Jugendliche für eine akademische Laufbahn. In vielen Fällen die falsche Entscheidung, findet Stöcker und weist auf die 27 Prozent Studienabbrecher hin. „Genau die wollen wir abfangen“, sagt er. So habe es durchaus einen Grund, dass man die „noch formbaren und beeinflussbaren“ Schüler, die kurz vor der Mittleren Reife stehen, zu den Informationstagen einlade. „Die meisten wissen nicht, dass ein Meister genauso viel wert ist wie das Abitur“, so Stöcker.

Das Mörteln der Mauer konnte sie noch nicht ganz von einem Einstieg in die Baubranche überzeugen: Emely (14, links) und Mirja (13) von der Gesamtschule Schenklengsfeld möchten später lieber im Büro arbeiten.

Auch verdiene ein Absolvent nach dem Studium nicht mehr als ein Lehrling in der Baubranche. „Für einen Hauptschüler wäre es sinnvoller, er ginge nach der Schule direkt in den Beruf. Hier lernt er zumindest, wofür er überhaupt lernt.“ Klaus Stöcker wünscht sich für die Baubranche also vor allem eines: „Mehr Meister statt Master“, wie er es selbst zusammenfasst.

Um die Zukunft der Bauwirtschaft sorgt sich auch der Landkreis Hersfeld-Rotenburg: „Wir sind eine Region des Bauhandwerks“, sagt Landrat Dr. Michael Koch. „Südhessen lebt quasi von unseren bedeutenden Baufirmen, die über die Landkreisgrenzen hinaus arbeiten.“ Umso wichtiger sei es daher, sich um Nachwuchs zu bemühen.

Frauen für Bau begeistern

Nicht nur jungen Männern wolle man die Bauberufe schmackhaft machen. Besonders stolz ist Klaus Stöcker nämlich auf seine einzige weibliche Fliesenlegerin. „Die junge Dame hebt das Leistungsniveau der ganzen Gruppe“, berichtet der Obermeister. Die Karrierechancen für Frauen in der Baubranche stünden aktuell gut, meint Hans Wilhelm Saal, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft: „Arbeitsgeräte und Maschinen erleichtern mittlerweile viel körperliche Arbeit. Vor 20 Jahren sah der Beruf noch ganz anders aus.“

Hintergrund: 

Das Bildungszentrum Bau Osthessen in Bebra bildet vom Dachdecker bis zum Fliesenleger die ganze Bandbreite an klassischen Bauberufen bis zum dritten Lehrjahr aus. Seit 2004 richtet das Bildungszentrum Informationswochen aus, um Klassen ab dem 7. Schuljahr praktisch an die Ausbildung in den Bauberufen heranzuführen. Insgesamt 611 Schüler aus dem Landkreis haben sich dieses Jahr für die Informationstage angemeldet. In den sechs Hallen der Lehrbaustelle sind verschiedene Stationen wie „Straßenbau“, „Mauern“ oder „Fliesen“ aufgebaut. Möglich sind außerdem Beratungsgespräche mit Betrieben. (mol)

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