Bad Hersfeld ist Spitzenreiter

Hersfeld-Rotenburg ist für Pendler attraktiv: 13.585 fahren täglich in den Kreis

Hohe Verkehrsbelastung auf der B27 zwischen Bad Hersfeld und Friedlos, unser Foto zeigt das Verkehrsaufkommen am Nachmittag.
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Die Bundesstraße 27 zwischen Bad Hersfeld-Nord und Abzweig Rohrbachtal gehört zu den am stärksten belasteten Straße des Landkreises Hersfeld-Rotenburg. Morgens staut sich der Verkehr zwischen 7 Uhr und 7.30 Uhr schon vor Friedlos in Richtung Bad Hersfeld, am Nachmittag (Foto) in umgekehrter Richtung.

Die Zahl der Berufspendler in Hersfeld-Rotenburg bleibt auf hohem Niveau. Täglich kommen 13 585 Menschen von außerhalb zum Arbeiten in den Landkreis gefahren.

Hersfeld-Rotenburg – Das geht aus einer Auswertung des Bundesinstituts für Bau, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit Zahlen aus dem Jahr 2019 hervor. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Trend leicht rückläufig. Für 2018 hatte das BBSR den Rekordwert von 14 200 Einpendlern für den Kreis verzeichnet. Zur Jahrtausendwende waren es noch 10 000.

Auf der anderen Seite leben in Hersfeld-Rotenburg 12 890 Sozialversicherungsbeschäftigte, die aus beruflichen Gründen den Kreis allmorgendlich verlassen – es kommen also 695 Pendler mehr in den Landkreis als umgekehrt. Die meisten Einpendler hat Bad Hersfeld. Rechnet man alle zusammen, also Menschen aus anderen Kreiskommunen und aus Orten außerhalb der Kreisgrenze, kommen 13 100 Berufspendler in die Kreisstadt. Dahinter folgen Bebra (3990), Philippsthal (2820), Rotenburg (2110) und Niederaula (1800).

„Landkreis ist einer der wenigen Einpendler-Standorte in der Region“

Bei den Auspendlern liegt Bad Hersfeld ebenfalls vorn. 4700 Frauen und Männer verlassen täglich die Kreisstadt, um woanders zu arbeiten. Rotenburg kommt auf 3510 Auspendler, gefolgt von Bebra (3300), Ludwigsau (1960) und Heringen (1830).

„Unser Landkreis ist einer der wenigen Einpendler-Standorte in der Region“, sagt Bernd Rudolph, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Hersfeld-Rotenburg. Aus wirtschaftlicher Sicht sei es gut, wenn mehr Menschen ein- als auspendeln. „Damit verbunden ist die Hoffnung, dass die Menschen, die zum Arbeiten herkommen, natürlich auch Teile ihrer Kaufkraft hierlassen“, so Rudolph.

Markus Holle, Zukunftsbeauftragter des Landkreises, erklärt sich den positiven Pendlersaldo mit der vergleichsweise guten Arbeitsmarktlage und der guten Verkehrsanbindung. Hersfeld-Rotenburg habe sich zu einer wettbewerbsfähigen Region entwickelt, „in der sich große, attraktive Arbeitgeber angesiedelt haben“. Mit Blick auf den zunehmenden Fachkräftemangel „werden wir auch in Zukunft auf Arbeitnehmer aus anderen Landkreisen angewiesen sein“, sagt Holle.

Jeder Vierte verlässt den Landkreis für die Arbeit

Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg leben nach Auskunft der Arbeitsagentur rund 47 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Aus der BBSR-Analyse geht hervor, dass 12 890 Kreisbewohner auspendeln. Umgerechnet heißt das, dass rund jeder Vierte seinen Arbeitsort außerhalb des Kreisgebiets hat.

Als Logistik-Hochburg und Kali-Region mit mehreren Krankenhausstandorten ist der Landkreis Hersfeld-Rotenburg als Arbeitsort auch für Pendler von außerhalb interessant. Wir haben uns die größten Pendler-Ströme im Landkreis genauer angeschaut.

  • Bad Hersfeld ist weiterhin der größte Pendlermagnet im Kreis Hersfeld-Rotenburg. 13 100 Menschen sind im vergangenen Jahr in die Kreisstadt gependelt, um dort zu arbeiten – aus anderen Kommunen im Landkreis und darüber hinaus. Die größten Pendlerströme kommen aus Bebra (1050), Ludwigsau (920) und Rotenburg (710). Auf der anderen Seite verlassen 4700 Bad Hersfelder täglich ihren Wohnort, um woanders zu arbeiten. Zum Vergleich: Das sind über 50 Prozent mehr als noch im Jahr 2000. Die meisten Bad Hersfelder pendeln heute nach Bebra (470), Niederaula (390) und Fulda (370).
  • Bebra steht auf Rang zwei der größten Einpendlerkommunen im Landkreis. 3990 Menschen pendeln berufsbedingt in die Biberstadt – jeder Fünfte kommt aus Rotenburg. Weitere große Pendlerbewegungen kommen aus Bad Hersfeld (470), Alheim und Sontra (jeweils 410). Bebra verlassen hingegen allmorgendlich 3300 Frauen und Männer, vor allem in Richtung Bad Hersfeld (1050), Rotenburg (490) und Kassel (170).
  • Die drittmeisten Einpendler im Landkreis verzeichnet Philippsthal. 2820 Beschäftigte pendeln in die Marktgemeinde, insbesondere aus Heringen (420), Bad Salzungen (Wartburgkreis, 260) und Hohenroda (240). Nach Bad Hersfeld ist Philippsthal die Kommune im Landkreis mit dem größten Pendlerüberschuss: 1840. Denn nach Zahlen des BBSR verlassen zum Arbeiten nur 980 Philippsthaler ihren Wohnort zum Arbeiten. Die meisten fahren nach Bad Hersfeld (270), Heringen (140) und Friedewald (50).
  • In Rotenburg nimmt die Zahl der externen Beschäftigten leicht ab. Pendelten zur Jahrtausendwende noch 2230 Menschen in die Fuldastadt, sind es nach Angaben des Bundesinstituts aktuell noch 2110. Die meisten Einpendler leben in Bebra (490), Alheim (310) und Bad Hersfeld (150). Gleichzeitig steigt die Zahl der Auspendler. Insgesamt 3510 Rotenburger arbeiten außerhalb, im Jahr 2000 waren es noch gut tausend weniger (2490). Die größten Pendlerströme aus Rotenburg führen nach Bebra (850), Bad Hersfeld (710) und Melsungen (Schwalm-Eder-Kreis, 330).
  • Auf Platz fünf der größten Einpendlerkommunen im Landkreis steht Niederaula. Die Marktgemeinde ist laut der BBSR-Statistik Fahrziel von 1640 Berufstätigen. Die meisten Pendler kommen aus Bad Hersfeld (390), Kirchheim (190) und Breitenbach/Herzberg (90). Die Niederaulaer, die nicht in ihrem Heimatort arbeiten, zieht es bevorzugt nach Bad Hersfeld (660), Kirchheim (140) und Fulda (100).
  • Auch Heringen ist ein beliebter Arbeitsort. Hoch im Kurs liegt die Kali-Stadt bei Beschäftigten aus Wildeck (160), Philippsthal (140) und Bad Hersfeld (100). In die entgegengesetzte Richtung fahren Menschen vor allem nach Bad Hersfeld (430), Philippsthal (420) und Bebra (120).
  • Die Fahrt nach Kirchheim nehmen 1330 Beschäftigte für ihren Job in Kauf. In der am Autobahndreieck der A 4 und A 7 gelegenen Gemeinde arbeiten vor allem Menschen aus Bad Hersfeld (150), Niederaula (140) und Oberaula (Schwalm-Eder-Kreis, 110). Demgegenüber stehen 1290 Auspendler aus Kirchheim. Das entspricht dem geringsten Pendlersaldo in ganz Hersfeld-Rotenburg. Diejenigen, die Kirchheim zum Arbeiten verlassen, fahren am häufigsten nach Bad Hersfeld (420), Niederaula (190) und Fulda (60).
  • Kreisweit den größten Anstieg bei den Einpendlern seit dem Jahr 2000 verzeichnet Friedewald. Kamen bei der Jahrtausendwende noch 470 Menschen zum Arbeiten in die Gemeinde, sind es jetzt 1280 – das entspricht einem satten Plus von 172 Prozentpunkten. Die meisten Einpendler kommen aus Bad Hersfeld (170), Heringen (100) und Bebra (60). Berufsbedingt verlassen das Gemeindegebiet hingegen lediglich 830 Menschen, darunter laut BBSR 280 mit Ziel in Bad Hersfeld, 150 fahren nach Philippsthal und 70 nach Heringen.

Nur Nentershausen hat weniger Auspendler als vor 20 Jahren

Der Trend ist eindeutig: Die Pendlerzahlen im Landkreis steigen. Kreisweit gibt es nur eine Gemeinde, die im vergangenen Jahr weniger Auspendler hatte als zur Jahrtausendwende: Nentershausen. Laut den Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung (BBSR) verließen im Jahr 2000 noch 880 Frauen und Männer tagein, tagaus aus beruflichen Gründen das Gemeindegebiet, derzeit sind es noch 820.

Bei den Einpendlern fällt auf, dass die Zahlen in 15 von 20 Kreiskommunen seit dem Jahr 2000 teils stark gestiegen sind. Lediglich Cornberg (aktuell 100 Einpendler, seit 2000 minus 57 Prozentpunkte), Haunetal (150, minus 21 Prozent), Nentershausen (220, minus 33 Prozent), Rotenburg (2110, minus fünf Prozent) und Schenklengsfeld (470, minus acht Prozent) haben weniger Einpendler als zur Jahrtausendwende. Die meisten Einpendler gewonnen haben Friedewald (1280, plus 172 Prozent) und Ludwigsau (470, plus 161 Prozent).

Steigende Pendlerzahlen: Naturschützer kritisieren Zentralisierungstrend

Der Kreisverband Hersfeld-Rotenburg des Naturschutzbundes (Nabu) sieht die steigenden Pendlerzahlen kritisch – und macht auch den „grassierenden Zentralisierungstrend“ dafür verantwortlich. Grundsätzlich, sagt der stellvertretende Vorsitzende Dieter Gothe, sollte es mehr Arbeitsplatzangebote im ländlichen Raum geben: „Vorbildhaft sollten öffentliche Verwaltungen in die strukturschwächeren Kommunen verlagert werden, die mit dem ÖPNV gut erreicht werden können.“

Ein gutes Beispiel sei die Beihilfestelle des Landes Hessen in Hünfeld. Es sei eine ökologische und ökonomische Zukunftsaufgabe, die Ballungsräume zu entlasten und „flächendeckend Infrastruktur in ländlichen Regionen zu nutzen und nicht veröden zu lassen“. Das „tägliche Verkehrsgewühl“ sei für Pendler und Dienstreisende eine gesundheitliche Belastung. Der technische Fortschritt eröffne bessere Chancen für die Arbeit vor Ort oder im Homeoffice. „Pendlerströme können dadurch reduziert werden“, sagt Gothe.

Das gelte auch für den Kreis Hersfeld-Rotenburg. „Es muss nicht jede arbeitsplatzrelevante Einrichtung in Bad Hersfeld zentralisiert werden“, sagt er. „Das schwächt die übrigen Städte im Kreisgebiet und führt zu deren Bedeutungsverlust. Die jüngste Entscheidung zum HKZ unterstreicht die Auffassung.“

Gut ausgebaute Fahrradwege statt steigender Autoverkehr

Der Nabu wirft auch die Frage auf, warum Dienststellen in der Region nicht gemäß ihren Aufgaben an mehreren Standorten eingerichtet werden. Das würde die Kundennähe fördern. „Die hier anfallende Sachbearbeitung von Naturschutzaufgaben der Oberen Naturschutzbehörde könnten auch in Bad Hersfeld angesiedelt werden“, schlägt Gothe vor.

Auch sollten neue Gebäude, in denen Menschen arbeiten und die für den Publikumsverkehr geschaffen werden, aus Sicht des Nabu stets in der Nähe von Bahnhöfen geplant werden und nicht auf der grünen Wiese. Bebra habe dieses Prinzip bei der Stadtsanierung vorbildlich umgesetzt, so Gothe.

Zudem sollten gut ausgebaute Fahrradwege den Einsatz von Autos reduzieren. „E-Bikes in verschiedenen Ausführungen werden bestimmte Erledigungen auch im Transportbereich erledigen, Stichwort Lastenräder“, sagt Gothe. „Daraus ergeben sich jede Menge Herausforderungen an die Kommunen, Firmen und Märkte.“ Um den Autoverkehr zu reduzieren, sollten Unternehmen ihren Arbeitnehmern vermehrt Jobtickets zur Verfügung stellen. Auch pendelnde Zubringertaxis aus den Dörfern zu den Bahnhöfen könnten Autos ersetzen. Der Nabu regt darüber hinaus an, dass Fahrpläne von Bus und Bahn „mit gewöhnlichen Arbeitszeiten verstärkt koordiniert und optimal angepasst“ werden sollten.

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