Gift im Paradies

Sein Grundstück ist mit Arsen vergiftet: Mann soll 400.000 Euro zahlen

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Ein kleines Paradies war der Garten von Hans-Otto Schaper bis vor Kurzem: Auf dem Foto steht er auf einer kleinen Brücke, die über den Mühlgraben führt. Dieser Abzweig vom Bach Weihe hat die giftige Fracht bei Hochwasser auf sein Grundstück gespült. So lange die Mühle in Betrieb war, musste der Graben auch immer wieder gereinigt werden. Ahnungslos verteilten die Vorfahren Schapers den Schlamm und Dreck auf den angrenzenden Flächen.

Es sind nur ein paar Zahlen. Aber die ziehen Hans-Otto Schaper den Boden unter den Füßen weg. Er soll für die Sanierung seines vom Bergbau verseuchten Grundstückes zahlen.

Richelsdorf (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) – Er ist einer der 18  Grundstücksbesitzer, die von den Folgen des Bergbaus der Richelsdorfer Hütte betroffen sind, der vor 60 Jahren eingestellt wurde. 10.000 Quadratmeter misst sein Grundstück – eine beeindruckende Parklandschaft. Davon sind nach ersten Informationen, die er auf Nachfrage erhalten hat, 4000 Quadratmeter mit Arsen verseucht und müssen saniert werden. Geschätzte Kosten für den Austausch des Bodens: 400.000 Euro – 100 Euro pro Quadratmeter.

Richelsdorf bei Bad Hersfeld: Eigentümer laut Gesetz zur Sanierung verpflichtet 

Laut Gesetz ist der Eigentümer zur Sanierung verpflichtet und muss auch selbst die Kosten tragen.

Hans-Otto Schaper erzählt zwei Stunden ausführlich und betroffen, wie diese Horror-Nachricht sein Leben verändert hat. Aber genau genommen ist er sprachlos, sprachlos über das, was gerade bei ihm und in der Nähe von Bad Hersfeld passiert.

Der 65-Jährige ist in dem Haus an der Schildhofstraße geboren. Auch seine drei Kinder sind hier groß geworden. Schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater haben hier ihr Leben verbracht. „Eine Müller-Dynastie“, erzählt Schaper. Und genau das wird dem 65-Jährigen jetzt zum Verhängnis: der Mühlgraben.

Der Grillplatz im Garten ist von Douglasien umsäumt: Die Bäume hat Hans-Otto Schaper vor über 30 Jahren selbst gepflanzt. Auch sie müssten bei einer Sanierung gefällt werden. Bis wieder eine Parklandschaft entsteht, würden Jahrzehnte vergehen. Die Entsorgung der Bäume und die „Wiederaufforstung“ müsste der Eigentümer selbst zahlen – zusätzlich zum Austausch des Bodens.

Vor allem das Arsen, aber auch andere Schwermetalle sind über den Bach Weihe vom ehemaligen Betriebsgelände bis in das Dorf gespült worden. Der Mühlgraben, der für den Betrieb der Schaper-Mühle angelegt wurde, ist ein Abzweig des Baches. Bei Hochwasser wurden die Giftstoffe in den vergangenen Jahrhunderten auch über den Mühlgraben auf das umliegende Gelände verteilt. Der Graben verläuft am oberen Rand von Schapers Garten.

Richelsdorf: „Ich hatte schon angefangen zu packen“

Und das alles macht es ihm jetzt unmöglich, seine Zukunftspläne zu verwirklichen. Er wollte mit seiner Ehefrau sein Leben anders gestalten, sein Haus verkaufen und sich ein kleines, altersgerechtes Haus zulegen. „Für uns ist das ein Super-Gau“, sagt Schaper. „Ich hatte vor drei Jahren schon einen Käufer für mein Haus gefunden“, erzählt Schaper. „Ich hatte schon angefangen zu packen.“ Doch dann wurde bekannt, dass auch Grundstücke im Ort belastet sind. Der Käufer sprang ab. Unter dem massiven Preisverfall leiden alle Richelsdorfer, auch wenn nur die Grundstücke am Bach betroffen sind.

Der 65-Jährige hat befolgt, was schlaue Politiker den Bürgern eingetrichtert haben: Fürs Alter vorsorgen durch Investition in eine Immobilie. Doch das Haus ist jetzt unverkäuflich und wäre auch für seine Kinder ein unannehmbares Erbe. Ohne eigenes Verschulden steht Schaper vor einem Scherbenhaufen und weiß nicht weiter. „43 Jahre habe ich unserem Land als Polizeibeamter gedient“, sagt Schaper. „Doch jetzt lässt das Land uns Richelsdorfer im Stich.“ Der 65-Jährige fühlt sich „enteignet“. „Ich kann nicht mehr über mein eigenes Leben entscheiden“, sagt er.

Das Land Hessen hat bisher nur angeboten, dass die Eigentümer den belasteten Boden kostenfrei auf der Zinkhalde hinter dem ehemaligen Betriebsgelände entsorgen können. Den Austausch des Bodens müssen sie selbst zahlen.

Eins aber ist für Hans-Otto Schaper klar: Er wird die Sanierung nicht bezahlen. Und er kann es auch gar nicht – selbst wenn die Summe erheblich geringer wäre als 400.000 Euro.

Offene Fragen an die Landesregierung

Hans-Otto Schaper hat jede Menge Fragen an die Landesregierung, die auch die anderen Betroffenen umtreiben. Der Überblick. 

Ist die Gefahr wirklich so groß? „Worin genau besteht denn die Gefahr, die von meinem Grundstück ausgeht?“, möchte der 65-Jährige wissen. Arsen sei krebserregend, so die Information der Behörden. Vor allem Kinder seien gefährdet. Welche Mengen der Erde muss man essen, um sich zu vergiften, fragt sich Schaper. Wie viel Milligramm Arsen pro Kilogramm Körpergewicht muss man pro Tag aufnehmen, bis es gefährlich wird? „Es gibt kein Kind, das jeden Tag eine Schaufel davon isst, um in 40 Jahren vergiftet zu sein.“ Außerdem wirke doch der Rasen wie eine Isolierschicht. Entsprechen die Grenzwerte noch aktuellen Erkenntnissen? Welche Studien liegen vor? Warum ist der Arsen-Grenzwert für Trinkwasser in der Schweiz sechsmal höher als der deutsche? Warum sollen 50 Zentimer Boden abgetragen werden, warum reichen nicht 30? Kann man das Gift auch aufnehmen, wenn man barfuß über die Wiese geht? Beim Wurzelgemüse hat sich Schaper informiert. Es nehme die Giftstoffe nicht auf. 

Warum handelt das Land erst jetzt? Warum wird jetzt so ein Wirbel gemacht, um Richelsdorf „zu retten“? Auch das fragt sich Schaper. Schon 1999, als der Bach Weihe vom ehemaligen Betriebsgelände der Richelsdorfer Hütte weg verlegt wurde, sei klar gewesen, dass der Bach eine gefährliche Fracht transportiere. „Warum wurden damals nicht schon in Richelsdorf Proben genommen?“ Wäre dies geschehen, hätte nach damaliger Gesetzeslage das Land die Sanierungskosten tragen müssen. Heute verpflichtet das Bundesbodenschutzgesetz die Eigentümer dazu. Und überhaupt, warum hat niemand Rücklagen gebildet – sogenannte Ewigkeitslasten – für Spätfolgen von stillgelegten Industriezweigen, wie es beim Kohlebergbau oder Atomkraftwerken passiert? 

Ist eine biologische Sanierung möglich? Es gibt Studien über Farne, die aufzeigen, dass sie Arsen aus dem Boden ziehen. „Warum lehnt es Umweltministerin Priska Hinz ab, es mit einer biologischen Sanierung zu versuchen“, fragt Schaper. Die Landesversuchsanstalt in Witzenhausen könne doch Versuche begleiten. Dekontaminierung durch Farne sei bisher keine etablierte Sanierungsmethode, heißt es in einem Schreiben des Umweltministeriums. 

Was passiert mit Nicht-Zahlern? Und was passiert mit Bürgern, die eine Sanierung nicht bezahlen wollen oder können? Wird ihr Anwesen mit Einträgen oder Grundschulden belastet? Wie weit kann das Land mit den Richelsdorfern gehen, um seine finanziellen Forderungen durchzusetzen?

Richelsdorf bei Bad Hersfeld: Anhörung der Eigentümer erst 2020

In Richelsdorf in der Nähe von Bad Hersfeld sind 23 Grundstücke von 18 privaten Eigentümern entlang des Baches Weihe im Bereich bis zu einem Meter Tiefe so stark mit Arsen belastet, dass sie saniert werden müssen. In der Tiefe sind alle Grundstücke entlang der Weihe in Richelsdorf erheblich belastet. Bei diesen tieferen Schichten bestehe aber keine Gefahr, dass Menschen in Kontakt mit Bodenpartikeln aus diesem Bereich kommen, heißt es beim Regierungspräsidium Kassel (RP). 

Bislang sind die Grundstückseigentümer lediglich über die Ergebnisse der Probenentnahme auf ihren Grundstücken informiert, und ob auch ihr Grundstück saniert werden muss. Details werden die betroffenen Eigentümer bei einer „Anhörung“ erfahren. Dabei erhalten sie wieder Post, die sie darüber informiert, wie groß die Fläche ist, die sie sanieren müssen und welche Möglichkeiten der Sanierung es gibt. 

Außerdem erfahren sie, welche rechtlichen Möglichkeiten sie haben, gegen die Vorgaben des RP vorzugehen. Die „Änhörungspost“ wird aber nicht mehr in diesem Jahr verschickt, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung beim RP. Die Vorarbeiten seien aufwendig. Wenn die Post eingetroffen ist, will Hans-Otto Schaper sich mit allen Betroffenen treffen und das Vorgehen abstimmen. Danach soll eine Informationsveranstaltung für alle Bürger stattfinden, die Bürgermeister Alexander Wirth zugesagt hat.

Quelle: HNA

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