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Tonnen von Giftmüll in Hessen: Das ist einer der giftigsten Orte der Welt

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Von: Diana Rissmann, Alina Schröder

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Mehrere Tonnen Giftmüll: In Hessen werden untertage Millionen Fässer mit giftigen Schadstoffen gelagert.
Mehrere Tonnen Giftmüll: In Hessen werden untertage Millionen Fässer mit giftigen Schadstoffen gelagert. © Uwe Zucchi/dpa

Unter einer Kleinstadt in Hessen lagern tonnenweise Gift-Abfälle aus Europa und den USA. Eine Bürgerinitiative hat jetzt Angst vor einem Super-GAU.

Heringen – Arsen, Cyanid und Quecksilber sind einige der giftigsten chemischen Stoffe auf unserem Planeten. In hohen Dosierungen sind sie für Mensch und Tier tödlich. Doch viele Menschen in Deutschland wissen gar nicht, dass vielleicht nur wenige Kilometer entfernt einer der giftigsten Orte der Welt liegt - nämlich in Hessen.

In der osthessischen Untertagedeponie heißt Herfa-Neurode - einem Teil der Grube Hattorf-Wintershall des K+S-Verbundwerks Werra, befindet sich mehrere hundert Meter unter der Erde tonnenweise toxischer Müll, mit dem man laut ZDF Info die komplette Menschheit vergiften könnte. Das hochgefährliche Lager der Untertagedeponie erstreckt sich unterhalb der Stadt Heringen im Kreis Hersfeld-Rotenburg und ist die größte unterirdische Deponie für gefährliche Abfälle. Eine Bürgerinitiative ist wegen des toxischen Mülls allerdings äußerst besorgt, wie Deutschlandfunk.de berichtet.

Mitten in Hessen: Große Giftmüll-Deponie in Heringen

Die Untertagedeponie Herfa-Neurode gehört zu dem örtlichen Verbundbergwerk des internationalen Bergbaukonzerns Kali und Salz (kurz: K+S) mit Sitz in Kassel*. Das Unternehmen baut Rohstoffe unter anderem in der Region von Heringen ab, hauptsächlich mineralische Düngemittel, die weltweit in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen, verkauft werden die Produkte aber auch weltweit zum Beispiel an die Chemieindustrie. Die giftigen Abfälle in der Untertagedeponie sind keine Abfälle von K+S, sondern werden dort für andere Firmen eingelagert, sagt K+S-Pressesprecher Marcus Janz.

Untertagedeponie Herfa-Neurode
Standort:Heringen (Kreis Hersfeld-Rotenburg), Teil der Grube Hattorf-Wintershall
Betreiber:K+S GmbH
Eröffnung:1972
Mitarbeiter:70 (Stand: 2021)

Eröffnet wurde die giftige Mülldeponie Herfa-Neurode im Jahr 1972. Seitdem lagern dort Millionen Tonnen Arsen, Cyanid, mit Quecksilber belastete Erde oder Aluminium-Filterstäube aus Deutschland, Europa und den USA. Insgesamt habe die Untertage-Deponie auch nur sieben Eingänge von der Erdoberfläche, erklärte Bergbauingenieur und ehemalige Leiter der Bergaufsicht im Regierungspräsidium Kassel, Udo Selle, gegenüber dem Deutschlandfunk. Nachdem Giftmüll abgelagert wurde, würden diese auch mit wasserdichten Tonschichten wieder „langzeitsicher verschlossen“.

Millionen Fässer Giftmüll in Hessen: 2016 kommt es zum Brand in der Deponie

Doch obwohl das hochgiftige Lager sicher verschlossen wird, können potenzielle Gefahren weiterhin auftreten. So wie 2016: In diesem Jahr kam es in der Giftmüll-Deponie zu einem Brand. Der Heringer Bürgermeister Daniel Iliev erinnert sich an den damaligen Vorfall. „Für uns ist das nicht gang und gäbe, das kommt auch nicht so oft vor und natürlich hat man da selber als Bürgermeister einen Schrecken und ist froh, wenn es dann tatsächlich auch nur ein Schrecken ist mit Ende. Aber wir haben hier auch ein großes Vertrauen vor Ort.“ Das bestätigt auch ein Zitat des ehemaligen Heringer Bürgermeisters Hans Ries:  „Es hat hier nie eine negative Diskussion darüber gegeben“.

„Es gibt immer Abfälle, die sich entzünden können, wenn sie nicht richtig sortiert worden sind. Das ist in der Tat schon häufiger passiert, auch in der Untertage-Deponie Herfa-Neurode“, sagte Udo Selle im Deutschlandfunk. Das passiert etwa durch chemische Reaktionen aufgrund von feuchtem Müll. Die Aufsichtsbehörde sei aber mit Notfallkonzepten stets vorbereitet und wisse zu handeln.„Irgendwo müssen ja auch die Sonder- und Giftmüllstoffe hin“, so Iliev. Als Gemeinde habe man sich damit bereits abgefunden. Doch stimmt das wirklich?

Giftmüll in Hessen: Bürgerinitiative sorgt sich um Gesundheit der Menschen

Auf einige scheint dies nicht zuzutreffen. Das hochgiftige Lager Untertage bereitet der Bürgerinitiative „Für ein lebenswertes Werratal“ weiter Sorgen - besonders seit dem Brand 2016. Man vermute, dass damals gefährliche Dämpfe durch den Schacht nach außen gedrungen sind und der Gesundheit von Mensch und Tier geschadet haben könnten. Die zuständige Behörde habe daraufhin die Frage der Initiative nach Luftmessungen verneint. Dies sei nicht nötig gewesen, da potenziell entwichene Dämpfe keinen Einfluss auf die Umwelt hätten.

Trotz allem sind Mitglieder der Bürgerinitiative, die hauptsächlich Kritik an der Entsorgung der Salzabwässer von K+S übt, auch in Sorge wegen der Untertagedeponie: Einige fürchten unbeobachtete Wassereinbrüche in Herfa-Neurode, die das Trinkwasser künftig mit Giftstoffen kontaminieren könnten. Besonders das Metall Arsen gilt als äußerst krebserregend. Die staatliche Bergaufsicht in Bad Hersfeld plane allerdings nicht, die große unterirdische Giftmüll-Deponie nach einer endgültigen Versiegelung durch Ton noch länger zu beobachten. Laut Udo Selle vertraut man voll und ganz auf das umliegende Salz, was die Abfälle später vollständig und sicher umschließen soll. (Alina Schröder)

Das sagt Arnd Schneider, Leiter der Untertagedeponie:

Die Untertagedeponie Herfa-Neurode (UTD) ist die weltweit älteste und größte Deponie ihrer Art. Nur im Salzgestein ist es möglich, gefährliche Abfälle mit erhöhtem Schadstoffspektrum, die nicht mehr anderweitig verwertet oder recycelt werden können, langfristig sicher zu beseitigen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Rückstände aus Müllverbrennungsanlagen – also um Überbleibsel von uns allen. Auch werden in der UTD nicht verwertbare Rückstände aus der Industrie gelagert, u.a. aus der Automobilproduktion, die auf diese Entsorgungsmöglichkeit angewiesen ist.

Die Deponie befindet sich auf der zweiten Sohle der Grube Hattorf-Wintershall in einer Tiefe von rund 750 Metern. Schon die besonderen geologischen Gegebenheiten bieten einen großen Schutz, damit die eingelagerten Abfälle nie mehr mit der Biosphäre in Berührung kommen: Sie befinden sich in einem 300 Meter mächtigen Paket aus gasdichtem Salzgestein, in dem es keine Wasserzuläufe gibt. Darüber liegt eine 100 Meter dicke, wasserdichte Tonschicht, die das Grundwasser von der Salzbarriere fernhält, sowie rund 500 Meter weitere Gesteinsschichten wie Buntsandstein und Muschelkalk, bis zur Erdoberfläche.

Bei der Einlagerung werden weitere künstliche Barrieren geschaffen, um die gefährlichen Abfälle hermetisch und langfristig sicher von der Außenwelt (Grubengebäude/Biosphäre) abzuschirmen: Sie befinden sich in dichten Verpackungen, die passend zum Abfallstoff ausgewählt werden, wie Kunststoffsäcke (Big Bags) oder Fässern und Containern aus Stahlblech, die wegen der geringen Luftfeuchtigkeit in der Grube nicht rosten. Eingelagert werden die Abfälle je nach Stoffgruppe in verschiedenen Bereichen der Untertagedeponie, die regelmäßig mit Ziegelsteinmauern in kleinere Unterbereiche unterteilt und damit zusätzlich abgeschottet werden.

Schon bei der Auswahl der Abfälle, die die Deponie annimmt, werden hohe Sicherheitsmaßstäbe angelegt. So sind radioaktive, flüssige und infektiöse Stoffe von der Annahme ebenso ausgeschlossen wie biologisch abbaubare, geruchsbelästigende oder ausgasende. Auch Abfälle die explosiv oder leicht entzündlich sind, nimmt die Untertagedeponie nicht an. Jede Anlieferung wird im deponieeigenen Labor untersucht, damit die angelieferten Stoffe auch der Deklaration entsprechen, ehe sie in die Grube gebracht werden. Anhand der Proben kann jede Anlieferung seit der Eröffnung der Deponie 1972 lückenlos nachverfolgt werden.

All das sind wichtige Teile des Sicherheitskonzepts der Untertagedeponie Herfa-Neurode, die damit als erste ihrer Art weltweit einen Standard gesetzt hat, der kontinuierlich weiterentwickelt wird. Alle vier Jahre muss die langfristige Sicherheit der Deponie für einen Zeitraum von 100.000 Jahren gegenüber der Aufsichtsbehörde nachgewiesen werden, die den Betrieb der Deponie kontinuierlich und streng überwacht.

Abfälle von K+S haben in der Vergangenheit für Ärger gesorgt: Gegen das Unternehmen aus Kassel lief unter anderem ein Verfahren wegen Versenkung von Salz-Abwässern in der Werra*. Auch in anderen Regionen gibt es Probleme mit Begbau-Altlasten - so zum Beispiel im nahe Heringen gelegenen Richelsdorf, wo der Boden aus Zeiten des Kupferschieferbergbau der Richelsdorfer Hütte mit Arsen verseucht* - die Beseitigung des krebserregenden Stoffes verschlingt Millionen. *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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