Prozess in Fulda

Baby schwer misshandelt: Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafe für Vater

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Prozess in Fulda gegen einen Vater wegen versuchten Mordes. Er soll seinen Sohn misshandelt haben. 

Versuchter Mord an einem Baby im Kreis Hersfeld-Rotenburg: Die Staatsanwaltschaft fordert eine Haftstrafe für den Vater.

  • Prozess gegen einen Mann aus Heringen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg in Hessen.
  • Ihm wird versuchter Mord an seinem Baby vorgeworfen.
  • Rekonstruktion des Tathergangs schließt Unfall als Verletzungsursache aus

Update vom Donnerstag, 21.05.2020, 6.05 Uhr: Von einem versuchten Totschlag durch Unterlassung geht Staatsanwältin Natalia Fuchs im Prozess um das misshandelte Baby in Heringen (Hessen) aus. Vor dem Fuldaer Schwurgericht beantragte sie am Mittwoch eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monate für den 33 Jahre alten Vater des Jungen, der dem Säugling am 18. September 2015 schwere Verbrühungen im Gesicht zugefügt und anschließend stundenlang keine Hilfe geholt hatte.

Das damals drei Monate alte und beim Eintreffen der Rettungskräfte mit einer Körpertemperatur von 29,7 Grad extrem unterkühlte Baby war nach Einschätzung der Ärzte nur knapp mit dem Leben davon gekommen.

Versuchter Mord an Baby: Vater offenbar mit Betreuung überfordert

Dass der mit der Betreuung seines Sohnes völlig überforderte Vater den Kopf des Kindes beim Duschen mehrere Sekunden lang in mutmaßlich 58 Grad heißes Wasser eingetaucht hatte, sah auch sein Verteidiger, der Bad Hersfelder Rechtsanwalt Klaus W. Königshof, als erwiesen an und plädierte wegen der Misshandlung Schutzbefohlener in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung für eine Freiheitsstrafe zwischen einem und zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt werden soll. Die Verantwortung seines Mandanten für die Unterkühlung, etwa wegen der durchnässten Bekleidung, sah er nicht als gegeben an.

Fuchs wie auch Königshof gingen wegen der Alkoholisierung des Heringers von verminderter Schuldfähigkeit aus. Ältere Misshandlungen des Kindes waren ihm nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen. Das Urteil wird in der nächsten Woche erwartet.

Erstmeldung vom 19.05.: Baby entkam knapp Tod: Rechtsmediziner geht nicht von Unfall aus

Von „aktiver Misshandlung in stärkster Form“ sprach der rechtsmedizinische Gutachter im Prozess um das in Heringen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg verbrühte Baby. Der 33 Jahre alte Vater des Säuglings muss sich vor dem Schwurgericht des Landgerichts Fulda wegen des Verdachts des versuchten Mordes durch Unterlassung verantworten.

Professor Dr. Manfred Risse von der Gießener Rechtsmedizin schloss für die festgestellten Verletzungen des damals drei Monate alten Jungen ein Unfallgeschehen kategorisch aus: Weder die schweren Verbrennungen im Gesicht („Die gehen mit heftigem Schmerz einher“), noch die beiden Rippenbrüche oder die Hämatome an Gesäß und Kopf seien so zu erklären. 

Versuchter Mord an Baby: Unterkühlung durch nasse Kleidung

Vielmehr seien die Rippen des Babys nur durch „massive Gewalt“ (Kompression), die blauen Flecken des damals noch nicht mobilen Säuglings durch „stumpfe Gewalt“ (Schläge) entstanden.

Die zudem festgestellte Unterkühlung von 29,7 Grad Körpertemperatur hätte mit einem erwartbaren Kammerflimmern des Herzens jederzeit zum Tod des Babys führen können, erläuterte Risse.

Ursache für die Unterkühlung könne der Umstand gewesen sein, dass der Säugling stundenlang in durchnässter Bekleidung belassen wurde. 

Versuchter Mord an Baby: Rekonstruktion des Tathergangs per Video

Zu Beginn des Verhandlungstages hatte sich die Fuldaer Strafkammer das 15-minütige Video mit der Rekonstruktion des Vorfalls angesehen. 

Befragt von einer Bad Hersfelder Kriminalpolizistin hatte der Angeklagte im Badezimmer einer Heringer Wohnung vor der Kamera demonstriert, wie er das Kind am frühen Morgen abduschen wollte und dabei angeblich ausgerutscht war, sodass der heiße Duschstrahl das Gesicht seines Sohnes traf.

Dass es so nicht gewesen sein konnte, weil die scharf abgegrenzten Verbrühungen rein physikalisch nur durch ein etwa vier Sekunden langes Eintauchen in etwa 57 Grad heißes Wasser erklärbar waren, ein Strahl aus dem Brausekopf aber auch seitlich am Kopf hätte Spuren hinterlassen müssen, ignorierte der Heringer.

Versuchter Mord an Baby: Vater stand unter Drogen- und Alkoholeinfluss

Richter Josef Richter, Vorsitzender des Gerichts in Fulda, versuchte noch einmal eindringlich, den bislang schweigenden 33-Jährigen zu einer Aussage zu bewegen – ohne Erfolg. Er seit damals „total überfordert“ gewesen und könne sich heute an nichts mehr erinnern. 

Die Kindesmutter hatte das Babys wegen einer Wochenbettdepression in die Obhut des Vaters gegeben.

Der Hartz-IV-Empfänger konsumierte damals regelmäßig Drogen und Alkohol. Zwar zog Dr. Helge Laubinger in seinem psychiatrischen Gutachten die Mengenangaben des Angeklagten schon wegen der kaum zu finanzierenden Kosten in Zweifel, doch eine zur Tatzeit eingeschränkte Steuerungsfähigkeit wollte er nicht ausschließen.

Versuchter Mord an Baby: Opfer auf dem Weg der Besserung

Dem heute fünfjährigen Jungen geht es vergleichsweise gut. Er lebt in einer Pflegefamilie, seine Verletzungen sind bis auf einige unauffällige Narben abgeklungen. 

Er habe eine positive Entwicklung genommen, berichteten seine Betreuer, befindet sich wegen seiner hochempfindlichen Gesichtshaut jedoch immer noch in ärztlicher Behandlung.

Von Karl Schönholtz

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