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Rückkehr zu G9 im Werratal: Schulleiter Christoph Peters im Interview

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Von: Jan-Christoph Eisenberg

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Schulleiter Christoph Peters hat auf der Tafel im Klassenraum G8 durchgestrichen und G9 dahinter geschrieben.
Abkehr von G8: Für Schulleiter Christoph Peters überwiegen bei der Rückkehr der Heringer Werratalschule ab dem kommenden Schuljahr zum Abitur nach neun Jahren die pädagogischen Vorteile. © Jan-Christoph Eisenberg

Die Heringer Werratalschule kehrt zum kommenden Schuljahr vom umgangssprachlich auch als „Turbo-Abi“ bekannten G8-System zu G9 zurück. Wir sprachen mit Schulleiter Christoph Peters.

Heringen - Abiturienten erlangen ihre Hochschulreife damit künftig wieder nach neun statt wie bislang nach acht Jahren an der weiterführenden Schule. Über die Gründe und Auswirkungen sprachen wir mit Schulleiter Christoph Peters.

Die Werratalschule kehrt zu G9 zurück. Ist G8 gescheitert?

Gescheitert würde ich nicht sagen. Aber die jetzige Zeit fordert ein anderes Modell. Als G8 eingeführt wurde, war das die richtige Antwort auf die damalige Entwicklung – auch regional, wegen der Konkurrenzsituation zu Thüringer Gymnasien. Mittlerweile macht sich ein anderer Trend bemerkbar: Eltern sowie Schülerinnen und Schüler wünschen sich mehr Lernzeit. Es gab natürlich auch Schwächen in der Umsetzung von G8. Aber grundsätzlich hat dieses System hier funktioniert.

Was war dann ausschlaggebend für den Wechsel?

Die pädagogischen Vorteile überwiegen für uns. Die Gymnasialschüler haben ein zusätzliches Schuljahr zum Lernen. Die Unterrichtsstunden pro Woche und damit die Stofflast werden deutlich reduziert. Dadurch können wir die Schülerinnen und Schüler mit Lerndefiziten gezielter unterstützen und auch leistungsstarke Kinder besser fördern. Durch den späteren Start der zweiten Fremdsprache wird außerdem die Durchlässigkeit für Realschüler in den Gymnasialzweig erhöht.

Welche Rolle hat Corona bei Ihrer Entscheidung gespielt?

Das hat es auf jeden Fall beschleunigt. Wir merken, dass die Kinder durch das lange Distanzlernen mit ganz unterschiedlichen Lernfortschritten zu kämpfen haben, die wir in der Schule kompensieren und aufholen müssen.

Schüler, Eltern, Kollegium – von wem ging die Initiative für den Wechsel aus?

Es ist im ersten Schritt von uns in der Schulleitung diskutiert worden. Mit unserem Konzept sind wir dann an die Gesamtkonferenz herangetreten. Ich habe schnell gemerkt, dass in allen Gremien eine sehr große Zustimmung herrschte. Bis heute habe ich so gut wie kein kritisches Wort dazu gehört. Im Gegenteil. Auch die Elternschaft hat sich das sehr gewünscht.

Die anderen Schulen im Kreis sind teilweise deutlich früher zu G9 zurückgekehrt. Warum haben Sie so lange gewartet?

Hinter G8 stand ein festes Konzept, das auch funktioniert hat. Die Abiturergebnisse der G8- und G9-Jahrgänge waren durchweg vergleichbar. Deshalb haben wir einen vorzeitigen Wechsel zurück nicht in Erwägung gezogen. Jetzt hat sich die Sachlage geändert.

Wie wird der Übergang konkret gestaltet – bleiben die laufenden Jahrgänge nun ein Jahr länger in der Schule als zunächst gedacht?

Nein. Die laufenden Jahrgänge werden nicht einbezogen. Der Wechsel greift ab dem Schuljahr 2022/2023 mit der neuen Jahrgangsstufe 5. Die Eltern der laufenden Jahrgänge haben ihre Kinder für das G8-System angemeldet und müssen sich darauf verlassen können. G8 läuft damit aus. Wir stützen die Schülerinnen und Schüler in diesem System durch ein besonderes Lernzeitmodell.

Also wird es im Umkehrschluss im Sommer 2030 voraussichtlich keine Abiturienten an der Werratalschule geben?

Das wird sich zeigen. In dem sogenannten Nuller-Jahrgang werden wir keine eigenen Gymnasialschüler haben, die in die Oberstufe kommen. Es gibt aber zahlreiche Schüler von anderen Schulen, Realschüler und Schüler aus thüringer Regelschulen, die für das Abitur zu uns wechseln. Nach Möglichkeit möchten wir deshalb durchgehend ein Angebot machen und die Oberstufe durchlaufen lassen – dann eben vorübergehend mit weniger Schülern und einem besonderen Konzept. Wir sind aber ohnehin schon immer eine kleine Oberstufe gewesen, die mit flexiblen Modellen gearbeitet hat.

Bestünde nicht die Möglichkeit, G8 und G9 dauerhaft parallel anzubieten?

Dazu haben wir zu wenige Schüler. Außerdem gehe ich davon aus, dass die Nachfrage nicht da sein wird. Andere Schulen, beispielsweise in Rotenburg, haben das auch versucht. Wenn es ein G9-Angebot gab, wurde G8 nicht angenommen.

Hat der Wechsel Auswirkungen auf den doppeltqualifizierenden Bildungsgang Abitur und Chemisch-Technische Assistenz (CTA)?

Nein. Die Schulzeit wird in der Mittelstufe von G8 auf G9 verlängert. Statt nach der neunten wechseln die Schüler nach der zehnten Klasse in die Oberstufe, wo Doppelqualifizierung anfängt. Viele der externen Abiturienten kommen wegen der CTA-Ausbildung zu uns. Deshalb haben wir die Hoffnung, dass wir auch den Jahrgang ohne eigene Gymnasialschüler weiter laufen lassen können.

Thüringen hält weiter an G8 fest – schon seit 1949. Warum läuft dort offenbar reibungslos, was in Hessen nicht funktioniert?

Ich bin mir nicht sicher, ob es dort reibungslos läuft – gerade in der jetzigen Zeit. Wir haben Anfragen aus Thüringen, in denen die Verunsicherung der Eltern deutlich wird, ob der verkürzte Bildungsgang der richtige ist. Natürlich funktioniert G8 in Thüringen schon sehr lange. Vielleicht ist der Wechsel in Hessen damals nicht ganz optimal umgesetzt worden. Auch von Thüringer Eltern hören wir aber zunehmend den Wunsch nach einer zeitlichen Entlastung für ihre Kinder, weil der Druck einfach zu groß ist.

Haben Sie keine Angst, Schüler an die Gymnasien in Gerstungen oder Vacha zu verlieren, weil sie dort das Abitur ein Jahr früher in der Tasche haben?

In allen Gesprächen mit Eltern war der Grundtenor, dass man sich für die Kinder wieder mehr Zeit zum Lernen und eine Entlastung wünscht. Mehr Freiraum für Übung und Festigung des Gelernten, aber auch für schulische Arbeitsgemeinschaften oder Vereinsaktivitäten. Deshalb mache ich mir da keine Sorgen, sondern denke eher, dass sich einige Thüringer für das Abitur bei uns in Hessen entscheiden werden.

Auch Schüler aus anderen Mittelstufen legen ihr Abitur in Heringen ab. Bemerken Sie einen Unterschied zwischen G8- und G9-Schülern, die zu Ihnen in die Oberstufe kommen?

Im Großen und Ganzen nicht. Die G8-Schüler haben auf keinen Fall einen Nachteil. Sie hatten allerdings während ihrer Laufbahn weniger Zeit zum Üben und Festigen. Und sie sind ein Jahr jünger, wenn sie in die Oberstufe kommen. Im G9-System sind die Schüler dann schon weiter in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und werden im Laufe der Oberstufe volljährig. Das hat natürlich viele Vorteile und kommt der pädagogischen Arbeit zugute. (Jan-Christoph Eisenberg)

Hintergrund

Das Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe (auch achtjähriges Gymnasium, G8) wurde zwischen 2012 und 2015 in fast allen Bundesländern eingeführt. Grundlage waren ökonomische Überlegungen der Bertelsmann-Stiftung und anderer Institutionen, nach denen Abiturienten ein Jahr früher ihren Beruf beginnen und entsprechend früher Steuern und Sozialabgaben zahlen sollten. Hessen führte die verkürzte Gymnasialzeit 2004 bindend ein, die Heringer Werratalschule hatte im Zuge eines Modellversuchs schon zwei Jahre zuvor damit begonnen. Die Reform wurde nach massiver Kritik schrittweise zurückgenommen: Kooperative Gesamtschulen durften seit 2008 zurück zu G9. Seit dem Schuljahr 2013/14 besteht Wahlfreiheit – Schulen können selbst bestimmen, ob sie G8, G9 oder beides anbieten. Zunächst als Schulversuch gestartet, ist die Möglichkeit, G8 und G9 an einer Schule parallel laufen zu lassen, inzwischen auch im Hessischen Schulgesetz verankert. (jce)

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