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Heringer Männerchor löst sich nach 173 Jahren auf

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Von: Jan-Christoph Eisenberg

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Finanzielle Unterstützung für Musik und Kultur: (von links) Otto Hartmann vom MGV Wölfershausen, Pfarrer Torsten Waap und die Vorsitzende Daniela Kirschner-König als Vertreter des Christopherunsvereins, der ehemalige Kassierer Hans-Georg Spangenberg, der ehemalige zweite Vorsitzende Joachim Gaurun, Bürgermeister Daniel Iliev als Vertreter der städtischen Kita und der ehemalige Vorsitzende Alois Prem bei der Übergabe des Vermögens des aufgelösten MGV Heringen.
Finanzielle Unterstützung für Musik und Kultur: (von links) Otto Hartmann vom MGV Wölfershausen, Pfarrer Torsten Waap und die Vorsitzende Daniela Kirschner-König als Vertreter des Christopherunsvereins, der ehemalige Kassierer Hans-Georg Spangenberg, der ehemalige zweite Vorsitzende Joachim Gaurun, Bürgermeister Daniel Iliev als Vertreter der städtischen Kita und der ehemalige Vorsitzende Alois Prem bei der Übergabe des Vermögens des aufgelösten MGV Heringen. © Jan-Christoph Eisenberg

Nach 173 Jahren hat sich der größte Chor im Landkreis Hersfeld-Rotenburg aufgelöst. Sein Vermögen hat der Männergesangverein gespendet.

Heringen – Den traurigen Schlussakkord nach über 173 Jahren Chorgesang bildete ein schnöder Verwaltungsakt: Am 25. August 2022 wurde der Männergesangverein Heringen aus dem Vereinsregister des Amtsgerichts Bad Hersfeld gelöscht.

Damit ist nicht nur der bislang älteste aktive Chor im Landkreis, sondern auch einer der ältesten im gesamten Mitteldeutschen Sängerbund für immer verstummt. Die Auflösung markiert zugleich das Ende einer mehr als 330-jährigen kulturellen Ära in der Werrastadt.

Denn zur Gründung 1849 auf Initiative von Lehrer und Kantor Karl Jacob Wehnes hatte der MGV die Aufgaben des Heringer Adjuvantenchors übernommen – eines Kirchenchors aus Erwachsenen und Schülern der Oberklasse, für den es erste Belege aus dem Jahr 1692 gibt.

Endgültig aufzuhören sei alles andere als leicht gefallen, betont der letzte MGV-Vorsitzende Alois Prem. Als die verbliebenen Mitglieder Mitte vergangenen Jahres für die Auflösung votierten, seien sogar Tränen geflossen. „Überalterung, nicht genügend Leute und kein Nachwuchs“ fasst der ehemalige Kassierer Hans-Georg Spangenberg die Gründe für den Schlussstrich zusammen.

Eine Entwicklung, die auch zahlreichen anderen Chören in der Region große Sorgen bereitet. Unter den zur Auflösung noch rund 30 Mitgliedern seien zuletzt mehr Passive als Aktive gewesen – viele davon hochbetagt. Selbst für die musikalische Begleitung von Beerdigungen langjähriger Sangesbrüder habe man zuletzt die Stimmen nur noch mit größter Mühe und Aushilfen besetzen können.

Aus der goldenen Ära des Heringer Chorgesangs: Anlässlich des 80-jährigen Bestehens wurde im Jahr 1929 dieses
Aus der goldenen Ära des Heringer Chorgesangs: Anlässlich des 80-jährigen Bestehens wurde im Jahr 1929 dieses © Vereinsarchiv

Ihre Auftritte bestritten die Heringer Sänger bereits seit einigen Jahren ohnehin nur noch gemeinsam mit dem Männerchor Wölfershausen, dem sich die verbliebenen Aktiven nun anschließen wollen.

Das Vereinsvermögen kommt nun satzungsgemäß Musik und Kultur im Stadtgebiet zugute: 1500 Euro übergaben die ehemaligen Vorstandsmitglieder deshalb an den MGV Wölfershausen, 1760,72 Euro an den Christopherus-Förderverein der evangelischen Kirchengemeinde, der kirchenmusikalische Angebote und Aktivitäten unterstützt und ermöglicht, sowie 1761,96 Euro an die städtische Kita, die die jüngsten Einwohner ans Singen heranführt.

Die „krummen“ Beträge resultieren laut dem ehemaligen Kassierer aus den bei den im Zusammenhang mit der Auflösung angefallenen Gebühren.

Sowohl die Stadt Heringen als auch der Christophorusverein haben angeboten, das Vermächtnis des aufgelösten Chores, etwa die Aufzeichnungen, zu bewahren – als Zeugnisse der Blütezeit des Chorgesangs in Heringen, welche die letzten Mitglieder teils noch selbst miterlebt haben, oder die in der Vereinschronik festgehalten ist: Insgesamt 55 Konzerte etwa, die seit dem Jahr 1907 gegeben wurden, die Teilnahme an Sendungen des Südfunks und des Hessischen Rundfunks, gemeinsame Auftritte mit namhaften Chören, Ensembles und Interpreten, Sängerfeste und nicht zuletzt die Familienabende des Chors. Was davon bleibt, ist die Erinnerung daran, die dem traurigen Schlussakkord nachhallt.

(Jan-Christoph Eisenberg)

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