Fragen und Antworten zum Thema

Arsen-Atlasten in Richelsdorf: Wer zahlt die Zeche?

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Seit fünf Jahren unbenutzbar: Was durch die Dorferneuerung in Richelsdorf zu einem kleinen Paradies für Jung und Alt werden sollte, ist zur Wildnis verkommen – das geplante „Grüne Band“ ist entstanden, aber ganz anders als gedacht. Der Spielplatz ist seit Langem gesperrt, der dahinter liegende neue Minigolfplatz noch gar nicht in Betrieb gegangen. Die Flächen sollen noch in diesem Jahr saniert werden.

Die Gemeinde Wildeck kann für die Arsen-Belastung zahlreicher Grundstücke im Ortsteil Richelsdorf entlang des Baches Weihe nichts. Trotzdem soll sie die Sanierung selbst bezahlen.

Das Land Hessen hat ihr bisher nur eine sehr begrenzte Hilfe angeboten. Unklar ist auch noch, ob und in welchem Umfang betroffene private Grundstücksbesitzer vom Land Hessen finanziell unterstützt werden. 

Der Wildecker Ortsteil leidet sehr unter den Folgen des Bergbaus der Richelsdorfer Hütte, der vor über 50 Jahren eingestellt wurde. Wer soll jetzt die Zeche zahlen? Dazu Fragen und Antworten.

Wie viel Geld wird die Sanierung der vier Flächen kosten?

Bislang gibt es nur einen Teil-Sanierungsplan für die vier gemeindeeigenen Flächen Spielplatz, Minigolfplatz, Backhaus und Kupferstraße 20. Ein Gesamt-Sanierungsplan wird erst später vorgelegt. Diese vier Flächen werden vorgezogen, um sie so bald wie möglich wieder nutzbar zu machen. Die Sanierung dieser Flächen soll 300 000 Euro kosten. Das Wildecker Parlament hat grünes Licht gegeben, das Geld bereitzustellen – allerdings verbunden mit dem vehementen Appell vieler Gemeindevertreter an das Land, die Gemeinde finanziell massiv zu unterstützen.

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Wie wird die Forderung nach Unterstützung begründet?

„Von dem Bergbau hat nicht nur die Region, sondern das ganze Land profitiert“, betonten mehrere Parlamentarier. Sie kennen die Gesetzeslage, können aber nicht verstehen, warum das Land nicht doch einen Weg findet, die alles andere als finanzstarke Kommune Wildeck zu unterstützen, die selbst an diesem ganzen Desaster völlig unschuldig ist.

Sollte das Land die Gemeinde in dieser Sache nicht finanziell unterstützen, muss die Gemeinde einen Kredit aufnehmen und über 30 Jahre pro Jahr etwa 10 000 Euro für Zins und Tilgung zahlen.

Auf den Flächen muss der Boden 50 Zentimeter abgetragen werden. Die Flächen werden mit unbelastetem Material wieder aufgefüllt und die Oberfläche begrünt.

Was bietet das Land Hessen der Gemeinde bislang als Hilfe für die Sanierung der vier Flächen an?

„Nach dem Bundes-Bodenschutzgesetz haften in solchen Fällen die Kommunen für ihre Grundstücke im vollen Umfang“, betont das Umweltministerium in Wiesbaden auf Anfrage. Der Sanierungsplan für diese Flächen sieht aber vor, dass das belastete Bodenmaterial auf der Rückstandshalde der Kupferhütte hinter dem ehemaligen Betriebsgelände umgelagert wird. „Dadurch kann die Gemeinde erhebliche Mehrkosten vermeiden, die bei einer externen Entsorgung anfallen würden“, betont das Umweltministerium. 

Das Land zahlt zurzeit auch die Miete für etwa 50 Spezial-Container mit kontaminierter Erde, die bereits auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Richelsdorfer Hütte stehen. Mietkosten für diese Container pro Monat: 11 000 Euro. Allein für die Verladung des belasteten Materials vom Kinderspielplatz musste die Gemeinde aber 15 000 Euro bezahlen. Auch bei der Sanierung der Straßen Vor der Gasse/Eichenweg stieß die Gemeinde auf Bergbau-Altlasten. Mehrkosten: 115 000 Euro. Hilfe vom Land gab es auch hier nicht.

Auch der Boden um das idyllische Backhaus ist arsen-belastet und muss saniert werden.

Wie groß sind die Chancen, dass das Land betroffene private Grundstückseigentümer unterstützt?

„Uns liegen bisher keine belastbaren Aussagen vor, in welchem Umfang Sanierungen von Privatgrundstücken notwendig werden und welche Kosten hierdurch entstehen“, betont das Umweltministerium in Wiesbaden auf Anfrage. Soweit ein Bodenaustausch erforderlich werden sollte, sei ebenfalls geplant, diesen auf die Rückstandshalde der Kupferhütte umzulagern und so erhebliche Mehrkosten für eine externe Entsorgung zu vermeiden. „Weitergehende Aussagen können derzeit nicht getroffen werden“, hieß es aus dem Ministerium.

Wie geht es jetzt konkret weiter?

Die nächsten Gespräche von Bürgermeister Wirth in Wiesbaden finden am 13. August statt. Wirth will sich dort vehement für eine möglichst große Unterstützung durch das Land einsetzen – bei der Sanierung der kommunalen und der privaten Flächen. Er hofft auf die Unterstützung der Landtagsabgeordneten Kaya Kinkel (Grüne). Anschließend will Wirth eine Informationsveranstaltung für die Richelsdorfer organisieren, um sie auf den neuesten Stand zu bringen.

Material für den Herkules in Kassel

Der Kupferbergbau im Richelsdorfer Gebirge, bei dem unter anderem das giftige Arsen entstand, unterstand dem hessischen Landesfürsten. Landgraf Karl von Hessen-Kassel, der als absolutistischer Monarch herrschte, ließ aus Kupfer aus dem Richelsdorfer Gebirge den prachtvollen Barockbau Herkules in Kassel bauen. Diese Statue, die als ein Wahrzeichen der Stadt Kassel gilt, ist seit 2013 in der Weltkulturerbeliste der Unesco aufgeführt. „Es ist also zu prüfen, ob das Land Hessen der Rechtsnachfolger des Adelsgeschlechtes derer von Hessen-Kassel ist“, betont Wildecks Bürgermeister Alexander Wirth. Immerhin sei die Teilung in Hessen-Marburg, Hessen-Rheinfels und Hessen-Darmstadt erst mit der Gründung des Bundeslandes Hessen im Jahr 1945 überwunden worden. „Sofern also das Land der Rechtsnachfolger des Landgrafen wäre, müsste das Land Hessen für die Sanierung in Richelsdorf aufkommen – egal, ob es um kommunale oder private Flächen geht“, betont Wirth. 

Die Gemeinde will sich auch dafür einsetzen, nach dem alten hessischen Altlastengesetz beurteilt zu werden – also unter Bestandsschutz zu fallen. „Niemand konnte ahnen, dass die Böden hier so massiv belastet sind“, betont Wirth. (dup)

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