Heimat verloren und gewonnen

Helene Pforr setzte sich wie kaum eine andere für Kleinensee ein

Eine Frau, die sich im Leben behaupten musste: Gerne denkt Helene Pforr auch heute noch an den 13. März 2003 zurück, als ihr das Bundesverdienstkreuz (kleines Foto) überreicht wurde. Foto: Wilfried Apel

Kleinensee– Das Leben hat es ihr nicht leicht gemacht. Trotzdem hat Helene Pforr nie aufgegeben. In vielen Kleinenseeer Vereinen gehörte sie zu denen, die den Karren gezogen haben.

Für ihr nach der innerdeutschen Grenzziehung irgendwann abgeschnürtes und nur noch von Hönebach aus erreichbares Dorf hat sie nach der Grenzöffnung unermüdlich gekämpft. Dabei war es gar nicht „ihr“ ureigenes Dorf, denn ihre Heimat war Ohren im Sudetenland, von dessen Höhen aus die 1929 Geborene so gern ins romantische Elbtal schaute.

Alle Mitglieder ihrer Familie waren sehr musikalisch und spielten gleich mehrere Instrumente, sodass es nicht weiter verwundert, dass sie schon mit neun Jahren das Akkordeonspiel erlernte. Und 1944 daran dachte, nach Leipzig zu gehen und sich auf dem Konservatorium weiter ausbilden zu lassen.

Der Krieg machte ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung, die Entwicklung in der wieder erstehenden Tschechoslowakei veränderte ihr ganzes Leben: Am 7. Juli 1946 wurde die Familie nach Enteignung und Ausweisung mit gerade einmal 30 Kilogramm Gepäck pro Person in einen Viehwaggon gesperrt und aus der Heimat vertrieben. Endstation nach dreiwöchiger Zugfahrt war das Lager Nippe, wo 400 Menschen tagein tagaus von Graupensuppe leben mussten.

Der Zufall verpflanzte sie dann nach Kleinensee, wo sie mit Großeltern, Mutter, Tante und Cousin Unterkunft bei Familie Hannes fand. „Karches“ meinten es gut mit den nicht überall gelittenen Flüchtlingen und schenkten ihnen sogar Kartoffeln. Als Helene ihren Ehemann Martin Pforr kennengelernt und geheiratet hatte, war das nicht mehr nötig. Man lebte von der Landwirtschaft und konnte – und musste – es mit den hinzukommenden drei Kindern auch, bis Martin früh starb. In aller Trauer war das Anlass für die Kleinenseeer „Neu-Bürgerin“ sich mehr denn je und mit voller Hingabe in den örtlichen Vereinen zu engagieren. So war sie zehn Jahre stellvertretende VdK-Vorsitzende und im Gesangverein, in dem sie dieses Jahr auf 50 Jahre Mitgliedschaft zurückblicken kann, 27 Jahre lang Notenwartin, 16 Jahre stellvertretende Vorsitzende, und 15 Jahre lang vertrat sie im oft eintretenden Verhinderungsfall den Dirigenten.

Im Heimat- und Verkehrsverein war sie bis 2017 ein Vierteljahrhundert lang – noch als 88-Jährige – Schriftführerin, dem von ihr mitbegründeten Landfrauenverein diente sie ebenfalls 25 Jahre lang als Vorsitzende, und letztendlich sang sie aus lauter Freude sogar noch von 2007 bis 2015, als ihr Schwiegersohn Josef Koster dort das Chorleiteramt ausübte, im Frauenchor Raboldshausen mit, der ihr anschließend die Ehrenmitgliedschaft antrug.

Als Vorsitzende der Bürgerinitiative für die Wiederherstellung der Landesstraße von Kleinensee nach Dankmarshausen freute sich Helene Pforr über die von Ministerpräsident Bernhard Vogel (rechts) bei einem Besuch gegebene Zusage, dass es 1999 losgeht. Links im Bild: Roland Koch.

Bis hinauf zu den Landesregierungen in Erfurt und Wiesbaden wurde „Leni“, wie sie von allen, die sie kennen, liebevoll genannt wird, als Vorsitzende der Kleinenseeer Bürgerinitiative bekannt, die sich für die Wiederherstellung der von dort ins thüringische Dankmarshausen führenden Verbindungsstraße einsetzte. Dieses Teilstück war nach der Grenzöffnung bei den verschiedensten Wiedereröffnungen „irgendwie vergessen“ worden, sodass es eines langen Kampfes mit Demonstration und umfangreichem Schriftverkehr mit Behörden bedurfte, um den „Neubau“ auf den Weg zu bringen. Letztendlich sagte der damalige thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel „Leni“ die Baumaßnahme in Anwesenheit des späteren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch auf dessen Sommerreise 1998 persönlich zu. Als die Straße Ende 2000 verwirklicht worden war, gab ein von Helene Pforr immer wieder genervter Behördenleiter bei der Einweihung ihr gegenüber zu: „Wenn man etwas erreichen will, muss man auch auftreten!“

Genau das hat die fast 90-jährige Helene Pforr an vielen Stationen ihres Lebens machen müssen. Bescheiden wie sie ist, fragt sie sich heute allerdings so manches Mal: „Wie habe ich das alles nur geschafft?“

Zur Person

Helene Pforr

wurde am 8. Februar 1929 als einziges Kind des Möbelschreiners Alfred Weigend und dessen Ehefrau Henriette in Ohren im Kreis Tetschen-Bodenbach (Sudetenland) geboren. Nach Schulbesuch, Pflichtjahr und Arbeit in einer Bekleidungsfirma wurde sie im Juli 1946 mit der ganzen Familie vertrieben. Nach der Erstunterbringung im Lager Nippe kam sie in Kleinensee unter, wo sie 1948 den kriegsversehrten Landwirt Martin Pforr heiratete. Drei Kinder wurden den Eheleuten geschenkt. 1980 verstarb ihr gerade einmal 55 Jahre alt gewordener Ehemann, 2016 ihr 61 Jahre alt gewordener jüngerer Sohn Erich. Zusammen mit ihrem älteren Sohn Ingolf lebt sie bis heute im Geburtshaus ihres Ehemannes, wo sie auch immer wieder von ihrer Tochter Lore Koster betreut wird. Für ihre mannigfaltigen Verdienste wurde Helene Pforr 1989 mit dem Landesehrenbrief und 2003 –- vor allem für ihren Einsatz für die Wiederherstellung der Verbindung von Kleinensee nach Dankmarshausen – mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

VON WILFRIED APEL

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