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Arbeitsmarkt: Jahresbilanz in Hersfeld-Rotenburg fast auf Vor-Corona-Niveau

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Von: Christopher Ziermann

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Im Landkreis wird weiterhin gebaut – wie hier am Feuerwehrhaus in Mecklar.
Im Landkreis wird weiterhin gebaut – wie hier am Feuerwehrhaus in Mecklar. © Wilfried Apel

Waldhessen kommt gut durch die Corona-Krise. Diese Aussage über den Arbeitsmarkt trifft die Agentur für Arbeit Monat für Monat, und die Zahlen belegen es.

Hersfeld-Rotenburg – Nun steht die Schlussfolgerung auf einem noch stabileren Fundament: Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung für Bad Hersfeld-Fulda, und die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit haben die Jahresbilanz für 2021 vorgelegt. Die Arbeitslosenquote in Hersfeld-Rotenburg lag im Jahresschnitt bei 3,7 Prozent und damit nur knapp über dem Wert von 2019, vor Corona (3,6 Prozent).

Auch die Aussage, dass der Landkreis vor allem im hessen- und deutschlandweiten Vergleich in der Pandemie seine Robustheit beweist, wird belegt. Unter dem hiesigen Jahresschnitt von 3,7 liegt nur Fulda mit 3,1 Prozent. Hersfeld-Rotenburg liegt landesweit auf dem zweiten Rang – gemeinsam mit den Kreisen Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder, Vogelsberg und Bergstraße.

Robustheit hängt mit Branchenmix zusammen

„Die Gründe für unsere Robustheit sind vielfältig. Sie haben aber auf jeden Fall viel mit unserem breiten Branchenmix zu tun. Natürlich haben wir große Arbeitgeber im Kalibergbau und im Versandhandel, aber zu unserem starken Fundament tragen auch andere bei“, sagt Dombrowski. Im Kreis Hersfeld-Rotenburg spielen auch Logistik, Bau, Gesundheit und Pflege mit drei Kliniken und mehreren Kur-Einrichtungen sowie das vor allem von kleinen und mittelständischen Unternehmen getragene Handwerk eine große Rolle. „Damit sind wir nicht von einem einzigen großen Akteur auf dem Arbeitsmarkt abhängig“, erklärt Dombrowski.

Dass die Arbeitslosenquote schon wieder auf dem Niveau der Vor-Corona-Zeit liegt, sei natürlich auch durch die Möglichkeit von Kurzarbeit entscheidend gestützt worden. Am Höhepunkt der Krise auf dem Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr hatten im Februar insgesamt 525 für 3900 Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt. Die Einbußen bei der Arbeitszeit lagen bei rund 50 Prozent. „Qualifiziert geschätzt kann man sagen, dass rund 1500 Arbeitsplätze ohne das Kurzarbeitergeld wohl zumindest vorübergehend weggefallen wären“, sagt Dombrowski.

„Bremsspuren“ auch in Hersfeld-Rotenburg

Durchweg positiv ist die Arbeitsmarkt-Bilanz auch in Waldhessen nicht. „Jede Krise produziert Verlierer“, sagt Dombrowski. Er spricht von mehreren „Bremsspuren“: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen nimmt zu. Außerdem ist, wer einmal seinen Job verliert, mit 178 Tagen im Schnitt 42 Tage länger arbeitslos als noch 2019. Auch der Stellenbestand ist noch deutlich niedriger als vor der Pandemie.

Quote im Kreis laut Jahresbilanz der Arbeitsagentur fast auf Vor-Corona-Niveau

„Eine Pandemie und die daraus eigentlich zwingend folgende große Arbeitsmarktkrise wird ein Historiker anhand der Zahlen für unseren Landkreis nicht ablesen können.“ Das sagt Waldemar Dombrowski, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, über den Kreis Hersfeld-Rotenburg. Und damit trifft er einmal mehr eine Aussage, die auf Hessen- und Deutschland-Ebene nicht zutrifft – denn dort sind, trotz des abfedernden Kurzarbeit-Instruments, deutliche Ausschläge aus den Arbeitsmarkt-Statistiken abzuleiten.

Die Arbeitslosenquote betrug in Deutschland 2021 aufs gesamte Jahr gerechnet durchschnittlich 5,7 Prozent. 2019, vor Corona, waren es 5,0 Prozent gewesen. Dieser Unterschied ist wesentlich höher als in der Finanz-Krise, als 2009 die Quote um 0,3 auf 8,1 Prozent stieg. Auch die Differenz in Hessen betrug damals 0,3 – diesmal ist sie auch auf Landesebene wesentlich höher. 2019 lag die Quote im Jahresdurchschnitt bei 4,4 Prozent, im abgelaufenen Jahr nun bei 5,2.

Ausbildungsmarkt

Zu Beginn der Pandemie befürchteten viele Experten einen „Corona-Jahrgang“ von jungen Menschen, die besonders unter der Krise leiden würden. Das mag auf Schule und Universitäten auch zutreffen – aber nicht auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, sagt Dombrowski. 238 Personen unter 25 Jahren waren im Jahresdurchschnitt 2021 arbeitslos gemeldet. Das sind sogar 8,1 Prozent weniger als 2019. „Wir haben weiterhin weitaus mehr Ausbildungsstellen als Bewerber.

Das war in bundesweiten Krisen in der Vergangenheit auch schon mal anders“, sagt Dombrowski. Wer nicht gleich eine Ausbildung finde, komme auch erst mal in den Bereichen Lager, Logistik und Versandhandel unter. Nachhaltiger sei aber eine Ausbildung. „Das liegt mir besonders am Herzen. Wir haben schon jetzt 850 offene Ausbildungsstellen für den Sommer. Einige Arbeitgeber werden noch nachmelden. Wer also eine Ausbildungsstelle sucht, sollte sich unbedingt bei unserer Berufsberatung melden.“

Kontakt: Tel. 0 6 61/17 11 1, badhersfeld.berufsberatung@ arbeitsagentur.de

Ältere Menschen

823 Personen über 50 Jahren waren im Jahresschnitt arbeitslos. Das sind 5,9 Prozent mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019. „Auch bei den Älteren ist unsere Entwicklung aber im Vergleich zu anderen Regionen erfreulich, denn es sind bereits wieder weniger Menschen aus dieser Gruppe arbeitslos als im Jahr 2020. In vielen Landkreisen ist die Arbeitslosigkeit unter den Älteren dieses Jahr weiter gestiegen“, sagt Dombrowski.

Schwerbehinderte

Für diese Gruppe fällt Dombrowskis Fazit „sensationell gut“ aus. Die Region könne stolz auf die höchste Integrationsquote in ganz Hessen sein. Darunter fallen neben Schwerbehinderten auch sogenannte Rehabilitanten, die nach Integrationsmaßnahmen in eine reguläre Beschäftigung kommen. Derzeit sind 232 Schwerbehinderte im Kreis arbeitslos gemeldet – 10,4 Prozent weniger als 2019. „Daran sieht man nicht nur die gute Arbeit meiner Mitarbeiter bei der Agentur für Arbeit, sondern auch das hohe Engagement vor allem der kleinen und mittelständischen Unternehmen“, sagt Dombrowski.

Langzeitarbeitslose

Die Gruppe der Langzeitarbeitslosen ist gegenüber 2019 um 3,2 Prozent auf 874 im Jahresschnitt gestiegen. „Jede Krise produziert Verlierer, egal wie gut man sie abpolstert“, sagt Dombrowski. Auffällig sei, dass fast 600 Personen dieser Gruppe keine Ausbildung hätten. Ungelernte Aushilfen seien von Kündigungen meist als Erstes betroffen. Wenn ein Restaurant zum Beispiel statt fünf nur noch drei Mitarbeiter brauche, treffe es Menschen ohne Ausbildung zuerst. „Man hat ja auch bei den Bad Hersfelder Festspielen gesehen, dass zum Beispiel im Bereich Catering der Bedarf derzeit viel geringer ist als sonst.“

Kurzarbeit

Der Höchststand im Bereich Kurzarbeit war 2021 im Februar erreicht. Damals nahmen 525 Betriebe für 3900 Mitarbeiter die Hilfe in Anspruch. „Ohne dieses Instrument hätten wir auch in unserem Landkreis eine Spirale, die eindeutig nach unten zeigen würde“, sagt Dombrowski. Für das Jahresende liegen die Zahlen noch nicht vor. Wie üblich kann zunächst nur die Anzeige von Kurzarbeit erfasst werden, aber noch nicht, wie hoch die Inanspruchnahme dann ist. Die Anzeigen haben laut der Arbeitsagentur im Dezember zwar zugenommen – mit insgesamt 32 wollen aber deutlich weniger Betriebe diese Hilfe in Anspruch nehmen als im Vorjahresmonat. Damals waren es 118.

Risiken

Neben der Unberechenbarkeit des Coronavirus sorgen laut Dombrowski auch Materialknappheit und Lieferkettenprobleme für gedämpfte Erwartungen ans Jahr 2022. Viele Unternehmen würden gerne mehr machen, könnten aber nicht. Ebenso seien die steigenden Energiekosten sowie Personalengpässe und Fachkräftemangel im Landkreis ein Problem. Außerdem müsse sich erst zeigen, welche Geschäftsmodelle nach Corona so funktionieren würden wie davor. „Der Einzelhandel insgesamt befürchtet zum Beispiel, dass viele, die nun vermehrt den Versandhandel nutzen, nicht in die Geschäfte zurückkehren.“

Chancen

Für Zuversicht sorgt bei Dombrowski die weiterhin gute Auftragslage, die jeder privat daran messen könne, dass Handwerker kaum zu bekommen seien. Auch Kulturangebote dürften von vielen gut angenommen werden, wenn sie wieder stattfinden dürfen. „Bei Konsum und Dienstleistungen besteht Nachholbedarf.“ Das Kurzarbeitergeld werde auch weiterhin viel abfedern und zum Beispiel den Verlust von gut qualifiziertem Fachpersonal verhindern. Massenarbeitslosigkeit wie Ende der 20er-Jahre im vorigen Jahrhundert sei extrem unwahrscheinlich. Auch das stabile Niveau der öffentlichen Investitionen und die robuste heimische Wirtschaft machen Dombrowski optimistisch. (Christopher Ziermann)

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