Die Würde des Geschöpfs achten

Interview: Pfarrer Waap aus Heringen über Jagd und Kirche

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Wirbt für den bewussten Umgang mit Natur und Geschöpfen: Heringens Pfarrer Thorsten Waap ist seit seiner Jugend selbst Jäger und hält am 3. November den Hubertusgottesdienst der Hegegemeinschaft Werra in Heimboldshausen.

Zu Ehren des Schutzpatrons der Jagd wird am 3. November in der Kirche Heimboldshausen Hubertusmesse gefeiert. Wie passt das mit dem Gebot "Du sollst nicht töten" zusammen?

Mit dem Heringer Pfarrer Thorsten Waap, der den Gottesdienst hält, sprachen wir über die Achtung vor der Schöpfung und den Stellenwert von Traditionen.

Jagd und Kirche – passt das überhaupt zusammen?

Für mich passt es schon aus biografischen Gründen zusammen: Ich bin auf dem Dorf mit der Natur groß geworden. Mit 16 Jahren habe ich meinen Jugend-Jagdschein gemacht. Ich war also erst Jäger und bin danach Pfarrer geworden. Natur, Landwirtschaft und Jagd standen früher im Zusammenhang. Dazu gehörte auch die Kirche. Inhaltlich liegt das nahe, weil sich kirchliche Rituale relativ früh darauf bezogen haben – auf Landwirtschaft im Erntedankfest und auf die Jagd in der Hubertusmesse.

Was ist mit dem fünften Gebot – Du sollst nicht töten?

Das ist so eine Sache. Ursprünglich bedeutet es: Du sollst nicht morden. Das bezieht sich also ausschließlich auf die Mitmenschen. Trotzdem gibt es in der Bibel unterschiedliche Linien. In der Schöpfungsgeschichte wird deutlich, dass die Menschen anfangs nur zum Vegetarismus geschaffen waren. Erst nach der Sintflut wurde der Fleischverzehr erlaubt.

Wer war eigentlich dieser Hubertus?

Hubertus von Lüttich war ein junger Adeliger, mit dem die Leidenschaft für die Jagd und vor allem fürs Beutemachen durchgegangen ist. Er schoss auf alles, was bejagbar war. Dann hatte er eine Christus-Vision: Ihm erschien ein Hirsch mit einem Kruzifix im Geweih. Danach begann er, die Geschöpfe zu achten. Rund um diese Legende ist die ritualisierte Form der Waidgerechtigkeit entstanden – eine christliche Verpflichtung zu einem würdevollen und ehrenhaften Umgang mit der Natur.

Welche Bedeutung hat diese Legende heute?

Ich finde, dass diese Legende eine wichtige Bedeutung hat, weil sie sich in meinen Augen auf mehr erstreckt als nur die Jagd. Es geht im übertragenen Sinne auch darum, dass die „Jagd“ nach immer mehr uns von der Natur und der Würdigung der Geschöpfe entfernt hat – und dass wir Menschen endlich davon ablassen sollten. Was wir heute beispielsweise im Bereich der Massentierhaltung machen, ist eine schreckliche Entwicklung. Bei der Jagd geht es immer auch darum, eine Leidenschaft für die Natur zu entwickeln. Und ein erlegtes Wildtier als Fleischlieferant ist natürlicher aufgewachsen als alles andere.

Ist Heiligenverehrung nicht eher in der katholischen Kirche angesiedelt?

Das stimmt. Für uns ist es aber keine Verehrung im engeren Sinne, sondern ein Gedenken an Menschen, die uns im Glauben Vorbild sind. Wir beten auch nicht zu ihnen, sondern wir würdigen sie und lassen uns ihr Lebenszeugnis nahebringen. Das ist mit St. Martin ganz ähnlich. „Heilig“ meint erst einmal einen ganz auf Gott bezogenen Menschen, der uns einen Aspekt des Lebens erschließt, von dem man denkt: Ja, so möchte ich eigentlich auch gerne leben, so müsste es sein.

Ist jagdliches Brauchtum überhaupt noch zeitgemäß oder ein überkommenes Relikt vergangener Jahrhunderte?

Es ist ein Relikt aus früheren Jahrhunderten und durch seine spezifische Sprache auch immer noch abgegrenzt. Ich glaube aber, dass es heute wichtiger denn je ist. Wir können es uns eigentlich nicht mehr erlauben, weitere Traditionen abzubauen und Überlieferungszusammenhänge zu zerschlagen. Diese bittere Entwicklung erlebe ich etwa auch im Blick auf das Erntedankfest, dessen Bedeutung sich im Vergleich zu früher massiv verringert hat. Es zeigt mir, dass mit dem Niedergang unserer Landwirtschaft auch der Bezug zur Natur immer mehr abnimmt. Im jagdlichen Brauchtum werden die Würde des Geschöpfs und unsere Mitgeschöpflichkeit zelebriert. Alle Rituale haben eine tiefe Bedeutung. Es ist wichtig, diese Zusammenhänge lebendig zu erhalten.

Was erwartet die Gottesdienstbesucher bei der Hubertusmesse?

Sie erwartet ein stimmungsvoller Gottesdienst, der sich intensiv mit dem Verhältnis von Mensch und Geschöpf auseinandersetzt – und der auch kritische Töne haben wird, mit Blick auf Hubertus von unserer modernen Raserei abzulassen und zu überlegen, was es bedeutet, sich immer weiter von der Natur zu entfernen. Es geht um den Widerspruch, einerseits zu beklagen, dass die Jäger das arme Bambi totschießen, aber andererseits Billigfleisch beim Discounter zu kaufen. Uns geht es darum, ein anderes Verhältnis zu unserem Leben selbst zu bekommen.

Also lohnt sich der Gottesdienstbesuch auch für Nichtjäger?

Er lohnt sich absolut für Nichtjäger. Man kann sogar durchaus mit kritischer Haltung dorthin kommen. Es geht uns darum, mit inhaltlich scharfem Blick, aber auch in einer klaren Form – mit Jagdhornklängen und auch passendem Orgelchoral – die Schöpfung zu feiern und unseren Umgang mit ihr zu bedenken.

Hintergrund: Gottesdienst am Hubertustag

Zur Hubertusmesse laden die Jäger der Hegegemeinschaft Werra, in der 22 Jagdbezirke im Ostteil des Landkreises zusammengeschlossen sind, für den Hubertustag, Sonntag, 3. November, in die evangelische Kirche im Philippsthaler Ortsteil Heimboldshausen ein. Bei der Ausrichtung werden die Jäger vom Kreativkreis sowie vom Posaunenchor der evangelischen Kirchengemeinde Heimboldshausen unterstützt. Der Gottesdienst mit Pfarrer Thorsten Waap beginnt um 14.30 Uhr. Für die musikalische Begleitung sorgen gemeinsam die Jagdhornbläser des Kreisjagdvereins Hersfeld sowie der Jägervereinigung Rotenburg. Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es im benachbarten Martin-Luther-Haus Kaffee und Kuchen sowie einen herzhaften Imbiss und kalte Getränke.

Zur Person

Dr. Thorsten Waap (50) ist im Haunetaler Ortsteil Holzheim aufgewachsen. Nach Theologiestudium und Assistenztätigkeit an der Universität Marburg trat er im Jahr 2001 seine Stelle – damals noch als einer von zwei Pfarrern – in der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Heringen an. Seit dem Jahr 2016 ist er zudem stellvertretender Dekan des Kirchenkreises Hersfeld. Waap ist verheiratet und hat zwei Töchter sowie einen Sohn. Die Familie lebt in Heringen. Über die Grenzen des Werratals hinaus ist Thorsten Waap als Musiker und Liedermacher bekannt. 

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