Seltene Einblicke in die Unter-Tage-Stadt von K+S

So ist es in der größten Fahrzeug-Werkstatt Europas unter Tage

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Arbeiten in der Werkstatt unter Tage: Großgeräte Mechaniker Lukas Otto (von links, 20) und der Leiter der mobilen Maschinentechnik in Hattorf-Wintershall, Peter Budesheim (50).

100 Mitarbeiter des Kasseler Kali- und Salzproduzenten K+S warten und pflegen in der Grube Hattorf-Wintershall bei Philippsthal mehr als 1000 Maschinen. Ein Besuch in der Unter-Tage-Stadt.

Einfahrt in die Grube an der Werra: Mit dem Förderkorb geht es runter in 750 Meter Teufe – die bergmännische Bezeichnung für Tiefe – mit zwölf Metern pro Sekunde. Das entspricht 43 Kilometern pro Stunde. Die Zugluft rauscht um den Helm, es ist dunkel. Auf der oberen der beiden Kaliflöze der Schachtanlage Hera angekommen, eröffnet sich eine Unter-Tage-Stadt: Es gibt dort Büros, Pausenräume, ein Straßennetz von 800 Kilometern Länge – und die größte zusammenhängende Kfz-Werkstatt Europas. Gearbeitet wird dort auf etwa 20.000 Quadratmetern rund um die Uhr im Dreischichtbetrieb.

Es gibt noch zehn weitere Revier-Werkstätten in der Grube Hattorf-Wintershall. Dort werden kleinere Reparaturen und Wartungen erledigt – um Zeit zu sparen. Denn die Anfahrt zur zentralen Werkstatt dauert. Schließlich hat die Grube eine Fläche in der Größe der Stadt Kassel, das gesamte Verbundwerk Werra sogar in der Größe der Stadt München. „Allein das Hauptschiff der zentralen Werkstatt ist 250 Meter lang“, erläutert Peter Budesheim, Leiter der mobilen Technik in Hattorf-Wintershall. Bei diesen Dimensionen steigen die Mitarbeiter gerne aufs Rad, wenn sie längere Wege zurücklegen müssen.

In der weitläufigen Halle der zentralen Werkstatt reiht sich ein riesiger Schaufellader an den nächsten. Die 50 Tonnen schweren Maschinen sind 13 Meter lang und fünf Meter breit, allerdings nur 1,65 Meter hoch, damit sie durch die flachen Strecken mit einer maximalen Deckenhöhe von 2,50 Metern passen. Ihre Schaufeln fassen zwölf Tonnen. Um sie überhaupt unter Tage zu bekommen, werden sie in Einzelteilen in einem speziellen Lastenaufzug an der Schachtanlage Herfa-Neurode transportiert.

In der zentralen Werkstatt ist es angenehm warm und trocken. Die Maschinen sehen aus wie mit Puderzucker bestäubt. Die weißen Ablagerungen lassen erahnen, wie viele feine Salzpartikel in der Luft schwirren.

„Korrosion und Rost sind unter Tage aber kein Problem, eben weil die Luft so trocken ist“, erklärt Budesheim. Die Metalle korrodierten nicht ohne Wasser oder Feuchtigkeit. „Sobald die Maschinen aber nach oben kommen, verrosten sie in kürzester Zeit“, berichtet der 50-Jährige. Deshalb sollten alle Wartungs- und Reparaturarbeiten grundsätzlich unter Tage vorgenommen werden. Neben den aktuell anfallenden Reparaturen erfolgt nach 450 Betriebsstunden die Inspektion der in der Grube eingesetzten Großgeräte in der Werkstatt.

Arbeiten in der Werkstatt unter Tage: Großgeräte Mechaniker Lukas Otto (von links, 20) und der Leiter der mobilen Maschinentechnik in Hattorf-Wintershall, Peter Budesheim (50).

Im angegliederten Magazin lagern bis zu 15 000 Teile. Warenwert: mehr als 10 Millionen Euro. Darunter sind auch 400 Reifen. Ihre Betriebsdauer beträgt bestenfalls 4000 Stunden. Das entspricht zwei Jahren. Gut 165 Zentimeter im Durchmesser misst ein Exemplar für einen zwölf Tonner Radlader. Stückpreis: 5000 Euro.

Profil haben die Reifen nicht. „Das Salz hat etwa Reibwerte wie Teer. Deshalb brauchen sie keins“, erklärt Budesheim. Gefahren werden sie mit einem Reifendruck von 8 Bar. Da kann es gefährlich werden, wenn ein Reifen platzt. „Das sind schon kleine Bomben“, sagt Budesheim.

Wichtig ist daher, dass Schäden an den Reifen rechtzeitig erkannt werden. Die Mitarbeiter werden dazu speziell geschult. Und schon beim Befüllen gilt besondere Vorsicht.

Die Reifen werden zunächst auf 1 Bar vorgepumpt und anschließend in einem speziellen Käfig bis auf 8 Bar vollständig aufgepumpt. Sollten sie dann platzen, kann nichts passieren. In diesem Sinne: Glück auf!

K+S beschäftigt 6000 Mitarbeiter in Nord- und Osthessen

Das heutige Verbundwerk Werra des Kasseler Kali- und Salzproduzenten K+S entstand im Jahr 1997 durch den Zusammenschluss der vier ehemals eigenständigen Werke Hattorf und Winters-hall in Hessen sowie Unterbreizbach und Merkers in Thüringen. Es ist der größte Standort des Konzerns. Mit einer jährlichen Fördermenge von rund 19 Millionen Tonnen Rohsalz entfallen etwa 45 Prozent der gesamten Produktionskapazität auf das Werk.

Es verfügt über zwei produzierende Gruben: die Grube Hattorf-Wintershall und die Grube Unterbreizbach. Diese sind über ein sogenanntes Rollloch verbunden. Das ist eine senkrechte, schachtartige Verbindung von einer oberen in eine darunterliegende Strecke. Durch ein solches Rollloch wird Rohsalz aus der Grube Unterbreizbach in die Grube Hattorf-Wintershall transportiert. Dazu wird es vom höheren Flöz Hessen in den tieferen Flöz Thüringen geschüttet.

Neben Düngemitteln stellt das Kaliwerk Vorprodukte für verschiedene technische und industrielle Anwendungen sowie für die Pharma-, Lebensmittel- und Futtermittelindustrie her. K+S ist heute die einzige verbliebene Firma, die in Deutschland Kalibergbau betreibt. Der Konzern ist vorwiegend in Europa sowie Nord- und Südamerika tätig und beschäftigt weltweit über 15 000 Mitarbeiter, davon 10 000 im Inland und davon wiederum 6000 Menschen in Nord- und Osthessen. Das börsennotierte Unternehmen hat im vergangenen Jahr 3,6 Milliarden Euro umgesetzt und einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) in Höhe von 577 Millionen Euro erreicht.

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