Die weite Welt und wir 

Heringer Kult-DJ Beatle-Bone lebt seit 1984 in Finnland

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Rückzugsort: Norbert Heinz aus Heringen wanderte 1984 nach Finnland aus. Das Bild mit seiner Frau Maire entstand im Sommerhaus der Familie. 

In unserer Serie „Die weite Welt und wir“ erzählt heute Norbert Heinz aus Heringen, der nach Finnland ausgewandert ist, seine Geschichte.

Mit vollem Namen wird Norbert Heinz eigentlich nie angesprochen. „Die Finnen nennen mich nur Heinz, weil sie meinen Vornamen nicht aussprechen können“, erzählt der 71-Jährige am Telefon lachend.

Hafenstadt: Vaasa liegt im Westen Finnlands am Bottnischen Meerbusen.

Im Werratal ist er hingegen als „Beatle-Bone“ bekannt – und hat dort als ehemaliger DJ und Diskothekenbetreiber fast schon Legendenstatus. Seinen an einen Romantitel erinnernden Spitznamen hat ihm sein damaliges Aussehen eingebracht: Schlank wie eine Bohnenstange und lange Haare, „die hatte ich schon, als die Beatles groß rauskamen“. Geboren und aufgewachsen ist Norbert Heinz in Heringen. Bei der Lengerser Firma Messer lernte er Blechschlosser. Danach fuhr er zur See: „Heringen war mir zu langweilig“. Vier Jahre war Heinz auf der Nord- und Ostsee sowie dem Mittelmeer unterwegs. Auf einer dieser Reisen lernte er in der südfinnischen Hafenstadt Hamina seine spätere Ehefrau Maire kennen.

Idyllisch: Das Waldha us von Norbert Heinz mit Sauna/ Kaminzimmer und Geräteschuppen.

Zurück in Heringen, arbeitete er nach dem Wehrdienst kurz in seinem alten Beruf, bevor er Gastronom wurde: 1975 startete er in Lengers mit der Gaststätte Römerrad und baute die Diskothek Arena auf. „Eine wilde und verrückte Zeit“, blickt Norbert Heinz zurück. Später übernahm er die Kneipe „Schiffchen“ im Hohenrodaer Ortsteil Ransbach, wo Heinz und seine Familie zuletzt auch lebten. „Meiner Frau ist das alles zu wild geworden, sie wollte zurück in ihre Heimat“, erzählt der Heringer.

Norbert Heinz blieb noch fünf Monate in Deutschland, um alles abzuwickeln, und kam im Juni 1984 nach. Finnisch sprach er da allerdings noch nicht. „Ich kann es bis heute nicht perfekt“, gesteht der 71-Jährige. Die Verständigung klappe aber auch auf Englisch: „Das kann hier jeder, weil Filme nicht synchronisiert, sondern im Originalsprache mit Untertiteln gezeigt werden“.

Schwergefallen sei ihm der Neustart nicht: „Wo es mir gut geht, gefällt es mir“. Bei einem Trafo-Hersteller fand der Auswanderer schnell Arbeit. Doch schon bald zog es Heinz wieder in die Gastronomie: 1985 übernahm seine Frau eine Diskothek in Vaasa. Die Hafenstadt liegt an der Westküste und hat knapp 70 000 Einwohner. Das „Maximilan´s“ sei bald „so berühmt oder berüchtigt“ gewesen, dass es auch bei deutschen Seefahrern als Geheimtipp galt. Nach vier Jahren war allerdings Schluss – die Disco musste einem Parkhaus- und Geschäftsneubau weichen.

Erinnerungen: Dieses ehemalige Feuerschiff hat Norbert Heinz umgebaut und als Restaurant betrieben.

Heinz wurde Teilhaber in einem Striptease-Lokal, stieg aber kurz darauf aus, um mit einem Bekannten ein ehemaliges Feuerschiff zu einem schwimmenden Restaurant umzugestalten. Später bat ihn eine finnische Firma, wegen seiner Sprachkenntnisse die Montage eines Blockhauses nach Deutschland zu begleiten. „Danach habe ich mich gefragt, warum ich die Arbeit für Andere mache“, erinnert sich Heinz. Der Auswanderer machte sich selbstständig und errichtete Blockhäuser in ganz Europa. „Richtig große Gebäude“ betont er. Seit zwei Jahren ist der gebürtige Heringer im Ruhestand und lässt es inzwischen ruhiger angehen. Die Gesundheit mache nicht mehr so mit. „Irgendwann fordert das wilde Leben seinen Tribut“.

Norbert Heinz als 17-Jähriger mit langen Haaren, wie er vielen Heringern noch in Erinnerung ist.

Tochter, Sohn und die beiden Enkel leben ebenfalls in Vaasa. Entspannung finden Heinz und seine Frau in ihrem einsamen Sommerhaus mitten im Wald. Auf der Heimreise von Montagen hat der gebürtige Heringer regelmäßig bei Kumpels im Werratal vorbeigeschaut – zuletzt 2018. Lange hielt es ihn in der alten Heimat nie. „Ich vermisse nur die Getränkepreise“, scherzt er mit Blick auf die um rund ein Viertel höheren Lebenshaltungskosten in Finnland. „Ansonsten zieht mich nichts mehr nach Deutschland“.

Hintergrund: Dünn besiedeltes Land

Mit etwa 5,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche fast so groß wie Deutschland gehört Finnland zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas. Der Großteil der Bevölkerung lebt im Süden mit der Hauptstadt Helsinki sowie den Großstädten Espoo, Tampere, Vantaa und Turku. Amtssprachen sind Finnisch und Schwedisch, wobei 88,7 Prozent der Bevölkerung finnischsprachig sind. Die parlamentarische Republik ist seit 1917 unabhängig und seit 1995 Mitglied der EU. Finnland grenzt an Schweden, Norwegen, Russland und die Ostsee. Es wird als das „Land der Tausend Seen“ bezeichnet – tatsächlich sind es mehr als 186 000. Im Nordwesten befindet sich der „Haltifunturi“, mit 1324 Metern der höchste Berg des Landes. Die finnischen Wälder stellen den wichtigsten Rohstoff dar. Dementsprechend war die Holz- und Papierindustrie bis in die jüngste Vergangenheit der prägende Industriezweig. In den vergangenen Jahren ist die Papierindustrie jedoch von der Metall- und der Elektronikbranche überholt worden. Beide machen jeweils rund 20 Prozent der Produktion aus.

Wenn auch Sie, liebe Leser, ausgewandert sind oder jemanden kennen, der ausgewandert ist oder seit längerer Zeit in einem anderen Land lebt, dann freuen wir uns über einen Kontakt über redaktion@hersfelder- zeitung.de oder Telefon 066 21 /16 11 49.

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