Klinikkonzern sichert Standort in Heinebach

Asklepios übernimmt Hausarzt-Praxis in Heinebach

+
Das Team arbeitet zusammen: Dr. Gunther Claus (Ärztlicher Direktor Asklepios Melsungen), Dr. Dagmar Federwisch (Geschäftsführerin Asklepios Schwalm-Eder Kliniken), Tanja Kiebisch, Sylvia Kullmann, Dr. Arthur Klementz, Dr. Regine Kames, Dr. Jörg Merkel, Edeltraud Gregor, Dieter Schönborn (Leitung Finanz-und Rechnungswesen Asklepios Schwalm-Eder Kliniken) und Irina Politko sowie (vorne von links) Lea Denkovic, Marion Marg, Eva-Maria Büstrin, Nicole Luck, Susanne Fischer. Das vollständige Bild sehen Sie, wenn Sie auf das Kreuz oben rechts drücken. 

Alheim. Die lange Suche hat sich ausgezahlt: Die Gemeinschaftspraxis in Alheim-Heinebach wird ab dem 1. Januar von der Asklepios MVZ Hessen GmbH übernommen.

Für den Großkonzern ist das hessenweit eines der ersten Projekte dieser Art. Bislang betreiben im Kreis Hersfeld-Rotenburg nur das Klinikum Bad Hersfeld und das Kreiskrankenhaus Rotenburg Medizinische Versorgungszentren – und das nur im fachärztlichen Bereich, erläutert Dr. Jörg Merkel von der Gemeinschaftspraxis.

„Damit ist der Praxisstandort gesichert“, betont Dr. Merkel. Der Standort hätte in absehbarer Zeit geschlossen werden müssen, berichten Merkel und seine Kollegen in Heinebach, Dr. Arthur Klementz, Dr. Regine Kames und Dr. Rudolf Scholz. Drei der vier Ärzte sind schon 65 Jahre oder älter – also eigentlich schon im Rentenalter. Eine Schließung des Standorts hätte auch zur Folge gehabt, dass andere Bauteile der Gesundheitsversorgung wie Apotheken, Physio- oder Ergotherapiepraxen weggebrochen wären.

Die Praxis hat ein großes Einzugsgebiet – dazu gehört nicht nur der Kreis Hersfeld-Rotenburg, sondern auch Melsungen, Spangenberg oder Knüllwald im Schwalm-Eder-Kreis oder Sontra im Werra-Meißner-Kreis. Die Verwaltung der Praxis übernimmt ab 1. Januar Asklepios, der zweitgrößte Klinikbetreiber Deutschlands. Damit wird der Standort interessanter für jüngere Ärzte als mögliche Nachfolger, die von den Verwaltungsaufgaben entlastet werden. Für die Patienten soll sich nichts ändern, auch für die Mitarbeiter nicht. Ihre Verträge bleiben unverändert.

„Das Team der Praxis mit den vier Ärzten und allen medizinischen Fachangestellten wird die erfolgreiche Arbeit in unveränderter Besetzung fortführen“, teilt Asklepios mit. Neben vielen positiven Stimmen gibt es auch kritische. Dazu gehört Dr. Martin Ebel, der Sprecher des Hausärzte-Verbands.

Praxis bleibt bestehen

Dr. Jörg Merkel und seine Kollegen sind erleichtert. Der Standort der Gemeinschaftspraxis in Alheim-Heinebach ist gesichert. Sie wird ab dem 1. Januar von der Asklepios MVZ Hessen GmbH übernommen. Und der Nachwuchs ist schon in Sicht. Am 1. April 2019 beginnt eine junge Frau in der Praxis ihre Ausbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin. „Sie ist die Erste, die neu kommt“, freut sich Dr. Merkel. Viele Jahre lang hatte sich das Ärzteteam vergeblich um eine Lösung für die Zukunft bemüht. Jetzt geht die Praxis diesen neuen, ungewöhnlichen Weg.

Das Problem

 Aber warum das Ganze? „Es ist seit 2012 bekannt, dass bis 2020 mehr als die Hälfte der Hausärzte im Landkreis die Altersgrenze für Hausärzte überschritten haben. 2030 sind 64 der 95 Hausärzte im Landkreis voraussichtlich aus dem Beruf ausgeschieden“, sagt Merkel. In einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen wird deutlich, dass bereits 2016 zwölf von 24 Hausärzten allein im Bereich Bebra/Rotenburg 61 Jahre oder älter waren. Das Durchschnittsalter der Hausärzte im Landkreis Hersfeld-Rotenburg insgesamt betrug vor zwei Jahren 56,31 Jahre. „Wir haben seitdem versucht, Zusammenarbeiten anzuregen, weil die Bildung von Mehrbehandlerpraxen notwendig ist. Einzelne Standorte von Haus- und Facharztpraxen werden nicht mehr tragbar sein“, so Merkel.

Das Angebot

 Jüngere Kollegen wollten sich auch aufgrund der Zusatzbelastung durch Praxisverwaltung nicht selbstständig machen. Dies sei kein typisch ländliches Problem, sondern auch in den Städten zu beobachten. „Die Verwaltung übernimmt ab dem Januar der neue Arbeitgeber, also Asklepios. Dadurch können sich jüngere Nachfolger ganz auf das rein Fachliche beschränken“, lobt Merkel. Auch die Anbindung an das Asklepios-Klinikum in Melsungen sei von Vorteil: „Je größer sich ein Arbeitgeber darstellt, desto interessanter ist er für nachkommende Arzt-Generationen.“ Asklepios, der zweitgrößte Klinikbetreiber Deutschlands, hat im Sommer entschieden, ein hausärztliches Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) zu bilden. „Zuvor haben alle einen großen Bogen darum gemacht“, sagt Merkel. Ein weiterer Vorteil, den die Praxis in Heinebach hat, ist, dass Merkel und Klementz eine Weiterbildungsermächtigung besitzen. Sie dürfen also selbst Mediziner zu Hausärzten aus- und weiterbilden.

Die Kritik

 Dass es zur Zusammenarbeit mit Asklepios gekommen ist, sei laut Merkel, Klementz und Kames ein großes Glück für die Gemeinde. „Wir haben sechs Jahre lang intensive und teure Kontaktsuche und Personalakquise betrieben. Das blieb erfolglos, auch weil sich die Regionalpolitik zu wenig kümmert“, so die drei Ärzte. Das Ziel, eine Vernetzung zu erreichen und eine MVZ-Struktur zu generieren, sei mit regionalen Partnern gescheitert. Brisant sei, mit welcher Ignoranz den bekannten Zahlen entgegengetreten werde. „Da müssten eigentlich alle Alarmglocken schrillen. Das wird sich nicht von alleine lösen“, sagt Klementz. Zwar würden Regionalanalysen und Empfehlungen in Auftrag gegeben werden, es fehle aber das Werben um neue Ärzte. „Keiner fühlt sich zuständig und es ist nicht allein die Verantwortung der Praxisinhaber, Nachfolger zu suchen“, sagt Merkel.

Das sagt 

Dr. Martin Ebel

„Wir können es nicht begrüßen, wenn sich die Klinikkonzerne auch noch der Primärversorgung bemächtigen“, betont Dr. Martin Ebel aus Bad Hersfeld. Ebel ist Sprecher des Hausärzte-Verbands. „Wir ziehen bei der Weitergabe von Praxen inhabergeführte Modelle vor. Die Ärzte, die in Praxen arbeiten, sollten auch Inhaber sein oder zumindest beteiligt an dem Projekt“, betont Dr. Ebel. „Wir wollen unsere Unabhängigkeit wahren und unsere diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen unbelastet von Dienstverhältnissen zu Gesundheitskonzernen fällen.“ Dr. Ebel sieht in der Heinebacher Lösung die zweitschlechteste. „Aber besser als keine Lösung. Die Schließung der Praxis wäre natürlich die größte Katastrophe gewesen.“ Das Problem der fehlenden Ärzte wäre leicht zu lösen, sagt er. Aber die Politik sei unwillig. Politik und Krankenkassen müssten niedergelassenen Allgemeinmedizinern auskömmliche Honorare anbieten – ohne Rückzahlungsansprüche. (dup)

Bürgermeister Lüdtke 

Alheims Bürgermeister Georg Lüdtke spricht von einer „sehr positiven Botschaft mit Symbolcharakter“. Der Gesundheitsstandort Heinebach sei offenbar attraktiv. Kommunale Grenzen seien allerdings nicht mehr zeitgemäß, so der Bürgermeister: „Bereits jetzt zieht die Praxis ja Patienten von jenseits der Kreisgrenze an“, sagt er. Mit Jörg Merkel sei ein Kenner beteiligt, der sich seit Jahren für die Versorgung im ländlichen Raum einsetze. Alheim hat zudem eine Analyse der Gesundheitsversorgung  in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse werden, so Lüdtke, im Februar vorgestellt. (cig)

Von Björn Friedrichs und René Dupont

Kommentare