Sechs Prozent kündigen vorzeitig

Azubis brechen auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg häufiger Ausbildung ab

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Nicht alle brechen ab: Diana Stehl-Krimmel (links), im dritten Lehrjahr, mit Friseur-Meister Peter Fiebig und einem Kunden.

Hersfeld-Rotenburg. Lehrlinge brechen immer häufiger ihre Ausbildung ab. Deutschlandweit beendete inzwischen jeder Vierte seine Lehre vorzeitig. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg haben die Azubis mehr Durchhaltevermögen, doch die Abbrüche nehmen zu.

Knapp sechs Prozent der 1438 Auszubildenden im technischen und kaufmännischen Bereich brachen im vergangenen Jahr laut Zahlen der IHK Kassel-Marburg ihre Ausbildung im Landkreis ab.

Im kaufmännischen Bereich waren es mit 62 von 648 Auszubildenden deutlich mehr als im gewerblich-technischen Gewerbe (21 von 790 Azubis). Besonders betroffen ist die Friseur-Branche, hier kündigten nach Zahlen der Handwerkskammer Kassel im Kreis von 30 Azubis zwölf ihre Ausbildung vorzeitig.

Die Abbruch-Quote erfasst auch diejenigen, die ihren Vertrag zwar lösen, aber ihre Ausbildung in einem anderen Betrieb fortsetzen. Das seien laut Marco Diegel, Vorsitzender der Kreishandwerkschaft Hersfeld-Rotenburg mehr geworden. Einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung zufolge liegt der Anteil der Azubis, die ihre Ausbildung woanders fortsetzen, bei 50 Prozent.

Laut Walter Ruß, Stellvertretender Bereichsleiter für Hersfeld-Rotenburg der IHK, sind die Abbruch-Gründe vielfältig. Einen direkten Zusammenhang zwischen Abbruch und Höhe des Gehalts sieht er nicht. Vielmehr sei die gute Arbeitsmarktlage ausschlaggebend: „Jugendliche lösen leichter einen Vertrag auf, wenn sie über Alternativen verfügen“, so Ruß.

Häufig hätten Azubis zudem falsche Vorstellungen vom Beruf oder Erwartungen würden nicht erfüllt. Diese Beobachtungen macht auch Diegel. Er nennt die „hohe Leistungsdichte“ als Faktor. „In der Elektrotechnik beispielsweise ist die Mathematik ein wichtiger Bestandteil, das unterschätzen viele“, so Diegel.

Hintergrund: 

Im Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD eine Mindestausbildungsvergütung zum 1. Januar 2020 vereinbart. Zudem sind weitere Schritte wie Berufsorientierung in den Schulen, das Aufzeigen der Vorteile einer dualen Ausbildung und der Ausbau der Hilfen geplant. Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert, dass Azubis in Zukunft 80 Prozent der durchschnittlichen Tarifvergütung aller Berufe bekommen sollen. Das wären in der Praxis im 1. Lehrjahr: 635 Euro, 2. Lehrjahr: 695 Euro, 3. Lehrjahr: 768 Euro, 4. Lehrjahr 796 Euro. Im Handwerk stößt das Vorhaben auf Kritik: „Wir sehen die Gefahr, dass einige Betriebe dann nicht mehr ausbilden“ sagt Michael Wippler, Präsident des Zentralverbands des Bäckerhandwerks. (che)

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Diana Stehl-Krimmel liebt ihren Job. Nach ihrer Gesellenprüfung in wenigen Monaten wird die 36-Jährige Friseurin sein. „Der Beruf ist definitiv das Richtige für mich“, sagt sie. Besonders die Kreativität und der direkte Kontakt zu Menschen gefällt ihr. So positiv sie über ihren Job redet, so schlecht sieht es in der Branche selbst aus – vor allem mit Blick auf Auszubildende. Ihre Prüfung wird Stehl-Krimmel im Kreis Hersfeld-Rotenburg mit lediglich vier weiteren ablegen. Begonnen hat sie vor fast drei Jahren mit mehr als 20 Mitschülern. 

Erschreckende Zahlen, auch für Peter Fiebig, Obermeister der Friseur-Innung für den Kreis und Ausbilder der 36-Jährigen. Seit vielen Jahren leitet Fiebig in Schenklengsfeld einen Friseursalon und hat die Branche im Blick. „Zu meiner Zeit gab es noch deutlich mehr Lehrlinge“, stellt er bedauernd fest. Heute hätten Friseurbetriebe oft Probleme, neue Auszubildende zu finden, weiß er aus eigener Erfahrung. „Junge Mädchen wären häufig bereit, eine Ausbildung zu machen, aber die Eltern raten ihnen ab.“

Gehalt ist ein Kriterium 

Die Gründe für die vielen Abbrüche und den Ruf seien vielfältig. Die Vergütung stelle einen der wichtigsten dar. In kaum einer handwerklichen Ausbildung verdienen Azubis so wenig Geld wie im Friseurgewerbe. Im ersten Jahr sind es 460 Euro im Monat. „Die Attraktivität regelt sich über das Geld“, so Fiebig. Das bestätigt die Auszubildende Stehl-Krimmel: „Das Gehalt spielt natürlich eine Rolle“, auch im Gespräch unter Mitschülern. In der aktuellen Situation seien Betriebe aber meist nicht in der Lage, mehr Gehalt zu zahlen, erklärt Fiebig. Den Betrieben fehle schlicht das Geld – zwar sei die Nachfrage der Kunden da, diese aber nicht bereit, jeden Preis zu zahlen. „Da ist nicht viel Spielraum.“ Zudem unterschätzten viele die Ausbildung und die schulischen Anforderungen. „Man muss viel lernen und hat zwölf Lernfelder“, so Stehl-Krimmel.

 Ein großes Problem in der Branche ist auch die Verkleinerung der Betriebe. Noch im Jahr 2000 hatten die Geschäfte im Schnitt fast sechs Mitarbeiter, heute sind es zwei. Der Grund dafür: Die Zahl an selbstständigen Friseurbetrieben nimmt stark zu. Gab es vor 30 Jahren etwa 70 Betriebe, sind es heute 150. Im Umkehrschluss heißt das, dass die Friseure weniger Zeit haben, sich um die Auszubildenden zu kümmern, erläutert Fiebig. Das erlebte auch Stehl-Krimmel. Weil sich in ihrer Ausbildung teilweise nicht um sie gekümmert wurde, wechselte sie vor ihrer Anstellung bei Fiebig zweimal den Betrieb. Laut dem Friseurmeister keine Seltenheit. In einzelnen Betrieben würden aus Zeit- und Geldgründen gar keine Auszubildenden mehr eingestellt.

Schwarzarbeit bekämpfen

 „Man muss dahin kommen, ein auskömmliches Einkommen und eine auskömmliche Rente zu garantieren“, sagt Fiebig und befürwortet die Mindestausbildungsvergütung, die zum 1. Januar 2020 in Kraft tritt. Bekämpft werden müsse auch die steigende Schwarzarbeit im Gewerbe. Das fordert der Arbeitgeberverband des Friseurhandwerks Hessen. Außerdem müsse das Preisdumping beendet werden. „Die Preise sind oft nicht leistungsorientiert“, so Fiebig. Nur dann könne die Attraktivität der Ausbildung für junge Leute wieder gesteigert werden. „Momentan ist das kein fairer Wettbewerb, das hat sich mit den Jahren immer weiter verschlechtert“, so Fiebig.

Quelle: HNA

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