Lückenschluss im Kali-Revier

K+S will Bahnstrecke von Unterbreizbach nach Vacha reaktivieren

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Hier sollen wieder Züge rollen: K+S will die Bahnstrecke (vorne links) von Unterbreizbach nach Vacha wieder in Betrieb nehmen. Die Kalizüge aus dem Werk Unterbreizbach (im Hintergrund) fahren seit dem Jahr 2000 in entgegengesetzter Richtung über die Grubenanschlussbahn nach Heimboldshausen.

Die drei Produktionsstandorte des Kaliwerks Werra sollen im Laufe des kommenden Jahres wieder über eine zweite Gleisverbindung für Güterzüge erreichbar sein.

Der Düngemittelhersteller K+S und die Regiobahn Thüringen GmbH (RbT) haben dazu am vergangenen Montag einen Vertrag über Wiederinbetriebnahme sowie Nutzung der Bahnstrecke Unterbreizbach-Vacha unterzeichnet. 

Einen entsprechenden Bericht im Internet-Forum der Eisenbahnzeitschrift „Drehscheibe“ bestätigte K+S-Sprecher Ulrich Göbel auf Nachfrage unserer Zeitung. 

Die seit 20 Jahren ungenutzte Strecke ist unter anderem wegen eines schadhaften Dammabschnitts derzeit nicht befahrbar. Bereits im Januar soll damit begonnen werden, die Gleise freizuschneiden. Die Wiederinbetriebnahme des einst als Grenzumgehung (siehe Hintergrund) gebauten Abschnitts ist für das vierte Quartal des kommenden Jahres geplant.

Werratal wäre nach 31 Jahren wieder durchgängig befahrbar

31 Jahre nach der Grenzöffnung wäre mit diesem Lückenschluss die Schienenverbindung durchs Werratal von Gerstungen über Heringen und Heimboldshausen nach Bad Salzungen wieder durchgängig befahrbar – allerdings nicht wie vor der Grenzziehung auf direktem Weg zwischen Vacha und Philippsthal, sondern mit Umweg über den steilen Abschnitt von Unterbreizbach und Sünna.

Durch die Wiederinbetriebnahme will K+S eine direkte Anbindung zu benötigten Abstellgleisen in Vacha sowie der seit 2018 dort ansässigen Waggonwerkstatt des Waggonwerks Brühl schaffen.

Bahnanbindung über Gerstungen soll entlastet werden 

Von den drei Produktionsstandorten Unterbreizbach, Hattorf (Philippsthal) und Wintershall (Heringen) ist Vacha derzeit auf dem Schienenweg nur mit erheblichem Umweg über Gerstungen, Eisenach und Bad Salzungen erreichbar.

Langfristig soll die Strecke aber auch zur Entlastung der bereits stark frequentierten, eingleisigen Bahnanbindung über Gerstungen dienen, über die derzeit der gesamte Zugverkehr ins Kali-Revier abgewickelt wird: Neben den Kali-Zügen mit Schüttgutwagen sowie den Containerzügen vom und zum Werra-Kombi-Terminal in Röhrigshof zählen dazu auch Kesselwagen, mit denen salzhaltige Abwässer zur Flutung stillgelegter Bergwerke transportiert werden.

Schlacke für Abdeckung der Abraumhalden kommt per Bahn 

Weiterhin hat K+S angekündigt, die für die geplante Abdeckung der Abraumhalden benötigte Schlacke aus der Hausmüll-Verbrennung per Bahn anliefern zu wollen. 

Perspektivisch könnten demnach offenbar künftig Leerzüge über Bad Salzungen, Vacha und die Steilstrecke nach Unterbreizbach zu den Werken gebracht werden, beladene Waggons hingegen weiterhin den einfacheren Weg Richtung Gerstungen nehmen.

Zunächst ist zwischen Vacha und Unterbreizbach jedoch durchschnittlich eine An- beziehungsweise Abfahrt pro Tag geplant, die Züge sollen zudem nur mit geringer Geschwindigkeit verkehren.

 Zugverkehr im Kali-Revier als Spielball im Kalten Krieg

Während der deutschen Teilung wurde der Eisenbahnverkehr im Kalirevier zum Spielball der beiden Machtblöcke: Unterbreizbach war auf dem Schienenweg nur über bundesdeutsches Gebiet erreichbar. Die Kalizüge aus dem DDR-Bergwerk rollten auf der Ulstertalbahn über Philippsthal-Süd nach Vacha und ursprünglich von dort nach Fahrtrichtungswechsel über Philippsthal und Heringen in Richtung Gerstungen. Auch der Weg der Züge aus den westdeutschen Kaligruben nach Bebra führte über Gerstungen und damit über ostdeutsches Gebiet. Nachdem die DDR 1952 die Durchfahrt der Bundesbahnzüge über Gerstungen gestoppt hatte, sperrte die DB im Gegenzug den Korridor über Philippsthal-Süd. Das Kaliwerk Unterbreizbach war damit über Nacht vom Schienenverkehr abgeschnitten. 

Erster sozialistischer Bahnbau

Das veranlasste die DDR-Führung 1952, eine Umgehungsstrecke von Vacha über Sünna nach Unterbreizbach zu bauen. In nur 90 Tagen wurde die Trasse bei widrigen Wetterverhältnissen fertiggestellt und als „erster sozialistischer Bahnbau“ gefeiert. 

Video: Die letzten Betriebstage der Strecke Vacha-Unterbreizbach

Weil die Strecke erhebliche Steigungen aufweist, mussten beladene Züge jedoch geteilt und mit mehreren Fahrten über den Berg nach Vacha gebracht werden. Dieser Aufwand veranlasste K+S nach der Grenzöffnung zum Bau der im Jahr 2000 fertiggestellten Grubenanschlussbahn durchs Ulstertal zwischen Unterbreizbach und Hattorf. Dafür wurden Pläne einer kriegsbedingt nie vollendeten Verbindungskurve wieder aufgegriffen. Als Folge endete der Bahnverkehr zwischen Unterbreizbach und Bad Salzungen. 

Wieder Güterverkehr zwischen Bad Salzungen und Vacha

Ab dem Jahr 2007 nahm die Interessenvereinigung Verkehrsgeschichte mittleres Werratal in Zusammenarbeit mit der Regiobahn Thüringen die Gleise zwischen Bad Salzungen und Vacha schrittweise wieder in Betrieb. Inzwischen gibt es dort wieder Güterverkehr. Die Kalitransporte aus den hessischen Gruben mussten während der Streckensperrung durch die DDR komplett über die ebenfalls sehr steigungsreiche Hersfelder Kreisbahn von Heimboldshausen nach Bad Hersfeld umgeleitet werden. Mit Ausnahme einer weiteren Sperrung von 1967 bis 1969 konnte die Bundesbahn ihren Korridorverkehr über Gerstungen ab Dezember 1954 jedoch wieder aufnehmen. Mit der Wiedervereinigung fiel die strategische Bedeutung der Hersfelder Kreisbahn weg – der Betrieb wurde 1993 eingestellt.  jce

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