Die Weite Welt und wir

Im Land der vielen Seen: Kurt Pusch aus Heringen wanderte nach Kanada aus

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Zwei Heringer in Kanada: Kurt Pusch mit Anneliese Brand, geborene Stein.

In unserer Serie „Die weite Welt und wir“ erzählt heute Kurt Pusch aus Heringen, der nach Kanada ausgewandert ist, seine Geschichte. 

Viele haben Kurt Pusch wohl für verrückt gehalten, als er seinem Heimatort Heringen den Rücken kehrte, um mit seiner Ehefrau Käte und zwei Kindern ein neues Leben im Luftline fast 7000 Kilometern entfernten Kanada zu beginnen. Denn was auch heute noch als Abenteuer gilt, war im Jahr 1957 umso ungewöhnlicher. Seit 63 Jahren lebt Pusch nun also in dem noch jungen Land, das im Süden an die USA grenzt und im Norden bis über den Polarkreis reicht. Heute, am 23. März, feiert er seinen 90. Geburtstag.

Die neue Heimat von oben: Kurt Pusch aus Heringen ist vor 63 Jahren nach Kanada ausgewandert und lebt heute in North Bay. 

Aufgewachsen und zur Schule gegangenen ist Pusch in Heringen. In der Werra-Mühle hat er den Beruf des Kaufmanns gelernt, später war er fünf Jahre in der Grube Wintershall beschäftigt. 1952 heiratete er seine Käte, die beiden Kinder waren fünf und sechs, als es ins Ausland ging. Auf die Idee gebracht habe ihn damals sozusagen Anneliese Brand, geborene Stein, die einst in der selben Straße wie Pusch gewohnt hatte und selbst nach Kanda gegangen war. Beide waren in Kontakt geblieben.

Als passionierten Jäger und Angler habe ihn vor allem die Landschaft mit tausenden von Seen und viel Wald sowie die Größe des Landes fasziniert, berichtet er am Telefon. Und schon schnell sei klar gewesen: Es gibt kein Zurück mehr. Zwar sprachen weder er noch der Rest seiner Familie Englisch, doch alle lernten die Sprache dank Kursen und Übung im Alltag recht schnell. „Ich suchte mir Arbeit, zunächst kleinere Jobs, etwa in einem Lebensmittelgeschäft“, so Pusch, der schließlich bis zur Rente 1994 26 Jahre lang bei Trans Canada beschäfigt war. Das inzwischen umbenante Unternehmen betreibt in Nordamerika Pipelines zur Erdgas- und Erdölversorgung. „Ein großer Fortschritt vom Kaufmann zum Techniker“, sagt der Senior rückblickend. Ein Exot war Pusch als Deutscher in Kanada übrigens nicht, er gehörte bis zur Auflösung aus Altersgründen sogar einem deutschen Club an.

Kurt Pusch mit einem Urenkel.

Zunächst lebten die Puschs in Toronto, doch nach einem Besuch bei Anneliese Brand im rund 350 Kilometer weit entfernten North Bay zogen sie ebenfalls dorthin. „Ich war begeistert von der Natur und den vielen Seen und ich bin kein Stadtmensch“, so Pusch. North Bay gehört zur Provinz Ontario und verdankt seinen Namen der Lage am Ufer des Lake Nipissing.

Nach fünf Jahren erhielten Kurt Pusch und seine Familie die kanadische Staatsbürgerschaft. Bereut habe er diesen Schritt nie – im Gegenteil. Inzwischen habe er das ganze Land gesehen, und die weiten Entfernungen und die damit verbundenen weite Wege hätten eben auch ihren besonderen Reiz. „In Deutschland fühlt es sich sehr beengt an“, findet Pusch. Drei Tage Autofahrt entfernt lebt sein Sohn, „nur“ acht Stunden sind es zur Tochter. Alle drei Kinder leben mit ihren Familien in Kanada. Das letzte Mal in Deutschland war Pusch 2013, um seine mittlerweile verstorbene Schwester in Heringen zu besuchen. Auch seine Frau ist bereits verstorben. Seit 2011 lebt er mit Ingrid zusammen, die er seit vielen Jahren kennt und dessen Mann ebenfalls nicht mehr lebt. Kurt Pusch war einst gar Trauzeuge bei ihrer Hochzeit.

Das Geschehen in Deutschland und vor allem in Heringen verfolgt der Wahl-Kanadier auch aus der Ferne noch – zum Beispiel im Internet. „Ich lese fast jeden Tag online Zeitung“, verrät Pusch, der trotz seines hohen Alters fit am Computer und mit dem Smartphone ist. Und auch wenn Puschs Deutsch inzwischen einen leichten englischen Akzent hat und sich immer wieder englische Wörter in seine Erzählungen mischen, eines können er und Anneliese Brand immer noch: Heringer Platt, wie er nicht ohne Stolz mitteilt.

Dünn besiedeltes Land

Schneemassen im kanadischen Winter.

Kanada ist der zweitgrößte Flächenstaat der Welt und mit rund 37,2 Millionen Einwohnern eher dünn besiedelt. Gut 80 Prozent der Bevölkerung leben in einem circa 350 Kilometer breiten Streifen entlang der Südgrenze zu den USA. Der kanadische Bundesstaat – eine parlamentarische Demokratie mit der britischen Königin als Staatsoberhaupt – besteht aus zehn Provinzen und drei bundesabhängigen Territorien. Die kanadischen Provinzen besitzen große Autonomie von der Zentralregierung, haben im Gegenzug aber nur relativ geringen Einfluss auf die bundesstaatliche Politik. Kanada ist ein traditionelles Einwanderungsland, in dem verschiedene Bevölkerungsgruppen in einer diversen Gesellschaft zusammenleben. Entsprechend vielfältig sind zivilgesellschaftliches und kulturelles Leben. Die hauptsächlich französischsprachige Provinz Quebec stellt mit ihrer Sprache und Kultur sowie mit ihren Institutionen eine Besonderheit unter den kanadischen Provinzen dar. Diplomatische Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland pflegt das Land seit 1951. 

Wenn auch Sie, liebe Leser, ausgewandert sind oder jemanden kennen, der ausgewandert ist oder seit längerer Zeit in einem anderen Land lebt, dann freuen wir uns über einen Kontakt über redaktion@hersfelder- zeitung.de oder Telefon 0 66 21 /16 11 49. nm

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