Montagsinterview

Anfangs belächelt: Klaus Adamaschek über die erste schwarz-grüne Zusammenarbeit in einer Kommune

+
Erinnert sich an eine spannende lokalpolitische Zeit: Von 1989 bis 1994 gab es in der Gemeinde Alheim ein kommunales Novum, eine schwarz-grüne Zusammenarbeit, ein Jahr lang sogar eine Koalition. Klaus Adamaschek gehörte 1989 mit Lothar Albrecht zum grünen Teil der Mehrheit. Die Grüne Christa Albrecht war sogar Erste Beigeordnete.

Klaus Adamaschek erinnert sich im Montagsinterview an die erste schwarz-grüne Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene in Hessen, die 1989 in Alheim entstand. 

Die Grünen feiern in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag. Anlass, sich an eine kleine Revolution zu erinnern, die 1989 in der Region begann: In der Gemeinde Alheim entstand die erste schwarz-grüne Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene in Hessen. Wir sprachen mit Klaus Adamaschek, der damals gemeinsam mit Lothar Albrecht grüner Gemeindevertreter war. In der Region ist Adamaschek heute als Musiker Shiregreen bekannt.

Herr Adamaschek, wie ist es damals zur schwarz-grünen Zusammenarbeit gekommen?

Ich bin Anfang der 80er-Jahre nach Alheim gekommen und habe Familie Albrecht über den Tennisverein kennengelernt. Lothar und ich waren gut befreundet und wurden dann auch ein politisch gutes Team. Zur Kommunalwahl 1989 waren wir (sechs Kandidaten, Red.) mit dem Ziel angetreten, die schon fast berüchtigten „Alheimer Verhältnisse“ aufzulösen. Damals ging es im Gemeindeparlament nicht mehr um Inhalte, sondern wohl mehr um Besitzstandswahrung. Das Klima war vergiftet. Die CDU konnte durch einen kurzzeitigen Wechsel der Mehrheiten Bürgermeister Hans-Hubert Ritter installieren und die SPD tat alles, um dessen Arbeit zu blockieren.

Wie ging die Wahl aus?

Wir erzielten bei der Wahl auf Anhieb zwei Mandate und wurden so zum Zünglein an der Waage. Viele glaubten, dass es nun automatisch zu einer rot-grünen Zusammenarbeit kommen müsse, so wie in Wiesbaden, wo ja die erste rot-grüne Koalition (ab 1985, Red.) regierte. Aber es kam anders. Die wertkonservative CDU zeigte sich unseren grünen Ideen gegenüber erstaunlich aufgeschlossen. Die ersten Jahre mit der CDU haben wirklich Spaß gemacht.

Gab es keine Vorbehalte? Der ländliche Raum galt ja nicht gerade als Keimzelle für grüne Ideen.

Die Grünen wurden im Alheimer Parlament anfangs schon ein wenig belächelt. Dabei war Lothar ja eigentlich ein alter Hase, der früher für die SPD und später parteilos im Parlament war, aber ich war völliger Neuling. Wir haben in unserer Zwei-Mann-Fraktion hart gearbeitet und uns immer bestens vorbereitet, uns intensiv mit den Anträgen aller Fraktionen befasst. Das wurde dann auch anerkannt. Viele Beschlüsse hat das Parlament später einstimmig gefasst.

Wie haben denn andere auf das schwarz-grüne Experiment reagiert? Ihr Landesverband etwa?

Ich bin zu den Zeiten der rot-grünen Landesregierung mehrfach zur grünen Fraktion nach Wiesbaden gereist, um um Unterstützung zu bitten, zweimal auch gemeinsam mit Bürgermeister Ritter. Unterstützung haben wir bekommen zum Beispiel bei der Finanzierung des neuen Kindergartens in Baumbach und des ökologischen Schullandheims. Wir hatten ja auch etwas vorzuweisen. Das wurde anerkannt.

Was haben Sie denn bewegt in Alheim?

Wir haben eine Menge auf den Weg gebracht. Darunter war auch Wegweisendes für andere Gemeinden. So haben wir die Stelle eines Umweltbeauftragten in der Verwaltung geschaffen. Das Thema Nachhaltigkeit wurde in die Hauptsatzung aufgenommen. Und natürlich haben wir das Projekt ökologisches Schullandheim Licherode unterstützt. Die Idee dazu ist im Dorferneuerungsbeirat entstanden. Bürgermeister Ritter wollte es vor allem als Leuchtturmprojekt.

Hat die schwarz-grüne Koalition die Basis gelegt für die später mehrfach preisgekrönte nachhaltige Gemeinde Alheim?

Jedenfalls haben wir eine Initialzündung für die ökologisch-nachhaltige Entwicklung gegeben. Mutige Ideen brauchen auch ein entsprechendes Milieu, um sich durchzusetzen. In Alheim gab es ein Zeitfenster für diese Ideen – gerade als die Dorferneuerungen in Licherode und Oberellenbach anstanden. Da kam eins zum anderen.

Erst gute Jahre der Zusammenarbeit, dann holperte es und 1994 kam zum es Koalitionsbruch. Wodurch?

Damals wollte der Investor Krug ein Gefahrstofflager im Gewerbegebiet Heinebach errichten. Bürgermeister Ritter hatte das Projekt und dessen Ausmaß nach unserer Einschätzung nicht offen kommuniziert. Für uns war das ein Vertrauensbruch. Wir haben dann außerparlamentarisch mit einer Bürgerinitiative, gegen das Projekt gearbeitet. Aber punktuell gab es auch weiter eine Zusammenarbeit mit der CDU.

1997 hat sich durch die Kommunalwahl die Zusammensetzung des Parlaments erneut verändert. Die FDP kam hinzu.

Und war auf Anhieb stärker als die Grünen. Es war ein Wahlkampf, an den ich mich nicht gerne erinnere. Da gab es viele persönliche Anwürfe, das politische Klima wurde wieder sehr schlecht. Das Zeitfenster für mutige Ideen hatte sich mit der Anti-Öko-Kampagne der FDP wieder geschlossen. Aber wir hatten unsere Zeit.

Ist es überhaupt sinnvoll, in der Kommunalpolitik eine parteipolitische Brille aufzusetzen?

Ich finde, dass das Parteibuch auf kommunaler Ebene zurückstehen muss. Dass das funktionieren kann, haben wir ja mit schwarz-grün bewiesen. Menschlich hat die Zusammenarbeit gut funktioniert. Und das ist wichtig in kleinen Orten, damit sie nicht zerrissen werden.

Von den Grünen in Alheim ist nichts mehr zu hören. Sie selbst haben Ihr Mandat 1998 niedergelegt.

Ja. Es ging einfach nicht mehr. Ich sympathisiere noch mit den Grünen, aber der Partei gehöre ich seit 2017 nicht mehr an, weil ich mir stärkere Konsequenz vor allem in der Flüchtlings- und Friedenspolitik gewünscht hätte. Heute ist die Musik mein Ventil, um mir Luft zu verschaffen – auch für das, was mich gesellschaftlich und politisch bewegt.

Zur Person

Klaus Adamaschek (62) ist in Gelsenkirchen aufgewachsen, hat in Aachen Deutsch und Sport für das Lehramt studiert und kam Anfang der 1980er-Jahre nach Heinebach. Nach seinem Referendariat an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg war er zunächst in der Erwachsenenbildung tätig, bevor er die Leitung des 1995 eröffneten Ökologischen Schullandheims Licherode, heute Umweltbildungszentrum, übernahm und diese Arbeit bis 2013 leistete. Später arbeitete er als Lehrer an der Fachschule für Sozialpädagogik in Heimboldshausen. 2016 wurde er nach langer Krankheit aus dem öffentlichen Dienst entlassen, ist heute Rentner und Musiker. Als Shiregreen ist er mit seiner Band über die Region hinaus bekannt. Mit seiner Frau Angelika lebt er in Rotenburg. sis

Quelle: HNA

Kommentare