Ehemalige Abbaukammern werden genutzt

Heringen: K+S verwertet Sondermüll in der Grube Wintershall

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Im letzten Arbeitsschritt bringt ein Schubwand-Schleuderfahrzeug das angefeuchtete Salz in die Zwischenräume der in den Hohlräumen verfüllten Big-Bags ein, um für Stabilität zu sorgen.

In der Untertage-Verwertung Wintershall verwertet der Kasseler Kalikonzern K+S Überreste von verbranntem Müll. In Säcken werden diese in ehemalige Abbaukammern eingestapelt.

Sie stützen so die verbliebenen Pfeiler. Sie sind hart wie Beton, wenn sie in mehreren hundert Metern Tiefe eingelagert werden. Die großen weißen würfelförmigen Säcke aus reißfestem Kunststoff, die sogenannten Big-Bags, sind jeweils gefüllt mit gut einer Tonne Filterstäube, die bei der Müllverbrennung entstehen. Der Kasseler Düngemittelkonzern K+S verwertet den Gefahrstoff, wo einst Kali im Schacht abgebaut wurde.

Die hundertprozentige Konzerntochter K+S Entsorgung GmbH mit Sitz in Kassel verwertet und entsorgt weniger stark belastete sowie hoch kontaminierte Stoffe an sieben Standorten bundesweit. In der Grube Wintershall in Heringen etwa werden die ehemaligen Abbaukammern mit Filterstäuben – auch aus dem Kasseler Müllheizkraftwerk – im sogenannten Stapelversatzverfahren verfüllt. Die kontaminierten Stoffe entstehen bei der Verbrennung von Siedlungsabfällen, also von Haushalts- und Gewerbeabfällen. Jährlich fallen davon bundesweit übrigens etwa 51 Millionen Tonnen an.

Berg soll gesichert werden

Die gefüllten Säcke werden etwa 500 bis 800 Meter unter der Erdoberfläche im Salzgestein verfüllt, tief unter allen Grundwasser führenden Schichten. Wasserundurchlässige Tonschichten und weitere Gesteinsschichten über dem Salzgestein schotten die Lagerstätte ab.

„Ziel ist die Bergsicherung“, sagt Arnd Schneider, Leiter der Abfallbeseitigung am Standort Wintershall. K+S verwende die Stäube als Ersatzbaustoff in bestimmten Bereichen der alten Abbaufelder, um die Pfeiler dort zu stabilisieren. Denn auf ihnen lastet der Gebirgsdruck. „Durch den Druck schälen sich die Pfeiler wie eine Zwiebel und werden schmaler“, erklärt der Ingenieur. Um sie zu stützen, werden die Big-Bags in die Hohlräume eingestapelt. 

Aus diesen Silos werden die Filterstäube in die Big-Bags gefüllt und durch Vibration verdichtet.

In Tankwagen und Containern werden zuvor die mit Schwermetallen und Dioxinen durchsetzten Filterstäube mit Lkw und Bahn angeliefert. Per Druckluft mit gut zwei Bar werden sie in Silos über Tage geblasen, von dort in die gut 90 mal 90 mal 120 Zentimeter messenden Säcke verfüllt und auf Rütteltischen durch Vibration verdichtet. 

Vorher werden noch Proben der Stoffe entnommen und im örtlichen Analytik- und Forschungszentrum chemisch analysiert. „Wir prüfen, ob der Abfall auch tatsächlich zur Deklaration passt“, erläutert Schneider. Wenn das Ergebnis positiv ist, werden die Säcke mit dem Förderkorb knapp 700 Meter in die Tiefe gebracht. Die Decke ist dort maximal 2,50 Meter hoch. Daher müssen die Big-Bags mit einem besonders flachen Tieflader zum stillgelegten Abbaubereich, dem sogenannten Alten Mann, gebracht werden.

Arnd Schneider, Leiter der Abfallbeseitigung

Dort angekommen, werden sie mit einem Teleskopstapler per Greifarm im Hohlraum gestapelt. In einem letzten Arbeitsschritt wird mit einem Schubwand-Schleuderfahrzeug angefeuchteter Salzstaub gegen die Säcke geschleudert. „Der haftet vor allem in den Zwischenräumen, bindet die Big-Bags an das Gebirge und sorgt ausgehärtet etwa drei bis fünf Stunden später für Stabilität“, erläutert Schneider.

Etwa 160 Mitarbeiter seien in der Grube Wintershall im Drei-Schicht-Betrieb mit der Verwertung des Sondermülls beschäftigt. „Sie sind im Umgang mit Gefahrstoffen speziell geschult“, so der Leiter der Abfallbeseitigung. Etwa 400 Big-Bags werden dort täglich verfüllt. „Im vergangenen Jahr haben wir im Betriebsbereich Wintershall eine Million Tonnen Filterstäube insgesamt verwertet.“

Bereits seit 1992 verwertet K+S die Gefahrstoffe auf diese Weise. Etwa 30 Prozent der ehemaligen Abbaukammern am Standort müssen noch verfüllt werden, denn K+S ist qua Gesetz dazu verpflichtet, Bergwerksbereiche, die nicht mehr den heutigen Sicherheitsstandards entsprechen, zu verfüllen.

Und wie steht es um die Sicherheit dieser Untertage-Lagerstätten? „Sie werden regelmäßig überprüft und sind gegenüber Gasen, Druck und Wasser resistent“, sagt Schneider. Nach Beendigung des Bergwerkbetriebs in etwa 40 Jahren würden die Schächte für immer langzeitsicher verschlossen und von der Biosphäre abgeschottet. „Theoretisch können die Stoffe ewig unter Tage bleiben.“

Stark belastete Abfälle lagern in Untertage-Deponien

Im Gegensatz zur Untertage-Verwertung in den Gruben Wintershall, Hattorf, Unterbreizbach (Thüringen), Bernburg und Zielitz (beide Sachsen-Anhalt) werden in den Untertage-Deponien Herfa-Neurode und Zielitz stark belastete Abfälle gelagert. Dazu zählen arsen-, cyanid- oder quecksilberhaltige Abfälle sowie hoch kontaminierter Boden und Bauschutt. Nicht eingelagert werden radioaktive, flüssige, infektiöse, gasbildende, hoch oder leicht entzündliche Abfälle. 

Für die Deponierung ist der gleiche Langzeitsicherheitsnachweis wie für die Untertage-Verwertung erforderlich. Die zuständige Überwachungsbehörde der Untertage-Deponie Herfa-Neurode ist das Regierungspräsidium Kassel, Dezernat Bergaufsicht am Standort Bad Hersfeld. 

Auf Anfrage teilte sie mit, der Langzeitsicherheitsnachweis, der einen geologischen Zeitraum von mehr als 100.000 Jahren betrachte, werde regelmäßig durch K+S aktualisiert und zur Kontrolle vorgelegt. „Er belegt, dass mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine Schadstoffe aus Abfällen in die Biosphäre gelangen.“ Diese Sicherheit werde durch ein Multibarrierensystem erreicht. „Grob umrissen handelt es sich um ein Salzpaket, das durch abdichtende Tonschichten von wasserführenden Schichten getrennt ist. Es besteht seit Millionen von Jahren.“ 

Notfallplan bei Zwischenfällen

Eine Gefahr für das Grundwasser bestehe nicht, weil der Lagerstättenteil, in dem sich die Deponie befindet, keine Verbindung zum Grundwasser habe. Auch eine Gefahr durch Erdbewegungen sieht die Behörde nicht. „Die Anlage liegt in keiner Erdbebenzone. Größere Gebirgsschläge, die durch den Abbau von Salz ausgelöst wurden, wie 1953 unter Widdershausen oder 1989 unter Völkershausen, hatten keine Auswirkung auf das Grubengebäude außerhalb der Gebirgsschlagfelder. Da in den Deponiefeldern kein Abbau betrieben wird, ist eine derartige Gefahr zu verneinen.“ 

Sollte es zu einem Zwischenfall kommen, greift der Behörde zufolge ein Notfallplan. In ihm seien verschiedene Konzepte zum Verschluss des Deponiekörpers zur Biosphäre konzipiert. Wenn das nicht gelinge, sei in letzter Konsequenz eine Rückholung der Abfälle erforderlich.

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