Bahnübergang probehalber öffnen

Testlauf für Kraftwerkstraße in Heringen

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Ungenutzt: Die Straße, auf der der Lieferverkehr zur Heringer Müllverbrennungsanlage (hinten rechts, links daneben der K+S-Standort Wintershall) die Wölfershäuser Straße umgehen soll, wurde noch immer nicht freigegeben, weil der zugehörige Bahnübergang (links) beim Rangieren von Kalizügen blockiert wird. Ob vor der Schranke wartende Lastwagen für Verkehrsbehinderungen auf den Landesstraßen sorgen, soll nun ein Praxisversuch zeigen.

Rund sechs Jahre nach ihrer Fertigstellung könnte die Kraftwerkstraße in Heringen für einen etwa sechswöchigen Probebetrieb geöffnet werden.

Das jedenfalls streben die Stadt Heringen, der Kraftwerksbetreiber EEW, der Düngemittelhersteller K+S sowie die Straßenbauverwaltung Hessen Mobil an, wie Heringens Bürgermeister Daniel Iliev auf Nachfrage unserer Zeitung erklärte. 

Bei diesem Praxisversuch soll geprüft werden, ob der Lieferverkehr zur Heringer Müllverbrennungsanlage bei geschlossenen Schranken einen Rückstau auf den angrenzenden Landesstraßen verursacht. Wegen dieser Befürchtung durfte die bereits im Jahr 2014 fertiggestellte Umgehungsstrecke für Müll-Lkw und den landwirtschaftlichen Verkehr bislang nicht eröffnet werden. Denn durch einen Planungsfehler wird der zugehörige Bahnübergang beim Rangieren für längere Zeit von Kalizügen blockiert. Hessen Mobil fürchtet deshalb, dass sich wartende Lastwagen auf der Landesstraße nach Wölfershausen und in den Kreuzungsbereich der Wölfershäuser Straße zurückstauen. 

Als Lösung wurde bislang der Bau einer mindestens rund 1,2 Millionen Euro teuren Gleisverlängerung ins Auge gefasst, durch die die Züge den Bahnübergang komplett überfahren und so schneller freimachen würden. Dieses Vorhaben ist laut Iliev allerdings durch den Widerstand betroffener Grundstückseigentümer in weite Ferne gerückt. Der Rathauschef geht allerdings anhand der vom Kraftwerksbetreiber EEW vorgelegten Zahlen zum Lieferverkehr davon aus, dass es auch ohne die Gleisverlängerung nicht zum befürchteten Rückstau kommen wird: Aus Richtung Wölfershausen seien als Rechtsabbieger lediglich vereinzelte landwirtschaftliche Fahrzeuge zu erwarten, die zudem auf einen weiteren Bahnübergang ohne Rangierbetrieb ausweichen könnten. Weil die Ortsdurchfahrt Wölfershausen nach Fertigstellung der Wölfershäuser Straße für den Verkehr über 3,5 Tonnen gesperrt werde, kämen aus dieser Richtung keine Müll-Laster mehr. Für Lkw, die aus Richtung Friedewald und Hönebach über die Ortsumgehung Wölfershausen anfahren, stehe wiederum vor dem Bahnübergang eine 50 Meter lange Linksabbiegerspur zur Verfügung. Der Bürgermeister hofft, dass die Kraftwerkstraße durch diesen Vorschlag ohne weitere Verzögerungen und teure Bauarbeiten endlich eröffnet werden kann.

Für den angedachten Probebetrieb sieht Iliev nun die Deutsche Bahn am Zug, die den Bahnübergang entsprechend umrüsten und freigeben müsste. Ein von der Stadt angefragter Gesprächstermin mit dem Schienennetzbetrieber stehe noch aus.

„Es folgt im nächsten Schritt eine gemeinsame Abstimmung mit der Stadt und dem Eisenbahnbundesamt, unter welchen Voraussetzungen und Randbedingungen ein probeweiser Betrieb des Bahnübergangs möglich wäre“, teilt dazu die Pressestelle der Deutschen Bahn auf Nachfrage unserer Zeitung mit. 

Von Jan-Christoph Eisenberg

Hintergrund

Projekt brachte Stadt insSteuer-Schwarzbuch

Ursprünglich sollte der Kraftwerksbetreiber EEW die Umgehung der Wölfershäuser Straße für den Lieferverkehr als Privatstraße selbst bauen. Da drei Eigentümer ihre Flächen nicht verkaufen wollten, übernahm die Stadt jedoch das Projekt, sodass die Grundstücke enteignet werden konnten. EEW trägt im Gegenzug die damals ermittelten Baukosten in Höhe von zwei Millionen Euro. Dieser Betrag reduziert sich allerdings um dem Betreiber bereits entstandene Ausgaben in Höhe von 550 000 Euro. Gekostet hat die Kraftwerkstraße unterm Strich jedoch rund 3,45 Millionen Euro. Heringen bleibt somit auf rund 1,02 Millionen Euro sitzen, was der Stadt im Jahr 2017 einen Eintrag ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler eingebracht hatte. (jce)

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