50.000 Euro pro Jahr benötigt

Schullandheim Licherode in finanzieller Schieflage: Kreis will nicht helfen

+
Besteht seit 1995: Das nach eigenen Angaben „erste ökologische Schullandheim Deutschlands“ in Alheim-Licherode. Die Einrichtung schreibt nun schon im dritten Jahr in Folge rote Zahlen.

Das Umweltbildungszentrum (UBZ) Licherode steuert zum dritten Mal in Folge auf ein defizitäres Geschäftsjahr zu. Der Landkreis lehnt finanzielle Unterstützung bisher ab. 

Das Umweltbildungszentrum in Licherode ist in finanzielle Schieflage geraten. Laut Geschäftsführer Ahmed al Samarraie fehlen im Vergleich zu früheren Jahren rund 50.000 Euro pro Jahr.

Al Samarraie hat beim Kreis um finanzielle Unterstützung gebeten – doch die wurde abgelehnt. Der Geschäftsführer sagt: „Derzeit droht keine Insolvenz. Wir sind schon jetzt für 2019 zu zwei Dritteln ausgebucht. Auf Dauer kann es so aber nicht weitergehen.“ 

UBZ-Geschäftsführer Ahmed al Samarraie

Der Grund für die Geldprobleme ist laut Udo Aschenbrenner, Vorstandsmitglied des Trägervereins und SPD-Fraktionsvorsitzender in Alheim: Die Übernachtungsgäste sind überwiegend Schüler, und die Klassen kommen mittlerweile nicht mehr wie früher mit 25 Schülern, sondern nur noch mit 18 oder 19. Außerdem bekomme das UBZ nicht mehr so viele Spenden wie früher. 

Deswegen bemüht sich der Trägerverein darum, mehr Zuwendungen aus Steuermitteln zu bekommen. Der Kreistag hatte im November gegen eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 10 000 Euro für das UBZ gestimmt. Kurz vor Weihnachten kam das Thema im Kreisausschuss erneut auf den Tisch. Auch dort wurde eine Zuwendung abgelehnt. 

Ein Beschluss des Haupt- und Finanzausschusses der Gemeinde Alheim, das UBZ mit einem Darlehen in Höhe von 9990 Euro zu unterstützen, war damit hinfällig – denn er war daran gekoppelt, dass auch der Landkreis hilft. 

Das Kultusministerium, das das UBZ mit rund 100.000 Euro pro Jahr unterstützt, lehnt eine Aufstockung ab, so ein Sprecher. Al Samarraie sagt, ihm gegenüber hätten Ministeriumsvertreter gesagt, der Kreis sei in der Pflicht, Mittel zur Verfügung zu stellen. „Ich bin enttäuscht, dass das bislang nicht möglich ist. Alle vergleichbaren Einrichtungen, die ich kenne, sind finanziell viel stärker an Kreise und Kommunen angebunden.“ 

Die Kreistags-Fraktionsvorsitzenden von CDU, SPD, AfD, FDP und FWG kritisieren, dass der Hilferuf aus Licherode viel zu spät gekommen sei und betonen, dass eine konzeptionelle Neuausrichtung das UBZ nötig sei. Grundsätzlich bestehe aber Gesprächsbereitschaft dazu, dass sich der Kreis finanziell in Licherode beteiligt.

Was ist das Problem mit Schulen als Zielgruppe? 

Schulklassen kommen laut Geschäftsführer Ahmed Al Samarraie mittlerweile nur noch von März bis Oktober. Außerdem lässt laut Udo Aschenbrenner, Vorstandsmitglied des Trägervereins, die Nachfrage nach. „Die Räumlichkeiten entsprechen nicht mehr dem heutigen Standard.“ Unter anderem gibt es auf den Zimmern keine Nasszellen. 

Udo Aschenbrenner, Vorstandsmitglied im Trägerverein des Umweltbildungszentrums

Kommen Erwachsenen-Gruppen oder Touristen als Kunden in Betracht? 

Im derzeitigen Gebäude nicht. Das UBZ ist aber laut Al Samarraie schon dabei, mit leer stehenden Häusern in Licherode und Neubauten eine Erweiterung zu planen. 

Wie waren die Kreistags-Fraktionen in die Abläufe einbezogen? 

Ein wesentlicher Kritikpunkt der Kreistags-Fraktionsvorsitzenden von SPD, CDU, AfD, FDP und FWG ist, dass die Bitte um Unterstützung erst wenige Wochen vor Jahresende gekommen sei. Al Samarraie hatte im Sommer ein Schreiben an den Landrat gerichtet mit der Bitte, bezüglich einer finanziellen Unterstützung das UBZ Kontakt mit dem Kultusministerium aufzunehmen. Vor der nächsten Kreistagssitzung im September wurde das Thema am 13. September im Ältestenrat besprochen und dabei weitergehende Informationen von Al Samarraie erbeten. Dieser antwortete am 19. September – zwei Tage nach der Kreistagssitzung – mit einem Schreiben an die Fraktionen, das beim Landrat einging. An die Fraktionen wurde das Schreiben laut Kreissprecher Dirk Herrmann am 23. Oktober weitergeleitet, fristgerecht vor der nächsten Sitzung am 12. November. 

Er sagt, das UBZ informierte zu spät: CDU-Fraktionsvorsitzender Herbert Höttl

„Selbst wenn es im September gekommen wäre – das wäre viel zu spät gewesen. Da muss man überlegen, ob von der Betriebsführung her alles richtig läuft“, sagt CDU-Fraktionsvorsitzender Herbert Höttl. Auch SPD, AfD, FDP und FWG kritisieren die Geschäftsführung deutlich. Die Linken waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Im Kreistag wurde ein Antrag der Grünen zum Haushalt, der eine finanzielle Unterstützung von 10.000 Euro vorsah, abgelehnt. Eine Einladung an den Kreisausschuss nach Licherode wurde laut Al Samarraie ausgeschlagen. 

Räumen Trägerverein und Geschäftsführer ein, Fehler gemacht zu haben? 

„Seit Herr Al Samarraie 2013 das Amt übernommen hat, ging es zunächst wirtschaftlich bergauf“, betont Vorstandsmitglied Aschenbrenner. Allerdings: In Gesprächen mit Landrat Dr. Michael Koch fiel seitens Al Samarraie das Wort Insolvenz. „Das hätte er tunlichst nicht machen sollen. Das hat den Landrat abgeschreckt.“ Al Samarraie räumt ein: „Es kann sein, dass das ein Fehler war.“ Er habe aber lediglich ehrlich auf die Notsituation hinweisen wollen. Die demografische Entwicklung sei erst ab 2015 mit kleiner werdenden Klassen durchgeschlagen. „Wir versuchen zu reagieren, können aber nicht so flink sein wie etwa ein Hotel. Wir haben zwei bis drei Jahre im Vorhinein Buchungen.“ Er habe allerdings beim Landkreis nicht stringent genug nachgefasst, als sich die Abläufe verzögerten. 

Die Grünen sind als Unterstützer des UBZ bekannt. Was sagen sie? 

„Das UBZ kann keine schwarze Null erwirtschaften – das müssen Schulen schließlich auch nicht“, sagt die Fraktionsvorsitzende Kaya Kinkel. Sie betont, dass die finanziellen Probleme schon seit dem Sommer allen Fraktionen bekannt seien und sieht den Kreis in der Verantwortung. Alle vergleichbaren Einrichtungen bekämen Geld von den jeweiligen Landkreisen. 

Fordert, dass der Kreis das UBZ unterstützt: Grünen-Fraktionsvorsitzende Kaya Kinkel

Wie stehen die übrigen Fraktionen dazu? 

Grundsätzlich wird Gesprächsbereitschaft signalisiert. CDU, SPD, AfD, FWG, FDP fordern jedoch, dass zunächst ein für die Zukunft tragfähiges Konzept vom UBZ vorgelegt wird. Alle Parteien betonen, dass der Erhalt der Einrichtung wichtig sei. 

Wie viele Steuergelder fließen jährlich in das UBZ? 

Laut Al Samarraie sind rund 20 bis 25 Prozent der Einnahmen Fördermittel – die meisten vergleichbaren Einrichtungen bekämen über 30 Prozent. Das Kultusministerium zahlt jährlich rund 100.000 Euro, was laut einem Ministeriumssprecher deutlich mehr ist als bei den anderen 13 Umweltzentren des Landes. Außerdem kommen 4000 Euro vom Umweltministerium unter anderem dafür, dass Schulen etwa beim Anlegen von Schulgärten oder der Ernährung beraten werden. Der Betrag ist bei allen Umweltzentren gleich hoch. „Wir betreuen aber deutlich mehr Schulen als die anderen Umweltzentren“, sagt Al Samarraie. Die Gemeinde Alheim, die dem UBZ die Räumlichkeiten vermietet, stellt regelmäßig außer der Reihe teils fünfstellige Beträge für Anschaffungen bereit. 

Die AfD schlägt vor, den Jugendhof an das Land zu verkaufen und die Aufgaben an das UBZ zu übertragen. Was sagen die übrigen Fraktionen und der Landkreis dazu? 

Der Vorschlag wird von der AfD damit begründet, dass der Jugendhof derzeit zu einem großen Teil von der Landesfinanzschule genutzt wird, wodurch er für die eigentlichen Aufgaben nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehe. Ein Verkauf wird von allen Fraktionen abgelehnt – eine Kooperation von Jugendhof und UBZ aber befürwortet. 

Wie geht es nun weiter? 

Al Samarraie sieht die Lösung des Problems vor allem darin, dass sich der Kreis künftig finanziell am UBZ beteiligen soll. Deswegen werde er weiterhin das Gespräch mit den Verantwortlichen suchen

Kommentare