Die weißen Berge sollen grün werden

K+S: Abdeckung der Halden dauert bis 2075

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Die weißen Berge im Werratal sollen grün werden.

Hersfeld-Rotenburg. Der Düngemittelhersteller K+S bereitet die Abdeckung und Begrünung der Abraumhalden des Werks Werra vor.

Am Fuß der Halde Hattorf (Philippsthal/Hohenroda) beginnt im Sommer ein sogenannter halbtechnischer Versuch, bei dem das Verfahren auf 5500 Quadratmetern Fläche erprobt werden soll. Im Anschluss soll an der Halde Wintershall (Heringen) ein Großversuch stattfinden, der die Abdeckung und Begrünung einer Böschung über die gesamte Flankenlänge umfasst. Im Jahr 2021 könnte nach den Plänen von K+S der Regelbetrieb beginnen. Durch die Verdunstungsleistung der Pflanzen könne das an der Halde entstehende Abwasser um bis zu 80 Prozent reduziert werden, erklärt Projektleiter Dr. Frank Wolf.

Die Abdeckung mit herkömmlichen Materialien wie Bauschutt und Erdaushub sei wegen der hohen, steilen Haldenböschungen nicht möglich, weil dafür viel Fläche benötigt werde und nicht genügend Material verfügbar sei. Da kein natürliches Material über ähnliche Schütteigenschaften wie das Abraumsalz verfüge, will K+S für die Abdeckung eine Mischung aus 90 Prozent Schlacke aus der Hausmüllverbrennung und zehn Prozent Asche aus der Braunkohleverbrennung verwenden. Im Regelbetrieb benötige das Unternehmen etwa 300 000 Tonnen Schlacke und 30 000 Tonnen Asche pro Jahr und Halde, erklärt Wolf.

Hausmüll-Schlacke solle per Bahn, die Braunkohle-Asche per Lastwagen angeliefert werden – an jedem Werktag pro Standort etwa ein Eisenbahnzug mit 1400 Tonnen Schlacke und sieben Lastwagen mit insgesamt 140 Tonnen Braunkohlenasche.

K+S geht davon aus, dass beide Halden bis zum Jahr 2075 komplett abgedeckt und begrünt sind. Der Kali-Bergbau endet nach derzeitigem Stand bereits 15 Jahre früher – nämlich im Jahr 2060. 

Ein Baustein aus dem Masterplan Salz: 

Die Halden-Abdeckung ist neben dem Bau der Kainit-Kristallisations-Flotationsanlage (KKF) am Standort Hattorf und der Einlagerung flüssiger Produktionsrückstände unter Tage zentraler Bestandteil des Masterplans Salzreduzierung der Flussgebietsgemeinschaft Weser – einem Zusammenschluss der Bundesländer Bayern, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bis Ende 2027 soll die Salzbelastung in der Weser schrittweise reduziert werden. Reichen die drei genannten Maßnahmen nicht aus, sieht der Masterplan außerdem den Bau einer Salzwasser-Fernleitung zur Oberweser und Produktionsdrosselungen vor.

Fragen und Antworten zur geplanten Abdeckung der Abraumhalden von K+S

So soll es aussehen: Projektleiter Dr. Frank Wolf mit der Visualisierung einer abgedeckten Abraumhalde. Im Hintergrund der Ist-Zustand des weißen Berges.

Das Land der weißen Berge wird in den kommenden Jahren sein Gesicht verändern. Bis zum Jahr 2075 sollen die beiden Abraumhalden der K+S-Standorte Hattorf und Wintershall komplett abgedeckt und begrünt sein. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Gibt es bereits Erfahrungen mit der Abdeckung von Abraumhalden? 

Etwa zwölf kleinere Abraumhalden wurden oder werden laut Projektleiter Dr. Frank Wolf in Deutschland bereits nach herkömmlichen Verfahren mit Bauschutt und Erdaushub abgedeckt. Das sei wegen der hohen, steilen Böschungen der Halden an der Werra aber nicht möglich, verdeutlicht der Diplom-Chemiker: Um eine entsprechend abgeflachte Böschung zu modellieren, wäre am Haldenfuß ein etwa 390 Meter breiter Streifen notwendig, Bauschutt und Erdaushub seien in der benötigten Menge nicht verfügbar. Deshalb setzt K+S auf die sogenannte Dünnschichtabdeckung: Etwa fünf Meter dick soll das Schlacke-Asche-Gemisch auf die Halde aufgebracht werden. Dieses Abdeckmaterial bedeckt am Haldenfuß nur einen rund 8,50 Meter breiten Streifen. Ein ähnliches Verfahren wird bereits an der Halde des K+S-Standorts Sigmundshall bei Hannover angewendet. Als Abdeckmaterial werden dort Rückstände aus dem Aluminiumrecycling verwendet. Keines dieser Projekte lässt sich daher eins zu eins auf die Halden an der Werra übertragen. Seit 2012 liefen daher erste Untersuchungen im Labor, von 2013 bis 2016 wurde bei einem sogenanntenLysimeterversuch auf einem 550 Quadratmeter großen Plateau auf der Halde Wintershall die Verdunstungswirkung untersucht.

Wie gelangt das Abdeckmaterial zur Halde? 

Die Rückstände aus der Müllverbrennung müssten etwa drei Monate ablagern und würden vor der Verwendung aufgearbeitet und dabei beispielsweise Metallreste entfernt, erklärt Frank Wolf. Für den Großversuch soll das bereits fertig gemischte Abdeckmaterial per LKW von der Autobahnabfahrt Hönebach zum „Hexentanzplatz“ am Fuße der Halde gebracht werden, wo K+S eine neue Leichtbauhalle errichtet. Im Regelbetrieb sollen die aufgearbeiteten und gesiebten Rückstände aus der Müllverbrennung per Bahn angeliefert und im K+S-Werksgelände entladen werden, die Braunkohleasche per Lastwagen. Gelagert, gemischt und befeuchtet werden soll das Abdeckmaterial am Standort Wintershall auf dem Gelände der ehemaligen Werkssiedlung an der Widdershäuser Straße. Eine ähnliche Anlage soll auch am Standort Hattorf entstehen, wo genau stehe aber noch nicht fest. Eine neue Förderbandanlage soll das Abdeckmaterial auf die Halde transportieren. Dort wird es dann – ähnlich wie auch die Salzrückstände – mit einem sogenannten Absetzer die Böschung heruntergeschüttet.

Wie funktioniert die Begrünung? 

Ein Gemisch aus Flüssigkeit und Grassamen werde auf die abgedeckten Bereiche gesprüht und somit an die Haldenflanken „geklebt“, erläutert Frank Wolf. Anfangs müssten die Flächen gedüngt und bewässert werden. Ausgesät werde eine Mischung aus vier verschiedenen Gräsern. Durch den Wind und Tiere würden im Laufe der Jahre weitere Pflanzenarten herangetragen. Langfristig werde sich an den abgedeckten Halden ein für die Umgebung typischer Bewuchs – also auch Sträucher und Bäume – entwickeln, prognostiziert der Projektleiter.

Zur Abdeckung sollen Reste aus der Müllverbrennung verwendet werden. Geht davon eine Gefahr für Menschen und Umwelt aus? 

Im Genehmigungsverfahren müsse K+S nachweisen, dass dies nicht der Fall ist, betont Unternehmenssprecherin Ivonne Balduf. Das verwendete Material sei nicht als gesundheitsschädlich oder giftig eingestuft und werde beispielsweise auch im Straßenbau eingesetzt, ergänzt Projektleiter Frank Wolf. Die mineralische Zusammensetzung sei vergleichbar mit Basalt – allerdings mit einem höheren Schwermetall-Anteil. Weniger als 0,1 Prozent davon seien wasserlöslich. Das aufgefangene Haldenwasser müsse deshalb in den Anfangsjahren in einer Aufbereitungsanlage behandelt werden. Um zu verhindern, dass der Wind das Material davonträgt, werde es in einer geschlossenen Bandanlage auf die Halde befördert und befeuchtet. Bei starkem Wind werde die Beschüttung vorübergehend eingestellt, unterstreicht der Projektleiter.

An der Halde des niedersächsischen Kaliwerks Sigmundshall ist im Jahr 2010 bei einem Starkregen die Abdeckung abgerutscht und hat eine Kreisstraße überschüttet. Droht diese Gefahr hier ebenfalls?

Insbesondere die frisch abgedeckten Bereiche könnten bei Starkregen abgespült werden. Beim Hangrutsch in Sigmundshall seien mehrere ungünstige Faktoren zusammengekommen, betont Frank Wolf: Der frisch abgedeckte Abschnitt habe in einem Randbereich ohne Haldenvorfeld gelegen. Zusätzlich sei auch der Haldengraben voll gewesen und auf dem Haldenplateau habe sich in einer bei Bauarbeiten zurückgelassenen Mulde Regenwasser gesammelt. Ein Haldenvorfeld mit Wall und Haldengraben solle mögliche Schlammlawinen abfangen. Die Gefahr, dass umliegende Orte verschüttet werden, bestehe ohnehin nicht: Die ersten Wohnhäuser seien mindestens 600 bis 800 Meter von den Halden entfernt. „Die Menge des Abdeckmaterials reicht nicht aus, um den Ortsrand zu erreichen“, unterstreicht der Diplom-Chemiker.

Wie beurteilen Umweltschützer das Vorhaben? 

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) steht dem Vorhaben kritisch gegenüber. K+S erprobe seit vielen Jahren erfolglos Verfahren zur Haldenabdeckung und Haldenbegrünung, von den verwendeten Abfallstoffen gingen zum Teil zusätzliche Belastungen aus. Selbst wenn das Vorhaben gelinge, würden die Auflösung des Haldensalzes nicht gestoppt, sondern nur verlangsamt, argumentiert der Umweltverband.

Geht es K+S bei der Haldenabdeckung in Wahrheit um den Profit durch die Entsorgung von Asche und Schlacke? 

Nein, beteuert Projektleiter Frank Wolf. Zwar erhalte das Unternehmen das Material weitgehend kostenneutral, für Transport und technische Anlagen fielen allerdings hohe Kosten an. Eine Investitionssumme für die Haldenabdeckung nennt das Unternehmen bislang nicht.

K+S stellt Pläne vor

In zwei Bürgerversammlungen, zu denen Heringens Stadtverordnetenvorsteher Detlef Scheidt eingeladen hat, will K+S die Pläne für die Haldenabdeckungen vorstellen. Sie finden am heutigen Dienstag, 6. Februar, im Bürgerhaus Heiringen sowie am morgigen Mittwoch, 7. Februar, in die Mehrzweckhalle Widdershausen statt. Beginn ist jeweils um 18 Uhr. (jce)

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