Verzögerung in Alheim

Wasser- und Schifffahrtsamt verweigert Zustimmung: Fulda-Renaturierung steht auf der Kippe

Soll renaturiert werden: Neben dem Fulda-Flussbett ist auch eine Veränderung des Verlaufs des Baumbaches geplant (Skizze unten). Zwischen Baumbach und Fuldabrücke soll die Straße höhergelegt werden, damit sie seltener von Hochwasser betroffen ist. Am Straßenrand stehen Wasserbau-Experte Heinrich Wacker und Alheims Bürgermeister Georg Lüdtke. Fotos: C. Ziermann

Alheim. Die Fulda ist in den vergangenen Jahren an zahlreichen Stellen von Niederaula bis Rotenburg renaturiert worden – doch in Alheim wird sich das nun wohl deutlich verzögern.

Hier wurde bereits renaturiert: So sehen zwischen Braach und Baumbach Flussstellen aus, an denen die Fulda sich wieder natürlich entwickeln kann – und außerdem die Kanu-Strecke gelenkt wird.

Und das, obwohl das Konzept steht und sich auch das hessische Verkehrs- und das Umweltministerium beteiligen wollen. Doch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSV) Hann. Münden, das dem Bundesverkehrsministerium unterstellt ist, verweigert seine Zustimmung. 

Der Plan der Gemeinde Alheim sieht unter anderem vor, dass das Flussbett der Fulda an einigen Stellen verlegt wird – weiter weg von den Bahngleisen. Wo derzeit die Kiesgrube zwischen Baumbach und Niederellenbach ist, soll eine Aue entstehen. 

Straße mehrfach im Jahr überschwemmt

Der Plan stammt von Wasserbau-Experte Heinrich Wacker aus Rotenburg. „Ziel ist neben dem Hochwasserschutz, dass der Fluss wieder natürlicher wird“, sagt er. Bürgermeister Georg Lüdtke will, dass es so rasch wie möglich losgeht – denn mit Wackers Plan geht die Anhebung der Straße zwischen Fuldabrücke und Baumbach einher. „Die steht mehrmals im Jahr unter Wasser. Das muss sich ändern“, sagt Lüdtke. Die Straßenbaubehörde Hessen Mobil, die dem Wirtschaftsministerium untersteht, hat den wegen neuer Vorschriften notwendigen Neubau der Brücke eingeplant und sich bereit erklärt, in diesem Rahmen die Höherlegung der Straße zu finanzieren – das geht aber nur, wenn die Renaturierung genehmigt wird. 

„Falls sich die Gemeinde mit dem WSV einigen kann, sind wir weiterhin an Bord“, sagt der Regionalbevollmächtigte Peter Wöbbeking. Timo Freitag, Sachbereichsleiter beim WSV, sagt allerdings, er könne den Plänen derzeit nicht zustimmen. Im Rahmen des Bundesprogrammes „Blaues Band“ erarbeitet die Wasserstraßenverwaltung selbst Pläne für Renaturierungen in ganz Deutschland. Bis die umgesetzt werden, dauert es voraussichtlich noch mehrere Jahre.

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Fragen und Antworten zum Renaturierungsplan:

Eigentlich ist schon alles geplant: Die Fulda soll zwischen Baumbach und Niederellenbach wieder natürlicher werden. Nun droht das Vorhaben aber – vorerst – zu scheitern. Dazu Fragen und Antworten.

Was genau soll an der Fulda verändert werden?

Das Flussbett soll in zwei Bereichen verlegt werden. Der erste liegt flussaufwärts der Brücke, wo die Fulda direkt an den Bahngleisen verläuft. Bei Hochwasser können diese derzeit unterspült werden. Der zweite liegt flussabwärts im Naturschutzgebiet, wo die Fulda direkt am Hang vorbeifließt, auf dem die Straße von Baumbach nach Niederellenbach verläuft. Dort kommt es bei Hochwasser gelegentlich zu Hangrutschungen. Die ehemalige Kiesgrube soll zum neuen Flusslauf umgestaltet werden (siehe Skizze).

Was wären die Auswirkungen der Pläne?

Elementare Veränderungen: Links ist die Fulda bei Baumbach in ihrem derzeitigen Verlauf zu sehen. Auf dem rechten Bild sieht man rechts unten, wo der Hauptverlauf des Flusses unterhalb der Brücke nach links verlegt werden soll (hellblau). Dunkelblau unterlegt sind Flächen, wo nur noch bei höherem Pegel Wasser fließen würde – und der Anglerteich in der Flussbiegung sowie die ehemalige Kiesgrube (rechtes Bild, links oben), die an dieser Stelle zum Hauptflusslauf wird. 

Neben dem Hochwasserschutz würde die Struktur der Fulda verbessert werden, sagt Wasserbau-Experte Heinrich Wacker. „Die Fulda würde dadurch eine viel höhere Selbstreinigungskraft haben. Auf kleinen Steinchen siedeln sich Organismen an, die für die Prozesse sorgen, die man in einer Kläranlage künstlich herbeiführt.“ Der Fluss werde dadurch sauberer, was gut für Fische und andere Insekten wie etwa Libellen sei. Außerdem entstehen neue Lebensräume, beispielsweise für Eisvögel. Der neue Verlauf durch die ehemalige Kiesgrube wäre auch für Kanuten interessant, so Wacker.

Wer würde die Maßnahmen bezahlen?

Die Gemeinde Alheim hat die Renaturierung in den Haushalt für 2019 aufgenommen. Das hessische Verkehrs- und das hessische Umweltministerium sind mit an Bord. Es gibt Fördermittel in Höhe von 950.000 Euro, 50.000 Euro zahlt die Gemeinde.

Warum sieht das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSV) Hann. Münden die Pläne kritisch?

Timo Freitag, WSV-Sachbereichsleiter sagt zu einer möglichen Verlegung des Flussbettes: „Das ist unter anderem eigentumstechnisch schwierig.“ Außerdem müssten zuerst die Auswirkungen der in den vergangenen Jahren schon erfolgten Renaturierungen überprüft werden. Das WSV musste zwar jeweils zustimmen, „aber nicht alles, was passiert ist, war uns zu 100 Prozent bekannt“, sagt Freitag. Außerdem würde sich ein Fluss auch oft anders entwickeln als erwartet.

Ein weiteres Hindernis ist – zumindest derzeit – das bundesweite Programm Blaues Band. Worum geht es dabei?

Bei dem Bundesprogramm „Blaues Band Deutschland“ handelt es sich um eine gemeinsame Initiative des Bundesverkehrs- und des Bundesumweltministeriums. Die Flüsse im gesamten Land sollen wieder natürlicher werden. Viele wurden aufgrund der Schifffahrt begradigt – doch auf Gewässern wie der Fulda findet schon lange keine Schifffahrt mehr statt.

Die Planungen werden allerdings noch einige Jahre dauern. Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS), der das WSV Hann. Münden untergeordnet ist, hat deswegen laut Timo Freitag (WSV) angewiesen, dass vorläufig keine Grundstücke des Bundes (wie die Fulda) für eigene Pläne von Kommunen zur Verfügung gestellt werden. „Im Rahmen des Blauen Bandes planen wir die Maßnahmen selber“, sagt Freitag.

Ist eine kurzfristigere Lösung denkbar?

Renaturierungen im Rahmen des Blauen Bandes können schon früher beginnen, wenn sie als Pilotprojekt genehmigt werden. Einen entsprechenden Antrag wollen die beteiligten Kommunen, die Landkreise Hersfeld-Rotenburg und Schwalm-Eder sowie das Regierungspräsidium Kassel nun stellen. Außerdem hat am Montag eine Befahrung der Fulda stattgefunden, bei der neben Heinrich Wacker auch der Nabu-Kreisverband und Ernst-Heinrich Stock vom hessischen Umweltministerium die Pläne befürwortet haben.

Das Wasser- und Schifffahrtsamt muss als Eigentümer des Flusses allerdings auch zustimmen. Stock möchte sich nun bei der Direktion in Hannover, der das WSV Hann. Münden untergeordnet ist, für die Pläne einsetzen. Timo Freitag hat an der Befahrung übrigens nicht teilgenommen – „weil wir momentan ohnehin noch keine Zusagen machen können.“ Und auch, weil er ab Januar 2019 nicht mehr beim WSV Hann. Münden arbeiten werde.

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