Nackte Himba und Weltkulturerbe

Der Obersberg-Chor im Rausch der Eindrücke von Namibia

+
Spuren der Vergangenheit: Johanna Weppler (links) und Ann-Katrin Zettl bewundern Felsmalereien. 

Twyfelfontein. Die Ulli-Meiß-Chöre von der Modellschule Obersberg aus Bad Hersfeld sind unterwegs in Namibia und berichten täglich von ihren Erlebnissen.

Die Stadt Swakopmund mit ihren deutschen Wurzeln liegt hinter uns. Durch das zauberhaft mystische Land der Damara mit seinen aufgetürmten Felsformationen holpern unsere Busse durch den Staub nach Norden, den ganz großen Tieren entgegen.

Es ist schon so etwas wie ein Kulturschock, was wir bei einem Stopp beim Stamm der Himba erleben. Barbusige Frauen und ihre nackten Kinder haben neben ihren Katen aus Kuhdung einfache Stände aufgebaut, um funkelnde Steine und Schmuck zu verkaufen. Unsicherheit ergreift die Gruppe. Das sind einerseits wirklich arme Leute, die ein paar Namibiadollar mit Touristen machen müssen und sich zur Schau stellen. Andererseits, was würden diese Menschen haben, wenn westliche Besucher nicht kämen?

Singen verbindet: Der Chor lässt es gemeinsam mit dem Lodge-Personal krachen.

Die Situation ist schon für uns erwachsene Begleiter zwiespältig und beklemmend, auf manche Jugendliche wirkt das Erlebnis sehr irritierend. Das bringt die Anfang 20-jährige Marisa Linß spontan in einem längeren Text zum Ausdruck. (Den Text finden Sie unten)

Nach einer Exkursion zum Weltkulturerbe in Twyfelfontein, wo jahrtausende alte Felsmalereien zu bestaunen sind, wenden sich unsere Gedanken anderen Themen zu. Die intensiven Erfahrungen des Tages entladen sich abends in der Lodge. Unser Chor bedankt sich beim freundlichen Personal mit einstudierten afrikanischen Liedern, dabei auch der fröhliche Song Amarula, der einen beliebten Schnaps besingt – die so geehrten sind zunächst gerührt und sichtlich bewegt.

Und dann geht die Post ab. Gemeinsam wird die herrlich gelegene Lodge in den Felsen gerockt. Nach dem Kulturschock bei den Himba am Vormittag nun Völkerverständigung der schönsten Art. (map)

Hier liegt das Weltkulturerbe Twyfelfontein

Kulturschock im Himba-Dorf

Heute sind wir von Swakopmund aus zur nächsten Station aufgebrochen. Twyfelfontein. Auf den 4 Stunden Fahrt durch Hitze und Trockenheit, sind nicht nur wir (von der Schotterpiste), sondern auch unsere Weltanschauungen gut durchgerüttelt worden: Wir hielten bei einem „Himba-Stamm. „Haltet ein paar namibische Dollar bereit, damit ihr Fotos machen könnt.“ erklärte Daniel, unser Reiseguide, denn diese Frauen leben vom Tourismus. 

Der nackte Oberkörper und ihr sonderbarer Schmuck sind nur eine Ankündigung der für uns „fremden Welt“. Aus dem Bus ausgestiegen erklärte uns Daniel ein paar Einzelheiten über das Leben der Himba-Frauen. Diesen ist es verboten zu duschen. Stattdessen „räuchern sie ihren Körper“ jeden Morgen mit bestimmten Kräutergemischen, um zu schwitzen. Außerdem gibt es Fußschmuck, der sowohl als Schlangenschutz dient, als auch etwas über die Kinderanzahl der jeweiligen Frau verrät. Himbas mit einer speziellen Halskette haben keine Kinder. 

Lesen sie auch:  Auch die raue Seite von Afrika erlebt der Obersberg-Chor in Namibia

Ihre Haarsträhnen sind aus einem Gemisch von einem rötlich, gemahlenen Stein und handelsüblicher Butter „ummantelt“. Dies soll als Hitzeschutz dienen. In einem Himba-Stamm leben meist viele Frauen und ein Hauptmann. Dieser darf mehrere Frauen haben. Wir gehen in das Dorf des Stammes. Überall laufen Ziegen und Hühner frei herum. Ihr Geruch steigt uns in die Nase. Daniel erklärt uns: „Die Behausungen sind aus kleineren Holzstämmen, Termiten-Sand und Kuhdung erbaut.“ 

Anna-Lena Bürger tanzt mit einem Himba-Kind.

Die Kinder der Himba-Frauen laufen uns nach und berühren uns. Berühren alles, was wir bei uns tragen. Einer von uns, versuchen sie die Plastik-Perlen vom Shirt zu zupfen. Ich habe ein wenig Kleingeld in der Hosentasche, was ich ihnen schenke. Das Wort „Dollar“ können sie sprechen. Sie freuen sich und rennen zu ihren Müttern, um es ihnen zu bringen. Ich finde sie unglaublich süß und schön zugleich. Trotzdem klammere ich mich an mein Hab und Gut. Unsere Gruppe steht in der Mitte des Stammes und während Daniel erklärt, herrscht Totenstille. Man kann den Kulturschock förmlich greifen. 

Mein Herz rast. Und ich kann nicht verstehen wieso. Denn unser Guide ist bei uns und kennt alle Formalitäten. Unsere beiden Busse stehen gerade mal zehn Meter entfernt von uns. Und doch bin ich innerlich total aufgewühlt über alles, was ich gerade wahrnehme. Und ich kann spüren, dass es nicht nur mir so geht. „Diese Menschen sind doch kein Zoo“, sagt eine Freundin von mir, der es unangenehm ist, Fotos zu machen. Auch, wenn sie das zulassen und wollen, es widerstrebt auch mir. Entrüstung, Begeisterung, Schamgefühl, Angst ... diese Eindrücke machen sich auf verschiedenste Weisen bemerkbar.

Lesen sie auch: Aus dem Flieger ins Radio: Obersberg-Chor singt in Namibia

Wir waren nur zehn, höchstens 15 Minuten dort, doch mir ist als hätte sich in dieser Zeit irgendetwas gedreht. Es war, als wären nun andere Menschen wieder in den Bus eingestiegen. Mir schwirren viele Fragen im Kopf herum. Was war das gerade? Wer bin ich? Wer sind die anderen? Ist meine Weltanschauung wirklich so starr und ist unsere westliche Orientierung tatsächlich Status Quo? Was ist? Was ist nicht?

Ich kann dieses Gefühl schlecht beschreiben. Ich denke, man muss selbst einmal in diese Welt eintauchen, um nachzufühlen. Eins weiß ich sicher: Meine „Welt“ ist lange nicht mehr die, die sie vor dieser Reise war. Und starr ist sie auf keinen Fall mehr.

Von Marisa Linß

Quelle: HNA

Kommentare